Studierendenaustausch mit China

«Fragen ist interessanter als immer nur zuhören»

Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich hat mit zwei Universitäten in China ein Austauschprogramm gestartet. Die ersten Erfahrungen sind positiv.

Brigitte Blöchlinger

Im vergangenen Jahr hat die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich mit der Tsinghua University in Peking und der Fudan University in Shanghai Fachabkommen unterzeichnet bzw. ausgebaut. Damit können Studierende der drei Universitäten Austauschsemester im anderen Land absolvieren. Die beteiligten Universitäten setzen dabei auf Qualität, nicht auf Quantität: «Bei Andrang haben Master-Studierende und jene mit den besten Noten Vorrang», sagt Alex Angehrn, Geschäftsführer der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der UZH. Es sollen sechs Studierende pro Jahr in China bzw. in Zürich studieren können.

Lernten nicht nur die Universität kennen: Bian Wu, Sunny Sun und Kimmie Cheung (v.l.n.r.) zu Besuch bei der Zurich Financial Services Group. (Bild: zVg)

Im Herbstsemester sind nun erstmals drei Studentinnen im Rahmen der Abkommen an die Universität Zürich gekommen. Im Frühling wird eine weitere Fudan-Studentin ihr Austauschsemester beginnen. Im Gegenzug ist bis jetzt je ein Student der UZH an eine der beiden chinesischen Universitäten gegangen, ein dritter wird im Frühlingssemester folgen.

Anspruchsvolle Studiengänge

Die Masterstudiengänge in Zürich werden von den chinesischen Austauschstudierenden als «inhaltlich sehr anspruchsvoll» empfunden, hat Alex Angehrn erfahren. Die Austauschstudierenden belegen in der Regel englisch gesprochene Vorlesungen und Übungen. Die meisten beherrschen Englisch genügend gut, um nach einer gewissen Anpassungszeit an die lokale Aussprache dem Unterricht zu folgen. «Für mich war es zu Beginn sehr schwierig», erinnert sich die chinesische Austauschstudentin Sunny Sun, die letzte Woche nach Peking zurückgeflogen ist, «ich verstand das Englisch des Professors nicht, erst im zweiten Kurs gewöhnte ich mich an seinen Akzent. Aber meine Professoren waren sehr nett.»

Mehr Selbstorganisation an der UZH

Die Fähigkeit zur Selbstorganisation, die von den Studierenden hier erwartet wird, ist für die Studierenden aus China eine Herausforderung, sagt Alex Angehrn aus Erfahrung. In China läuft der Unterricht anders ab. So sind die chinesischen Studierenden es nicht gewöhnt, selbst Vorträge zu halten, erzählt Sunny Sun: «Darin hatte ich keine Übung. Ich habe dann aber doch drei Präsentationen gemacht.»

Die chinesische Studentin Kimmie Cheung bestätigt die Unterschiede. «Die Beziehung zu den Professoren hier ist anders als in Shanghai», umschreibt sie es. «Hier können die Studenten einfach aufstrecken, wenn sie eine Frage haben. Für mich war das zu Beginn eigenartig, denn bei uns in China warten wir, bis wir aufgefordert werden zu fragen, in der sogenannten Question and Answer section. Hier in Zürich habe ich erfahren, dass man mehr lernt, wenn man sofort seine Fragen platzieren kann. Die Fragen führen immer zu neuen Aspekten und diese wiederum zu neuen Fragen. Das ist interessanter, als einfach nur zuzuhören.»

Schnelles Einleben dank guter Betreuung

«Die chinesischen Studentinnen haben sich schnell eingelebt und beteiligten sich schon bald an den Studentenaktivitäten», hat Sandra Kaufmann von der Abteilung Internationale Beziehungen gehört. Sie machten rege am Erasmus Student Network (ESN) mit, das Freizeitaktivitäten anbietet, und fanden so schnell Anschluss.

Auch im Studentenheim ergaben sich Kontakte. «Sunny und ich wohnten im Studentenheim gleich nebeneinander», erzählt die Bachelor-Studentin Bian Wu, «es hat dort Austauschstudenten aus aller Welt. Das ist toll, man kann zusammen etwas unternehmen.»

Es gibt ausserdem Sinologie-Studierende, die die Gelegenheit beim Schopf packen und ihre Sprachkenntnisse vertiefen, indem sie sich um die Chinesinnen und Chinesen an der UZH kümmern. Die Austauschstudentin Kimmie Cheung ist begeistert von dieser Betreuung: «Das Ostasiatische Seminar der Universität Zürich schickte sogar jemanden, der mich vom Flughafen abholte und Chinesisch sprach!»

Liebe zu China

Die drei Chinesinnen, die bisher an der UZH waren, möchten bei aller Begeisterung für Zürich nicht hier bleiben. «Ich liebe China», sagt zum Beispiel Sunny Sun, «ich möchte dort leben und arbeiten. Dort ist meine Familie, sind meine Freunde, dort fühle ich mich zu Hause. Ich habe keine Pläne, im Ausland zu arbeiten. Wenn ich zurück gehe, werde ich mir eine Stelle suchen, in einer Bank oder sonst in einer grossen Firma.»

Ähnlich sieht es Bian Wu: «Ich möchte nach dem Bachelor in der Welt herumreisen, aber nachher möchte ich in China bleiben, den Master machen und vielleicht einen PhD.»

Für einen längeren Aufenthalt in der Schweiz ist für Kimmie Cheung die Mehrsprachigkeit zusätzlich erschwerend, denn neben Englisch und Hochdeutsch muss man auch Schweizerdeutsch verstehen: «Es wäre schön, zwei, drei Jahre hier in der Schweiz zu arbeiten – vorausgesetzt dass ich sehr gut Deutsch sprechen würde –, die Sprache muss man einfach beherrschen, wenn man in einem Land arbeiten will.» Doch auch Kimmie Cheung möchte nicht hier bleiben: «Ich liebe mein Land zutiefst, egal wie gut oder schlecht es ist.»

Wie man sich für China bewirbt Für einen Austausch mit der Fudan oder Tsinghua University können sich Studierende der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät bewerben. Genauere Informationen sind auf den Webseiten des Instituts für Rechnungswesen und Controlling sowie der Abteilung Internationale Beziehungen erhältlich. Kommt der Austausch im Fach Wirtschaftswissenschaften zustande, winkt als finanzielle Unterstützung ein monatliches Stipendium, das von der Zurich Financial Services Group gesponsert wird.

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von UZH News

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