Klinik für Alters- und Behindertenzahnmedizin

Die Zahnpflege kommt ins Rollen

Für Bewohnerinnen und Bewohner von Alters- und Behindertenheimen kann der Gang zum Zahnarzt aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation schwierig sein. Die mobile Zahnklinik «mobiDent» bietet eine Lösung an. Unipublic ist bei der Stiftung Altried in Zürich einen Tag lang dabei gewesen.

Adrian Ritter

Zuversichtlich zur Zahnkontrolle: Flavio Sturzenegger und Zahnärztin Marion Sauter. (Bild: Adrian Ritter)

«Es wird auch diesmal wieder alles in Ordnung sein mit meinen Zähnen», ist Flavio Sturzenegger überzeugt. Der 44jährige ist mit seinem Elektrorollstuhl auf dem Weg in den Musikraum der Stiftung Altried. Zwei Zahnärztinnen, zwei Dentalassistentinnen und vier Studierende der Zahnmedizin haben den Raum in eine Zahnarztpraxis verwandelt. «mobiDent» nennt sich das Angebot, welches mit einem Transportwagen die Ausrüstung für drei Behandlungsstühle mitbringt.

Flavio Sturzenegger fährt seinen Elektrorollstuhl neben den Behandlungsstuhl und begrüsst Zahnärztin Marion Sauter. «Ich bin froh, dass es das mobiDent gibt, denn in eine private Zahnarztpraxis zu gehen wäre für mich kompliziert. Auch sind längst nicht alle Praxen rollstuhlgängig», sagt Sturzenegger. Für den Besuch des mobiDent brauche er keine Begleitperson, sondern könne selbstständig kommen.

Das mobiDent hat im Laufe des Jahres 2008 13 Altersheime und drei Behindertenheime besucht. (Bild: Adrian Ritter)

Grundangebot auf Rädern

Flavio Sturzenegger nutzt die rollende Zahnpflege, seit die Stiftung Altried 1996 als einer der Pilotbetriebe sich für das mobiDent entschieden hat. Zweimal jährlich fährt die mobile Zahnarztpraxis jeweils für zwei Tage nach Zürich-Schwamendingen.

«Alles, was wir brauchen, ist ein geheizter Raum, Strom und fliessend Wasser», sagt Marion Sauter, Oberassistentin an der Klinik für Alters- und Behindertenzahnmedizin und Leiterin des mobiDent. 13 Altersheime und drei Behindertenheime hat das mobiDent im Laufe des Jahres 2008 besucht. Angeboten wird Zahnkontrolle inklusive Röntgenaufnahmen, Zahnreinigung, das Ziehen von Zähnen, die Behandlung von Karies und das Anpassen von Prothesen.

Damit die Studierenden der Zahnmedizin die spezifischen Bedürfnisse und den Umgang mit älteren Patienten sowie mit Menschen mit Behinderung kennenlernen, gehört es in Zürich zum Studium der Zahnmedizin, mit dem mobiDent unterwegs zu sein.

Die mobile Zahnarztpraxis führt die Ausrüstung für drei Behandlungsstühle mit sich. (Bild: Adrian Ritter)

Vor geschlossenem Mund

Flavio Sturzenegger sollte Recht behalten – Marion Sauter findet keine Karies. Allerdings ist das letzte Röntgen schon einige Jahre her und die Zahnärztin möchte neue Röntgenbilder erstellen. «Muss das sein?», seufzt Flavio Sturzenegger, willigt aber schnell ein und übersteht die Prozedur ohne den befürchteten Brechreiz.

Nicht immer verläuft eine Behandlung so problemlos. «Ich wott nöd» hatte eine ältere Frau am Morgen vor der Türe des Musikraumes lautstark betont. Sie ging denn auch wieder, ohne ihren Termin wahrgenommen zu haben. «Wir zwingen niemanden», sagt Zahnärztin Marion Sauter. Spätestens wenn die Zahnschmerzen zu stark werden, kann eine Behandlung doch erforderlich werden, falls nötig in der Klink für Alters- und Behindertenzahnmedizin und in Narkose.

Marion Sauter bei der Teambesprechung mit den Zahnmedizin-Studierenden. Die mobiDent-Erfahrung gehört in Zürich zum Studium. (Bild: Adrian Ritter)

Zahnpflege wurde wichtiger

Nicht wenige freuen sich aber auf den Zahnarztbesuch und beispielsweise über das Lob, die Zähne gut geputzt zu haben. «Die Zahnpflege hat einen deutlich höheren Stellenwert im Haus, seit das mobiDent regelmässig präsent ist», berichtet Meta Weiss, Bereichsleiterin Wohnen der Stiftung Altried.

Die Bewohnerinnen und Bewohner konnten im Laufe der Zeit ihre Ängste vor dem Zahnarzt abbauen, wobei mithelfe, dass die Behandlung in der vertrauten Umgebung stattfinde und auf den Behandlungsstühlen nebenan vertraute Gesichter zu sehen seien. Zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner der Stiftung Altried nutzen das freiwillige mobiDent-Angebot, ein Drittel besucht eine private Zahnarztpraxis.

Nächster Termin im Herbst 2009: Flavio Sturzenegger ist kariesfrei, wie auch das Röntgen zeigt. (Bild: Adrian Ritter)

Keine Karies entdeckt

Dass die Zahnpflege in der Stiftung Altried ernst genommen wird, stellt auch Marion Sauter fest. Im Laufe der Jahre, seit das mobiDent zu Besuch kommt, seien immer weniger Kariesbehandlungen nötig gewesen. So auch am heutigen Einsatztag, wo bei den rund 20 untersuchten Patientinnen und Patienten kein einziger Fall von Karies entdeckt wird. «Heute war Putztag», lacht Sauter mit Blick darauf, dass sie und ihr Team sich neben der Kontrolle auf die Zahnsteinreinigung konzentrieren konnten.

«Dann sehen wir uns im Frühling wieder?», fragt sie Flavio Sturzenegger beim Abschied. Einmal jährlich zur Kontrolle kommen sei genügend, findet dieser, sie einigen sich auf einen nächsten Termin im Herbst 2009.

Das mobiDent wird noch einen weiteren Tag im Altried zu Besuch sein, bevor die Behandlungsstühle, Bohrer, Absauggeräte und der Röntenapparat wieder im Transporter verstaut werden. Es war der letzte Einsatz in diesem Jahr, aber Marion Sauter freut sich über zwei Heime, die im Jahr 2009 neu die Dienste der mobilen Zahnklinik in Anspruch nehmen wollen.

Vielleicht kommen demnächst noch weitere dazu, denn es bestehen Pläne, das Angebot in Zukunft auch ausserhalb des Kantons Zürich anzubieten.

Das «mobiDent» wird von «altaDent», einem Verein zur Förderung der Alters- und Behindertenzahnmedizin, getragen und finanziell unterstützt. Betrieben wird die mobile Zahnklinik von der Klinik für Alters- und Behindertenzahnmedizin (KAB). Die KAB steht unter der Leitung von PD Dr. Ina Nitschke und ist Teil des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universität Zürich. Die zahnärztlichen Leistungen des mobiDent werden nach dem SUVA-Tarif zu einem Taxpunkt-Wert von Fr. 3.10 abgerechnet.

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic.

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