Navigation auf uzh.ch

Suche

UZH News

100 Jahre Rämistrasse 74

«Kühne Überlistung der Architektur»

Die Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich mit ihrer Kuppel ist weltweit einmalig. Auf dem Symposium «100 Jahre Institutsgebäude Rämistrasse 74» erläuterte der Kunsthistoriker Stanislaus von Moos das Faszinosum dieser Architektur.
Stanislaus von Moos

Kategorien

Santiago Calatrava: Faltwerk im Dach der Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Instituts (Baustellenaufnahme).

Architektur ist eine statische Kunst. Doch leidet sie an einem kaum zu überlistenden konstitutionellen Defizit: nämlich mangelnder Bewegung und Mobilität. Nun ist es vielleicht kein Zufall, dass diese Vorstellung von gebauter Form als einer Verkörperung von Leben, von Bewegung, auch im Ingenieurwesen eine bedeutende Rolle spielte und weiterhin spielt. Ja Bewegung – verstanden als Kräftefluss – scheint dem Ingenieurdenken bis zu einem gewissen Grade sogar inhärent zu sein. Das zeigt auch die Arbeit von Santiago Calatrava.

Zoomorphe Gebäude mit ausgreifenden Tentakeln

Es genügt, sich ein paar seiner bekanntesten Projekte zu vergegenwärtigen: Nach der Art tropischer Pflanzen weit ausgreifende Raumschalen, symmetrisch ausgelegt wie die Physiologie von Insekten oder maritimen Schalentieren oder wie Skelette von noch unentdeckten Dinosauriern, deren Rückgrate riesige Flughafenabfertigungs- oder Ausstellungshallen überspannen, gigantische zoomorphe Gebäude, von denen Tentakel ausgreifen, die ihrerseits wieder gewaltige Dachschalen bilden oder abenteuerlich weit auskragende Vordächer sowie Passagen und Brücken, die weit ins städtische oder landschaftliche Umfeld ausgreifen.

Leitfigur Antoni Gaudì

Ausserdem Bauten, deren Dächer sich wie Schnitte einer Orange nach oben öffnen können. Nichts liegt näher, als in diesem Zusammenhang an Ernst Haeckel zu denken, dessen «Die Kunstformen der Natur» bereits mehrere Generationen von Architekten fasziniert und angeregt hatten, und unter den vielen insbesondere einen, der seinerseits zu den fundamentalen Leitfiguren Calatravas gehört: nämlich der Katalane Antoni Gaudì.

Calatrava entwirft Bauten, die nicht nur Bewegungsabläufe als statische Konstruktion sinnbildlich verkörpern und zur Darstellung bringen. Er entwirft kinetische Architektur. Schöpfergleich spielt er mit der Idee künstlichen Lebens.

Er erfindet gleichsam Bauwerke als selbsttätige Automaten. Gemessen an dem, was Computer heute leisten, mag das, was diese Maschinen an Bewegungen vollführen, vergleichsweise tolpatschig anmuten – als Präzisionsinstrumente in der Chirurgie wären diese Maschinen vermutlich unbrauchbar. Sinn machen sie letztlich nur im Zusammenhang der Architektur als eine kühne Überlistung der Architektur mit ihren eigenen Mitteln. Wie ein bizzarrer, der Architektur abgerungener Triumph über die Statik.

Wenig ästhetischen Spielraum für den Bau einer Präsenzbibliothek

Die Ästhetik dieses Architekten hängt eng zusammen mit Struktur im Sinne von Konstruktion im Spannungsfeld von konstruktiver Rationalität und surrealistischer Phantastik, wobei allerdings unverkennbar ist, dass die hier gegebene Aufgabe, der Bau einer rechtswissenschaftlichen Präsenzbibliothek für eine so geartete Ästhetik naturgemäss wenig Spielraum bietet.

An klassischen Vorbildern fehlt es gerade in der Schweiz nicht: es genügt, an die Klosterbibliotheken von St. Gallen und Einsiedeln zu denken: Diese kennzeichnen sich dadurch, dass die Regale den Wänden entlang hochgeführt und durch Galerien erschlossen sind.

Und nun das Erstaunliche: Calatrava, der Konstrukteur von Flughafenterminals, Bahnhöfen und Konzerthallen, beschränkt sich im vorliegenden Fall darauf, den ingenieurtechnischen Hochseilakt fast unsichtbar, im Dach versteckt, zur Aufführung zu bringen, während er sich für die Bibliothek selbst auf das klassische, will sagen (in unseren Breitengraden), das barocke Muster der Präsenzbibliothek stützt.

