«Gespaltenes Verhältnis zum Westen»

Krieg und Terrorismus überschatten das Verhältnis des Westens zur islamischen Welt. Wie ist der Kulturkonflikt zu bewerten? Und gibt es Ansätze für einen Dialog? Ein Interview mit dem Islamwissenschaftler Ulrich Rudolph.

Roger Nickl und Thomas Gull

«Die Islamwissenschaft von heute ist durch mehrere Fegefeuer gegangen.» Prof. Ulrich Rudolph, Islamwissenschafter an der Universität Zürich. (Bild: Thomas Schuppisser)

Herr Rudolph, Krieg im Libanon, Palästina- Konflikt und die Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm: In allen Fällen scheint ein pragmatischer Dialog zwischen West und Ost nahezu unmöglich. Worauf führen Sie das zurück?

ULRICH RUDOLPH: Das hat viele historische Gründe. Der Dialog hat in pragmatischer Form nie stattgefunden. Deshalb gibt es nichts, woran wir anknüpfen können. Die Situation ist in den letzten zwei Jahrhunderten und speziell in den letzten Jahrzehnten zusätzlich erschwert worden. Man lebte nicht mehr einfach nebeneinander, sondern in einem konfliktreichen Kontakt. Das hat sich sehr stark ausgewirkt auf die wechselseitigen Wahrnehmungen und Erwartungen.

Wie haben sich die Wahrnehmungen verändert?

RUDOLPH: Das Bild des Westens in der islamischen Welt war im 19. Jahrhundert relativ positiv. Das Interesse war gross. Man hat die Europäer zwar als dominante militärische Macht erfahren, aber man interessierte sich auch für ihr Wissen und ihre Techniken. Deshalb war es üblich, Studenten nach Europa zu schicken, um später das eigene Land mit deren Know-how wirtschaftlich, technisch und militärisch aufzubauen.

Heute ist von diesem positiv besetzten Bild des Westens nicht mehr viel übrig geblieben. Weshalb?

RUDOLPH: Im 20. Jahrhundert gibt es eine ganze Serie von Misserfolgen und Enttäuschungen aus Sicht der islamischen Welt. Der Erste Weltkrieg etwa wurde mit grossen Hoffnungen verknüpft, weil von den Engländern die Unabhängigkeit versprochen wurde – das enttäuschende Resultat war dann aber ein geteilter Orient. Hinzu kommt die ungelöste Palästinafrage, bei der man sich vom Westen hintergangen fühlte. Es etablierte sich eine Geschichte der Enttäuschungen, die das Gefühl der Unterlegenheit gegenüber Europa und später den USA nährte. Man begann die eigenen Missgeschicke als vom Westen verursacht und gesteuert zu verstehen und sah sich als Opfer.

Die meisten Staaten der islamischen Welt sind säkular organisiert. Was wir seit geraumer Zeit erleben ist nun aber der zunehmende Einfluss des Islamismus. Wird hier das Rad der Zeit zurückgedreht?

RUDOLPH: Nein, das glaube ich nicht. Die Islamisten haben selbst ein gespaltenes Verhältnis zum Westen. Sie haben keine Scheu, westliche Errungenschaften zu übernehmen, solange diese nützlich sind. Da gehören die Islamisten durchaus mit zu den Modernsten in der islamischen Welt. Der Eindruck einer Rückkehr zu einem ursprünglichen Islam, den sie erwecken wollen, ist bewusst gewählt, aber durchaus falsch.

Es gibt diesen ursprünglichen Islam nicht so, wie er von den Islamisten beschrieben wird. Das sind Konstruktionen und Botschaften, die sehr stark politischen Interessen entspringen. Sie entsprechen der Entwicklung der grossen Ideologien des 20. Jahrhunderts, die sehr manichäisch die Welt in Freund und Feind einteilen. Es ist übrigens ja merkwürdig, dass die Islamisten von einer islamischen Gesellschaft sprechen, die hier und jetzt vollkommen sein müsste. Das ist völlig neu – früher ging es um das Jenseits.

