Schulen

Kompetente Schüler

Heterogene Klassen und individualisierter Unterricht stellen hohe Ansprüche an Schulen und deren Lehrerschaft. Chancen und Grenzen der Individualisierung beleuchtete Unterrichtsforscher Kurt Reusser auf der Einführungsveranstaltung zum Kongress über Unterrichtsforschung und Unterrichtsentwicklung, die vom 29. Juni bis 1. Juli stattfand. 

Marita Fuchs

Grussrede von Regierungspräsidentin Regine Aeppli: «Die Bildungsforschung muss komplexe Zusammenhänge entschlüsseln.» (Bild: Marita Fuchs)

Die Ergebnisse der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2001 rüttelten die Schweiz auf. «Blick» titelte damals: «Sind unsere Schüler Trottel?» Bildungsfachleute und Politiker diskutierten Möglichkeiten, den Unterricht zu optimieren und Kinder – auch aus bildungsfernen Schichten – besser in das Schulsystem einzubinden. «PISA habe zwar Zahlenmaterial zum Bildungssystem geliefert, jedoch konnten damit kaum Aussagen getroffen werden, was die Qualität von Lehr- und Lernprozessen eigentlich ausmacht», führte Pädagogik-Professor Kurt Reusser auf der Einführungsveranstaltung zum Kongress aus.

Grussrede von UZH-Prorektor Otfried Jarren: «In der Lehre müssen Situationen systematisch geplant und der Stoff muss zeitlich produktiv eingesetzt werden.» (Bild: Marita Fuchs)

Um Aussagen zur Lernqualität zu erhalten, untersuchte Reusser, wie sich so genannte «Erweiterte Lehr- und Lernformen» (ELF) auf den Lernerfolg auswirken. Unter ELF versteht man ‚offenere’ Lernformen – wie etwa Gruppenarbeit – bei denen Schülerinnen und Schüler zum selbstständigen und kooperativen Lernen angeleitet werden und dabei das eigene Lernverhalten reflektieren und verbessern.

Lehrer im Mittelpunkt des Lerngeschehens

Reusser hat anhand von Videoaufnahmen des Mathematikunterrichts an Schweizer Schulen die Unterrichtsformen genau unter die Lupe genommen. «In der Deutschschweiz gibt es tatsächlich verschiedene Unterrichtskulturen», so Reusser, «die sich vor allem in Bezug auf den Einsatz unterschiedlicher Lern- und Sozialformen unterscheiden».

Reussers überraschendes Fazit: ELF führe zwar dazu, dass die Schülerinnen und Schüler den Unterricht positiver wahrnehmen, ihr fachbezogenes Lernen jedoch nicht automatisch gründlicher und vertiefter wird. Nach wie vor spielt die anleitende Rolle der Lehrerinnen, des Lehrers eine wichtige Rolle.

Professor Kurt Reusser: «You haven’t taught until they have learned». (Bild: Marita Fuchs)

30 Prozent der schulischen Leistungen können durch die Arbeit der Lehrpersonen erklärt werden. Vor allem die eher mittelmässigen Schülerinnen und Schüler würden von guten Lehrern profitieren, führte Reusser aus. Für Lehrpersonen sei es wichtig, auf die Lernqualität bei den Schülern zu achten, diese möglichst individuell zu unterstützen und den Lernstand der Schüler zu dokumentieren, damit sich fachliche und überfachliche Lernprozesse verbessern lassen. «Ständiges Feedback sorgt für mehr Qualität», sagte Reusser.

Frontal oder offen

Ist stärker individualisiertes Lernen traditionellem Unterricht per se überlegen? Auch beim Unterrichten kommt es – wie immer – auf die Qualität an. Ein guter Unterricht ist klar strukturiert, stellt den Schülern immer wieder neue Herausforderungen, zeigt ihnen, wo sie im Lernprozess stehen und wie sie sich verbessern können. Diese Ziele kann man im Frontalunterricht erreichen wie im offenen Unterricht.

Kompetenz und Spannung

Allgemein betrachtet komme es jedoch nicht nur auf den durchgenommen Stoff an, sondern auf die Kompetenzen, die die Schüler durch den Unterricht entwickeln: Können sie selbstständig ein Thema erarbeiten?

Wurden sie vom Stoff mitgerissen? «Kinder müssen das Lernen entdecken als etwas Spannendes, denn alles, was sie lernen, macht sie autonomer», stellt Reusser fest.

All das zu vermitteln, erfordere eine hohe didaktische Aufmerksamkeit von der Lehrperson. Eine anspruchsvolle Aufgabe, zu der noch die Herausforderung komme, mit den heute sehr heterogenen Klassen umgehen zu können. Auf Dauer müssten sich Lehr- und Lernformen so entwickeln, dass der Heterogenität der Schüler in Kultur, Alter und Entwicklungsstand Rechnung getragen werden könne.

Kritik jenseits der Drohkulisse

Um den Unterricht zu verbessern, bedürfe es einer hohen Bereitschaft, umzulernen, meinte Reusser. «Man darf jedoch nicht unterschätzen, wie tief verankert die Unterrichtsroutinen von Lehrern sind.» Diese zu verändern, erfordert viel Mühe und Offenheit gegenüber reflexiver Kritik am eigenen Unterricht. «Qualitätsverbesserungen können nicht einfach nur herbeigeredet werden, sie bedürfen einer klugen systemischen Unterstützung durch alle Beteiligten, jenseits von Drohkulissen und Kontrolldruck», resümierte Reusser.

Der Jahreskongress 2009 der SGBF und der SGL unter dem Thema: Unterrichtsforschung und Unterrichtsentwicklung fand vom 29. Juni bis 1. Juli 2009 an der Universität Zürich statt.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000