Theologie

Mit Gnade zur Einigung

Die protestantischen Kirchen von Zürich und Genf vertraten lange Zeit unterschiedliche Auffassungen über die Bedeutung des Abendmahls. 1549 kam es zur historischen Einigung. Eine neue Publikation des Institutes für Schweizerische Reformationsgeschichte beleuchtet den «Consensus Tigurinus».

Lidija Roos

Buchcover «Consensus Tigurinus»: Oekumenische Basis des Evangeliums praktisch umgesetzt. (Bild: zvg)

Der Ort für die Buchvernissage vom 6. September hätte nicht passender sein können. Sie fand in den historischen Gemäuern der Helferei des Grossmünsters Zürich statt - am selben Ort, wo sich 1549 die Häupter der protestantischen Kirchen Zürich und Genf über das Abendmahl einigten.

Das richtige Verständnis des Abendmahls war in den reformatorischen Kirchen zuvor heftig umstritten gewesen. Die zwinglianisch gefärbte Position von Heinrich Bullinger (1504–1575), dem Nachfolger Zwinglis und Leiter der Zürcher Kirche, stimmte nicht mit der Überzeugung des Genfer Reformators Johannes Calvin (1509–1564) überein.

Gegenwart Christi?

Bullinger bestritt, dass die Sakramente des Abendmahles die Gnade verleihen würden. Seiner Ansicht nach stellten sie bloss äusserlich dar, was der Heilige Geist innerlich vermittelt. Calvin hingegen rückte inneres und äusseres Geschehen näher zusammen und betonte die geistliche Gegenwart Christi im Abendmahl. Diese Uneinigkeit diskutierten die beiden Reformatoren in zahlreichen Briefen, die nun übersetzt in der neuen Publikation «Consensus Tigurinus» vorliegen.

«Consensus Tigurinus», also «Zürcherischer Konsens», hiess auch das 26 Artikel umfassende Abkommen über die Sakramente und insbesondere das Abendmahl. Es wurde im Mai 1549 im Namen der Genfer Pfarrer von Johannes Calvin und Guillaume Farel und für die Zürcher Pfarrer von Heinrich Bullinger unterzeichnet.

Den Graben überbrücken

Mit dieser Einigung war nicht nur der Grundstein für die reformierte Kirche geschaffen, sondern auch die Basis des Evangeliums praktisch umgesetzt. Die Einigung stellte nicht den Sieg einer Partei über die andere dar, sondern war Resultat einer reflektierten Annäherung.

Gemäss Emidio Campi, emeritierter Professor für Reformationsgeschichte an der Universität Zürich und Mitherausgeber der Publikation, ist dieser ökumenische Charakter des «Consensus Tigurinus» aus heutiger Sicht gleichermassen erstaunlich als auch als weitsichtig zu bewerten.

Emidio Campi, emeritierter Professor für Reformationsgeschichte, Universität Zürich: «Consensus Tigurinus» als Geburtsurkunde des reformierten Protestanismus. (Bild: zvg)

«Die Einigung über das Abendmahl war eine „win-win“ Situation», so Campi. Die verschiedenen Ansichten seien als Reichtum erkannt und wahrgenommen worden. In der Einigung über das Abendmahl zeige sich die Fähigkeit der Reformatoren, nicht den Differenzen zu huldigen, sondern die Chancen zur Veränderung anzupacken.

Die Quintessenz des «Consensus Tigurinus» ist dann auch die Gnade Gottes, die jeden noch so grossen Graben zu überbrücken vermag. Gemäss Campi kann die Bedeutung dieser Einigung kaum überschätzt werden: «Der Consensus Tigurinus wurde zur eigentlichen Geburtsurkunde des reformierten Protestantismus.»

Kritische Edition und Briefwechsel

Die neu erschienene Publikation enthält unter anderem eine moderne kritische Edition des lateinisch verfassten Originaltextes, zeitgenössische Übersetzungen, dokumentiert den erwähnten Briefwechsel und enthält Erwägungen zur heutigen Feier des Abendmahls.

Zur Buchvernissage hatten die Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich, das Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte an der Universität Zürich und der Theologische Verlag Zürich (TVZ) eingeladen. Emidio Campi/Ruedi Reich, Hrsg.,  Consensus Tigurinus (1549). Die Einigung zwischen Heinrich Bullinger und Johannes Calvin über das Abendmahl. Werden – Wertung – Bedeutung, Theologischer Verlag Zürich 2009, 410 Seiten.

Lidija Roos ist Verwaltungsassistentin am Theologischen Seminar.

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