Weshalb sind die islamistischen Bewegungen, denn so stark geworden? Hat das auch mit der von Ihnen bereits genannten Geschichte der Demütigung zu tun?

RUDOLPH: Das ist sicher eine Voraussetzung. Wichtiger aber ist die Entwicklung der islamischen Gesellschaften selbst. Die ägyptische Bewegung der Moslembruderschaft beispielsweise, die dann letztlich in den Islamismus gemündet ist, war bereits in den 1940er-Jahren enorm gross, wurde dann aber bei der Unabhängigkeit des Staates in den 1950er-Jahren nicht in die Regierung einbezogen. Im Gegenteil: Man hat die Mitglieder verfolgt. Das heisst, die Spaltungen fanden in den einzelnen Ländern statt.

Das Resultat: Auf der einen Seite arabische Regimes, die sich vor allem durch das Militär an der Macht hielten. Auf der anderen Seite religiöse Gruppen, die aufgrund der Unterdrückung Befreiungsideologien entwickelten, die sich gegen die eigenen, als unfähig und unislamisch betrachteten Machthaber wendeten. Dadurch, dass die Führer als ungläubig bezeichnet und die Legitimationsebene ganz in Richtung Islam verschoben wurde, wurde dem Islamismus erst Tür und Tor geöffnet.

Von westlicher Seite wird argumentiert, die islamische Welt müsse noch entwickelt werden, was oft heisst, dass sie westliche Ideen übernehmen sollte. Ist das realistisch?

RUDOLPH: Heute wäre es wichtiger, dass die Länder der islamischen Welt schonungslos Rechenschaft über sich selbst ablegen. Die Einmischungen des Westens stören diese Selbstreflexion aber ständig.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Richtung Demokratie im arabischen Raum?

RUDOLPH: In dieser Hinsicht gibt es zwei Projekte: Im Irak den Versuch einer Indoktrination unter höchst schwierigen Umständen und ohne einen erkennbaren Erfolg. Im Gegensatz dazu steht die Türkei, wo die Demokratisierung der Gesellschaft sich nicht aufgrund einer Indoktrination entwickelt, sondern auf dem Hintergrund einer möglichen Zugehörigkeit zur EU. Das ist ein Demokratisierungsprojekt, das auf der Basis von Anreizen geschieht.

Der arabische Literaturwissenschaftler Edward Said hat in den späten 1970er- Jahren dem Westen und insbesondere den westlichen Wissenschaften vorgeworfen, sie hätten einen kolonialistischen Blick auf die islamische Welt. Welche Wirkung hatte diese Kritik auf die Islamwissenschaft?

RUDOLPH: Said hat unser Bewusstsein dafür geschärft, welche Funktionen die Beschäftigung mit dem Orient für uns hat. Er hat beispielsweise den Aspekt der Identitätskonstruktion in die Diskussion eingebracht. Seine These: wir brauchen den Orient, um zu definieren, was Europa ist.

Die Islamwissenschaft von heute ist durch mehrere Fegefeuer gegangen. Das gilt sicher einmal in methodischer Hinsicht. Man ist sich aber auch darüber klar geworden, dass es die Islamwissenschaft im engeren Sinn gar nicht geben kann. Wir haben es mit völlig unterschiedlichen Phänomenen zu tun – mit literarischen Traditionen genauso wie mit Theologie, Wirtschaft und Gesellschaft. Das bedingt einen anderen Zugang. Der Begriff «Islamwissenschaft» ist auch irreführend, denn wir dürfen natürlich nicht alles mit religiösen Gründen zu erklären versuchen – das wäre eine Falle.

 Ulrich Rudolph ist Professor für Islamwissenschaft und Leiter des Universitären Forschungsschwerpunktes «Asien und Europa» an der Universität Zürich. Im Mittelpunkt seiner eigenen Forschung steht die Geschichte der Philosophie und der Theologie im islamischen Kulturkreis. KONTAKTu.rudolph@access.unizh.ch

Roger Nickl und Thomas Gull sind Redaktoren des unimagazin.

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