Neues Chinesisch-Lehrbuch

«Ni hao» aus Zürich

Mit ihrem Sprachlehrbuch begehen die Zürcher Sinologinnen Brigitte Kölla und Cao Kejian neue Wege in der Vermittlung des Chinesischen. Der renommierte Buchverlag Commercial Press in China zeigte sich interessiert und bringt es nun als erstes vollständig im Ausland konzipiertes Lehrbuch auf den chinesischen Markt.

Theo von Däniken

Brigitte Kölla und ihre Kollegin Cao Kejian mussten intentsive Überzeugungsarbeit leisten, bis sie nun ihr Lehrbuch aus dem Verlag Commercial Press in den Händen halten können. (Bild: Theo von Däniken)

Am Anfang stand eine scheinbar selbstverständliche Feststellung: «Man kann auf Chinesisch nicht nur über China reden», sagt Brigitte Kölla, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich. Viele chinesische Sprachlehrmittel würden aber gerade aus einer gegenteiligen Haltung heraus konzipiert: «Man lernt Chinesisch, um über China zu sprechen.»

Über alles Reden

In ihren Sprachkursen, die zum Sinologie-Studium an der Universität Zürich gehören, will Kölla aber die Studierenden befähigen, Chinesisch als normale Verkehrssprache zu benutzen, in der man über alles sprechen kann, genauso wie in Englisch.

Entsprechend hat sie die Unterlagen für den Chinesischunterricht schon seit Jahren mit eigenen Materialien ergänzt und angepasst. So ist über die Zeit ein eigenes Lehrmittel entstanden, das in der Lehrpraxis und im Dialog mit den Studierenden immer weiter überarbeitet und verfeinert wurde. «Mit der Zeit ist der Entschluss gereift, das als Kopiervorlage vorhandene Skript auch als Buch zu drucken», erzählt Kölla.

Interesse in China

Deutsche Verlage, denen sie das Manuskript schickte, reagierten sehr reserviert und wiesen darauf hin, dass Chinesisch eine eher exotische Sprache sei. Deshalb suchten Kölla und ihre Mitautorin Cao Kejian Kontakt zu chinesischen Verlagen. Sie schickten ihr bereits fertig ausgearbeitetes Manuskript dem renommierten Verlag Commercial Press in Peking, der für Sprachbücher etwa vergleichbar ist mit dem Deutschen Duden.

Commercial Press zeigte sich interessiert, offenbar auch überrascht davon, dass das Buch eigentlich schon fixfertig vorlag. «Normalerweise funktioniert es in China so, dass man beim Verlag ein Manuskript einreicht. Dann hat man nicht mehr viel Einfluss auf das fertige Produkt», weiss Kölla. Damit wollten sich Kölla und Cao nicht zufrieden geben und liessen sich auf eine aufwändige, letztlich aber lohnende Überzeugungsarbeit ein.

«Normalerweise machen wir das so»

Schwierig waren dabei nicht in erster Linie politisch heikle Inhalte, wie Kölla erklärt: «Wir hatten abgemacht, dass die Chinesen für sie problematische Inhalte ändern können». Da sich das Buch aber auf den Alltag in Peking bezieht, werden kaum Themen angesprochen, die politische sensible Bereiche berühren.

Aufwändig erwiesen sich dagegen die Diskussionen um gestalterische Aspekte. Hier zeigten sich grosse kulturelle Unterschiede, insbesondere wie mit Fragen der Typographie und des Layouts umgegangen wird. Denn Kölla und Cao war es wichtig, dass das Buch auch gestalterisch ansprechend ist: «Wenn einem ein Lehrmittel gefällt, dann wirkt sich das auch positiv auf die Motivation aus», ist Kölla überzeugt. Auf chinesischer Seite stiess sie damit anfänglich kaum auf Verständnis. «Es hiess meistens: Normalerweise machen wir das aber so», erinnert sich Kölla. «Dann mussten wir jeweils sehr genau erklären, weshalb es wichtig ist, wie etwas dargestellt ist.» In den meisten Fällen schaffte sie es auch, die chinesischen Partner zu überzeugen.

Sorgte für monatelanges Hin und Her: Die Darstellung der chinesischen Karte im Lehrbuch. (Bild: zVg)

Seilziehen um das Südchinesische Meer

Für viel Hin und Her sorgte eine China-Karte, die den Lernenden dazu dienen soll, sich über Gebiete und geografische Beziehungen zu unterhalten. «Aus didaktischen Gründen wollten wir die Karte auf eine ganz bestimmte Weise einfärben und beschriften», erklärt Kölla. Das entsprach jedoch nicht der gängigen chinesischen Darstellungsweise und es folgte ein monatelanges Feilschen, in dem Kölla ihre Vorstellungen weitgehend durchsetzen konnte. Einziges Eingeständnis: Ein separater Kartenausschnitt, der den Grenzverlauf im südchinesischen Meer anzeigt und zwar politisch wichtig, für den didaktischen Zweck aber irrelevant ist.

Weil das Buch für China ein Präzedenzfall ist, steht der Verlag selber auch unter strenger Beobachtung. «Commercial Press ist damit auch ein gewisses Wagnis eingegangen und deshalb sehr darauf bedacht, keine Fehler zu machen», ist Kölla überzeugt. Einen willkommenen Nebeneffekt hat diese genaue Beobachtung allerdings: «Es wird das erste chinesische Lehrmittel ohne Druckfehler sein», bemerkt Kölla scherzhaft.

Anspruchsvolles Lehrmittel

Obwohl in China gedruckt und vertrieben, dürfte vorerst Europa – sprich die Schweiz und Deutschland – noch der wichtigste Absatzmarkt sein. Denn das Lehrmittel, das gibt Kölla zu, stellt hohe Anforderungen an die Dozierenden. Es gibt ihnen eine Grundlage, die sie je nach persönlichen Vorlieben oder Verwendungszweck selbständig erweitern können. Auch die grammatikalischen Erklärungen sind bewusst kurz gehalten, so dass sie den Dozierenden keine bestimmte Lehrmeinung aufzwingen.

Das Interesse am Lehrmittel ist da: Als das Manuskript kürzlich auf einer Tagung von Chinesisch-Dozierenden in Berlin vorgestellt wurde, gingen spontan rund 70 Vorbestellungen ein. Im Dezember will Kölla es auch an einer Konferenz in China präsentieren.

Das Lehrmittel «Zhongguohua» besteht aus zwei Bänden mit jeweils fünf thematisch orientierten Lerneinheiten. Dazu bietet eine CD Hörproben, Vokabellisten und Abbildungen an. Das Begleitheft zu Band 1 führt systematisch in die chinesische Schrift ein, ein Begleitheft zum zweiten Band enthält Leseproben.Band 1 erschien Anfang Oktober und ist Online erhältlich über www.chinabooks.ch. Das Begleitheft zum ersten Band wird voraussichtlich Ende Jahr publiziert, Band zwei folgt im nächsten Jahr. 

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic

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