Nationale Forschungsschwerpunkte

Neue Forschungsfamilien gründen

Die Universität Zürich ist Heiminstitution von fünf der momentan insgesamt zwanzig Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS). Bis Dezember können beim Schweizerischen Nationalfonds Anträge für neue Projekte eingereicht werden. Lesen Sie dazu ein Interview mit Dieter Imboden, Forschungsrats-Präsident des Schweizerischen Nationalfonds.

Interview: David Werner

Herr Imboden, vor acht Jahren wurden die ersten Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) eingerichtet. Was ist Ihre Bilanz?

Dieter Imboden: Die NFS haben sich als ein effizientes Förderinstrument erwiesen, das dem Forschungsplatz Schweiz bereits viele Impulse gegeben hat. Dank ihnen können die Hochschulen Bereiche, in denen sie besonders stark sind, weiter ausbauen. Innerhalb der jeweiligen Fachgebiete geniessen die NFS ein hohes Ansehen; entsprechend ist es für die Universitäten mit einigem Prestige verbunden, Heiminstitution eines NFS zu sein. Gerade die UZH hat sich gut positioniert: Fünf NFS sind hier domiziliert – soviel wie an keiner anderen Hochschule.

Die Vergabe der NFS fördert den Wettbewerb unter den Hochschulen, begrüssen Sie dies?

Ja, ein gewisser Wettbewerb wirkt stimulierend. Man darf es damit allerdings auch nicht übertreiben, dies würde zu Lasten der kleinen Universitäten gehen. Gleichzeitig soll ja auch die Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen gefördert werden. Daher planen wir, das Modell eines Co-Leadership von zwei Institutionen einzuführen.

Cluster bilden: Dieter Imboden, Forschungsrats-Präsident des Nationalfonds, äussert sich im Interview zur Ausschreibung neuer Nationaler Forschungsschwerpunkte. (Bild: David Werner)

Im Juli werden neue NFS ausgeschrieben. Wer kann sich bewerben?

Qualifizierte Forscherpersönlichkeiten einer beliebigen Fachdisziplin mit dauerhafter Anstellung an einer universitären Hochschule. Die Heimuniversität muss im entsprechenden Fachbereich über eine grosse Reputation verfügen, und sie muss bereit sein, das NFS-Projekt mitzutragen.

Welches sind die Auswahlkriterien?

Wichtigstes Kriterium ist die fachliche Qualität. Da mit den NFS überdies das Ziel verfolgt wird, eine bessere Arbeitsteilung unter den Forschungsinstitutionen der Schweiz herbeizuführen, ist auch eine gute Vernetzung zwischen verschiedenen Institutionen wichtig. Es muss zudem nachgewiesen werden, dass der Verbund gegenüber Einzelprojekten einen Mehrwert erbringt.

Was leisten die NFS, das andere Förderungsinstrumente nicht leisten können?

Die NFS ermöglichen überinstitutionelle Forschung in grossem Massstab über zehn bis zwölf Jahre. Sie bringen Forschende zusammen, die sonst wohl nicht zusammenfinden würden. Forschende lassen sich ungern dirigieren und zu Kooperationen zwingen. Die NFS geben ihnen Anreize, sich in eigener Regie zusammenzufinden. Dadurch, dass die beteiligten Forschenden auf der Grundlage von kohärenten Untersuchungsdesigns arbeiten, lassen sich ihre jeweiligen Ergebnisse aufeinander beziehen, was die Aussagekraft signifikant erhöht.

Geht die projektgebunde Forschung auf Kosten der kontinuierlichen Forschung an den Hochschulinstituten?

Nein, das gesamte Budget für die NFS wird konstant bleiben. Das vom Parlament bewilligte signifikante Wachstum des Nationalfonds-Budgets für die Periode 2008 bis 2010 von durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr wird vollständig für die freie Forschungsförderung eingesetzt.

Wird es in Zukunft also nicht mehr Nationale Forschungsschwerpunkte geben als heute?

Es werden rund zwanzig bleiben, erstens weil das Nationalfonds-Budget für die NFS konstant bleibt, zweitens weil wegen den verlangten universitären Eigenleistungen zu viele NFS den Spielraum der Universitäten zu sehr einschränken würden.

Vor der Lancierung der NFS finanzierte der Nationalfonds sogenannte Schwerpunktprogramme (SPP). Worin unterscheiden sich diese Instrumente?

Bei den SPP legte der Bund respektive der Nationalfonds die Themen fest und bestimmte über die personelle Zusammensetzung. Demgegenüber nehmen die NFS viel mehr Rücksicht auf die gewachsenen Strukturen des Forschungsplatzes Schweiz. Die Netzwerkbildung und die Bestimmung der Forschungsziele sind der Eigeninitiative der Forschenden überlassen. Da sich zudem die Universitäten selbst finanziell an den NFS beteiligen, bestehen gute Chancen, gewünschte strukturelle Veränderungen zu erzielen.

Setzt der Nationalfonds generell vermehrt auf die Selbstorganisation der Wissenschaft?

Schon die Gründung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) im Jahre 1952 geschah im Geiste der Selbstorganisation der Forschung. Nun hat die Politik das beachtliche Wachstum beim Forschungsbudget an die Bedingung eines verstärkten Wettbewerbs geknüpft und folgerichtig dem SNF ein gegenüber den Hochschulen überproportionales Wachstum zugebilligt.

Das Bestreben des SNF musste darin bestehen, Instrumente für diesen Wettbewerb zu schaffen, welche Raum für die Eigeninitiative von unten lassen und die bürokratische Versuchung der Top-Down-Planung, wie wir sie in vielen Nachbarstaaten und in der EU finden, eindämmen. Wie kaum in einem andern Land hat in der Schweiz die Politik verstanden, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – und aus solchen setzt sich der Nationalfonds zusammen – selbst am besten beurteilen können, was gute Wissenschaft ist. Dies gilt auch für die NFS, wo zwar formell die definitive Bewilligung durch den Vorsteher des EDI gemacht wird, de facto aber der Evaluationsprozess des SNF respektiert wird. Neu ist die Kernkompetenz des SNF, nämlich die Beurteilung von Qualität in der Forschung, auch für andere grosse Forschungsvorhaben ausserhalb des SNF-Budgets gefragt, so etwa in jüngster Zeit im Forschungsprogramm SystemsX zum Thema Systembiologie, wo der SNF den internationalen Evaluationsprozess geleitet hat.

Die Ausschreibung der neuen NFS wird im Juli 2008 auf www.snf.chbekannt gemacht.

David Werner ist Redaktor des unijournals

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