Särge aus Ägypten in der Schweiz

In Schweizer Museen und Privatbesitz gibt es viele wunderschön bemalte und beschriftete altägyptische Särge mit und ohne Mumien. Die Ägyptologinnen Renate Siegmann und Alexandra Küffer haben sie in einem ansprechenden Band versammelt und beschrieben.

Brigitte Blöchlinger

Meist wanderten die in die Schweiz gebrachten ägyptischen Särge in die regionalen Museen der jeweiligen Kantone: Ägyptischer Sarg im Museum Appenzell. (Bild: zVg: Bild aus dem besprochenen Band)

Die Ägyptologin Renate Siegmann, die im Vorstand des Ägyptologie-Forums an der Universität Zürich ist und an der UZH mehrere Lehraufträge hatte, gerät ins Schwärmen, wenn sie von «ihren» altägyptischen Särgen erzählt und wie diese in die Schweiz gelangten.

«Das hat mit Napoleon zu tun», erzählt sie und referiert aus dem Stegreif den Versuch Napoleons 1798, im Ägyptenfeldzug den Landweg an den Nil einzunehmen – und damit den Engländern eins auszuwischen, die auf dem Seeweg den Gewürzhandel in Ostindien kontrollierten.

Napoleon nahm auf seinen Feldzug die besten französischen Wissenschaftler mit, Mathematiker, Ärzte, Architekten, Zeichner, insgesamt 167 Künstler und Wissenschaftler, die den Auftrag hatten, Ägypten geografisch, archäologisch, naturgeschichtlich, ethnologisch und kulturell zu untersuchen und zu beschreiben. Beschützt von Napoleons Soldaten, dokumentierten die Experten im Kanonendonner Pyramiden, Särge, Obelisken und das Leben der Bewohner des Niltals.

1809 erschien der erste der insgesamt zwanzig Bände umfassenden Ägypten-Enzyklopädie, die «Description de l'Egypte», und löste in Europa eine unglaubliche Ägypten-Euphorie aus. Die Leute hierzulande realisierten, welche Schätze am Nil lagen, und nicht wenige brachen auf, ihr Glück in diesem bis dahin wenig bekannten Land zu suchen.

Ägyptomanie auch in der Schweiz

Auch Schweizer verfielen der Ägyptomanie, unter anderem Angehörige der Familien von Planta, die als Baumwollbarone zu Reichtum kamen, und (André) Bircher (entfernt verwandt mit dem Birchermüesli-Erfinder), der sich auf Import und Export konzentrierte, sowie Christian Stamm, der als Hofgärtnermeister an den ägyptischen Hof engagiert wurde, um nur drei zu nennen.

Nach und nach entstanden in Alexandria und Kairo Schweizer Kolonien, deren Mitglieder die Verbundenheit mit der Heimat darin kundtaten, dass sie ihrer Geburtsstadt gerne ägyptische Antiken als Geschenke überreichten. «Man hat Ägypten damals regelrecht ausgeplündert», erzählt Renate Siegmann.

In den dreissiger Jahren des 20. Jahrhundert verbot der ägyptische Antikendienst jegliche Ausfuhr ägyptischer Antiken. Im Bild: Ausstellungsstück im Musée d'ethnographie, Neuchâtel (Bild: zVg/aus dem besprochenen Band)

Särge als «Mitbringsel aus Ägypten

Als tollste «Mitbringsel» galten vor allem ägyptische Särge und Mumien. Die Mumien, die «für wohlige Schauer sorgten» und die man auswickeln musste, um ihr Geheimnis zu enthüllen, faszinierten ebenso wie die opulenten Bemalungen und Beschriftung der Särge. Die ägyptische Regierung sah keine Veranlassung, Gesetze zum Schutz dieser, der muslimischen Bevölkerung ohnehin fremden, heidnischen Kulturgüter zu erlassen.

Erst in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhundert setzte der ägyptische Antikendienst diesem Treiben ein Ende: jegliche Ausfuhr ägyptischer Antiken wurde strengstens verboten.

Meist wanderten die in die Schweiz gebrachten ägyptischen Särge in die regionalen Museen der jeweiligen Kantone. So kam es, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach und nach Särge oder Bestandteile davon ins Museum Appenzell gelangten, nach Chur, auf die Lenzburg, nach Basel, Brissago, Burgdorf, Neuchâtel, Yverdon, Genf, Bern, St.Gallen, Schaffhausen, Vevey, Winterthur und Zürich.

Die Särge wurden in den Sammlungen als Kuriositäten ausgestellt und erfüllten ihren Zweck: die Besucherzahlen zu erhöhen. Nach den Ausstellungen verschwanden sie meist in Depots, wo sie bis in die Gegenwart lagern, oder kamen in kunterbunt zusammengestellte Sammlungen zu liegen, neben römischen Öllampen, heimischem Kunsthandwerk, Mineralien und ähnlichem. 30'000 altägyptische Objekte finden sich heute in etwa 40 Schweizer Museen und Sammlungen.

Die Funde und ihr Umfeld

Im soeben erschienenen Buch «Unter dem Schutz der Himmelsgöttin: Ägyptische Särge, Mumien und Masken in der Schweiz» kann man nun einige der Geschichten, Fakten und Anekdoten über den kulturhistorischen Kontext und die Erwerbsgeschichte nachlesen.

«Das kommt jetzt immer mehr, dass man archäologische Funde nicht isoliert betrachtet, sondern auch die Umstände beleuchtet, wie und von wem sie geborgen und angekauft wurden und wie sie in die Museen gelangten», hat die Ägyptologin Renate Siegmann beobachtet.

Die Mediziner und Paläopathologen Thomas Böni und Frank Rühli von der Universität Zürich haben die Mumien anhand modernster technischer Verfahren untersucht.

Neu an der Publikation ist, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Mumien zusammen mit den Artikeln zu den Särgen präsentiert werden. «Sonst findet man immer nur Bücher über Mumien oder solche über Särge, aber nie beides zusammen», sagt Siegmann.

Mit viel Sachverstand und trotzdem zugänglich für Laien beschreiben die Ägyptologinnen nicht nur, die Herkunft und den kulturgeschichtlichen Kontext der reich verzierten Särge, sondern auch die Texte und Bilder. Inschriften werden übersetzt, Szenen erläutert und Götter benannt. So wird schnell klar, was die Autorinnen beschreiben: Kein anderes Land hat sich so kunstvoll und ausführlich mit dem Tod auseinandergesetzt und einen derart breiten Fundus an Symbolen dazu geschaffen wie die alten Ägypter.

Alle abgebildeten Särge stammen aus dem letzten Jahrtausend der altägyptischen Kultur sowie aus den ersten Jahrzehnten der Römerherrschaft – einer Zeit, in der sich markante politisch-soziale Umwälzungen vollzogen. Diese Epoche hat in der Ägyptologie bisher erst wenig Beachtung gefunden. Auch insofern ist «Unter dem Schutz der Himmelsgöttin» neu.

Alexandra Küffer, Renate Siegmann. Unter dem Schutz der Himmelsgöttin: Ägyptische Särge, Mumien und Masken in der Schweiz», Chronos Verlag, Zürich, 2007  

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic.

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