Das heisst, er baut Regale, den in diesem Fall konkav geschwungenen Wänden entlang aufgestellt und durch Galerien für die Benutzer erschlossen, Regale, die zusammen mit den Schalen ihrer Rückwände ihrerseits ein gebautes Kabinettstück schweizerischer Präzisions-Möbelschreinerei darstellen, wobei auf den Galerien noch Arbeitsplätze angeordnet sind, so dass die Bestimmung des Raums als Bibliothek gar nicht unmittelbar erkennbar ist, weil man die Regale als solche vom zentralen Lichthof aus nicht sieht.

Calatrava-Bibliothek: Die Regale an den konkav geschwungenen Wänden werden durch Galerien für die Benutzer erschlossen.

Dem Zweck dienen und ihn gleichzeitig vermummen

Das Buch, primäres Instrument und auch Symbol der wissenschaftlichen Autorität – in der Rechtswissenschaft wohl noch unmittelbarer als in anderen Disziplinen – bleibt unsichtbar. Die Architektur dient ihrem Zweck, indem sie ihn gleichzeitig vermummt.

Was, schliesslich, ist von dem mandelförmige Glas-Auge zu sagen, das dem Bau aufgesetzt ist, und das ihm seinen Rang im Konzert der Hörsaalbauten im Universitätsquartier verleiht, beinah – aber doch nicht ganz – auf gleicher Stufe wie das Hauptgebäude der Uni und das Hauptgebäude der ETH, das erste mit einem Turm, das zweite mit einer Kuppel ausgezeichnet? Hier, wenn irgendwo, waltet die Symbolik.

Jahrhundertelang konnte man sich einen Ort der religiösen und der weltlichen Autorität kaum anders als ein Gebäude vorstellen, das mit einer Kuppel überdeckt ist, der englische Begriff für Kuppel, «dome», spiegelt schon als solcher die Rolle, die der Symbolik dieser Bauform seit der römischen Antike (seit, sagen wir, dem Pantheon in Rom) in der abendländischen Architektur-Ikonologie zukommt.

Ein Architektenspleen?

Möglich, dass hier vielleicht zu viel aus dieser «Kuppel» gemacht wird (die ja im strengen Sinn keine solche ist). Andererseits ist die Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Instituts mit ihrer Kuppel ein Unikum: keine unter den mir bekannten neuen Bibliotheken der Welt geschweige denn Zürichs weist eine vergleichbare Bekrönung auf. Wie ist das Paradox aufzuschlüsseln? Handelt es sich bei der Faszination Kuppel im vorliegenden Fall um einen Architektenspleen?

Calatrava-Bibliothek: Die Kuppel sammelt das Licht.

Falls ja, dass ist dieser Spleen allerdings doch mehr als gerade das. Calatravas Faszination mit dem Thema der Licht-sammelnden Kuppel erreichte um 1990 einen Höhepunkt, im Zusammenhang mit dem Wettbewerb für den Ausbau des Reichstagsgebäude in Berlin – eines der politisch brisantesten Bauvorhaben der neunziger Jahre in Europa überhaupt, vergleichbar vielleicht mit dem Berliner Schlossneubau heute. Nun stammt der kuppelartige Aufbau des renovierten Reichstagsgebäudes natürlich nicht von Calatrava, sondern von Sir Norman Foster.

Ein Stück Trauerarbeit

Wie gesagt, Calatrava gewann nur den 2. Preis, doch war Berlin von der Idee, dass der Reichstag wieder eine Kuppel bekommen sollte, offenbar dermassen fasziniert, dass der erstrangierte Foster zwar tatsächlich mit dem Auftrag betraut wurde, jedoch mit der Auflage, seiner Lösung die Konzeptidee des zweitrangierten Calatrava zugrundezulegen.

Das Resultat war dieser Bau und allgemeiner: der Beweis, dass der Typus der Kuppel offenbar bis heute zum Symbol-Inventar der parlamentarischen Demokratie gehört und in gewisser Weise auch zu einem Inbegriff für das geworden ist, was einige das «Capital Dilemma» der deutschen Hauptstadt genannt haben.

Auf Seiten Calatravas war das Resultat ausserdem auch eine begreifliche Enttäuschung (um nicht zu sagen eine weit über Berlin hinaus unüberhörbare Empörung). Und was Zürich anbelangt, bietet es die Möglichkeit, die Glas-Mandel auf dem Dach des Rechtswissenschaftlichen Instituts nebst allen anderen Dingen, die es dazu zu sagen gäbe, auch als ein Stück Trauerarbeit zum Thema der gescheiterten Reichstags-Ambitionen des Architekten Calatrava zu deuten.