Freiwilligenarbeit

Mehr als studieren

Freiwilligenarbeit ist eine gute Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen und dabei wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Zwei Studentinnen der Universität Zürich berichten von ihren Erfahrungen als Freiwillige – in Zürich und Nepal.

Adrian Ritter

Mentoringprojekt: Studierende unterstützen Jugendliche bei schulischen Problemen oder der Lehrstellensuche.

Zuerst von Zürich ins ländliche Bayern, später in die Grossstadt München und mit 19 Jahren zurück in die Schweiz: Soziologiestudentin Natalie Zryd kann sich gut an ihre eigenen «Migrationen» erinnern. Den schmerzlichen Abschied von den Freunden und die Einsamkeit, die sie am neuen Wohnort zu Beginn jeweils empfand.

Kein Zufall also, dass sich die Soziologiestudentin auf der Suche nach Freiwilligenarbeit für ein Projekt des Jugendrotkreuzes des Kantons Zürich entschieden hat. Gesucht wurden dabei Studierende, die als Mentorin oder Mentor Jugendliche mit Migrationshintergrund unterstützen, etwa bei schulischen Problemen oder der Lehrstellensuche.

Kommunikation mit Grenzen

Natalie Zryd hat sich während sechs Monaten regelmässig mit einem 15-jährigen Jugendlichen aus Brasilien getroffen, der in Zürich eine Integrationsklasse besucht. Sie hat ihm beim Deutsch lernen und bei den Hausaufgaben geholfen, etwa mit Kartenspielen, bei denen man nebenbei neue Wörter lernt. «Es war keine einfache Aufgabe, denn der Jugendliche war in Brasilien nur wenige Jahre zur Schule gegangen und hatte manchmal Mühe, sich zu konzentrieren und zu motivieren», sagt Natalie Zryd.

Wie bei vielen Mentoringpaaren des Jugendrotkreuzes war die Kommunikation mit dem Schüler eine Herausforderung. Ohne Portugiesischkenntnisse ihrerseits und praktisch ohne Deutschkenntnisse seinerseits war die Übersetzungshilfe von anderen Schülern der Integrationsklasse sehr willkommen.

Natalie Zryd: «Bildung ist die Basis für ein selbstbestimmtes Leben.» (Bild: Adrian Ritter)

Bildung als Basis

Natalie Zryd möchte die Erfahrung nicht missen: «Ich habe Einblick erhalten in die Lebenswelt und Probleme von Migranten und der Chancenungleichheit zumindest im kleinen Rahmen abhelfen können.» Der Einsatz war für sie eine gute Ergänzung zum Studium, wo sie in ihrer Lizentiatsarbeit vergleichend die Bildungspolitik mehrerer afrikanischer Staaten untersucht.

Die Beschäftigung mit Bildungsfragen fasziniert sie. «Ich würde gerne nach dem Studium beispielsweise für die Unesco zu Bildungsfragen forschen. Denn Bildung ist das grundlegendste Kapital eines Menschen, die Basis für ein selbstbestimmtes Leben», so Natalie Zryd.

Nepalesische Waisenkinder: Mithilfe von Freiwilligen beim Fussballspiel und Gitarrenunterricht.

Zwischen Alltag und Fachwissen

Um Bildung drehte sich auch die Freiwilligenarbeit, die Jeanine Grütter von Januar bis März 2009 leistete. Die Psychologiestudentin war für den 1998 in Deutschland gegründeten Verein «Govinda Entwicklungshilfe» in einer Schule und einem Heim für Waisenkinder in Nepal tätig.

Nepal litt in den vergangenen Jahrzehnten unter einem Bürgerkrieg zwischen Maoisten und der Regierung. Auch die heutige Demokratie ist alles andere als stabil. Jeanine Grütter ist trotzdem fasziniert von dem Land, dessen Bevölkerung aus mehr als hundert Ethnien und einem Nebeneinander von Hinduismus, Christentum, Buddhismus und Islam besteht.

Jeanine Grütter hat einerseits im Alltag der Schule und des Heimes mitgeholfen und Essen verteilt, Fussball gespielt und den Kindern Gitarre unterrichtet. Andererseits hat sie ihr Fachwissen aus dem Studium und früheren Praktika in Erziehungsberatung und Kinderheimen einfliessen lassen können.

Der indirekte Weg

Die nepalesischen Mitarbeitenden können nicht auf sozialarbeiterische und heilpädagogische Ausbildungen zurückgreifen, weil solche in Nepal nicht existieren. So unterstützte Jeanine Grütter die Schule und das Heim etwa bei folgenden Fragen: Wie können Kinder sinnvoll unterrichtet werden? Wie soll man mit pubertierenden Jugendlichen umgehen?

Dabei war Fingerspitzengefühl gefragt, denn Jeanine Grütter wollte nicht als westliche Belehrerin auftreten. Direkte Kritik zu äussern, ist in Nepal verpönt. Wenn sie etwa die Idee einfliessen lassen wollte, dass die Lehrkräfte die Schüler bei Fehlern nicht vor der ganzen Klasse blossstellen sollten, musste sie behutsam vorgehen: «In der Schweiz würde man das direkt sagen und dann ist die Sache erledigt.» In Nepal galt es vor allem, die richtigen Fragen zu stellen, damit die Mitarbeitenden die Idee selber entwickeln konnten.

Jeanine Grütter: Bei ihrem Einsatz war Fingerspitzengefühl gefragt. (Bild: zVg)

Unterschiedliche Nachhaltigkeit

Geschärft hat Grütter auch ihr Gespür dafür, welche Art von Freiwilligenarbeit Sinn macht. So hat sie in Nepal viele Rucksacktouristen angetroffen, die nebenbei zwei Wochen lang als Englischlehrer tätig waren: «Das ist unnötig und nimmt den einheimischen Englischlehrern die Arbeit weg.»  

Ihren eigenen Einsatz hat sie deutlich nachhaltiger erlebt. Jeanine Grütter hatte eine Psychologiestudentin als Nachfolgerin, welche ihre Arbeit weiterführte. Zudem begann der lokale Manager der Schule, eine Supervision für sein Team einzuführen. Auch den Weg, Ideen auf indirektem Weg zu erarbeiten, schätzt sie als sinnvoller ein: «Wenn die Mitarbeitenden die Antworten auf ihre Fragen selber entwickeln, setzen sie sie auch eher um.»

Jeanine Grütter wird dem Projekt weiterhin verbunden bleiben und den Verein Govinda in der Schweiz bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. Auch einen weiteren Einsatz im Projekt in Nepal kann sie sich nach Abschluss des Studiums in rund zwei Jahren vorstellen.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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