Die Saisonniers im Rektorat

Der Rektor der Universität Zürich hat zwei «rechte Hände»: Peter Collmer und Rita Stöckli. Die beiden Adjunkte stehen Hans Weder im Jobsharing zur Seite. Wie es dazu kam und weshalb es so gut funktioniert, haben sie unipublic erzählt.

Brigitte Blöchlinger

Diese Woche ist es wieder so weit: Stabübergabe bei den Adjunkten des Rektors. Rita Stöckli packt ihre sieben Sachen und übergibt die Geschäfte für das nächste halbe Jahr an Peter Collmer. Der Abschied fällt ihr nach dem abwechslungsreichen Sommersemester nicht leicht. «Die Leute hier im Rektorat sind mir ans Herz gewachsen», sagt sie.

Rita Stöckli geht, aber nur für ein halbes Jahr... (Bild: Brigitte Blöchlinger)

Stöckli / Collmer teilen sich seit 2005 die Stelle des persönlichen Mitarbeiters bzw. der persönlichen Mitarbeiterin des Rektors Hans Weder an der Universität Zürich. Er arbeitet immer im Wintersemester, sie im Sommersemester.

In ihrem Büro im Stockargut, wo das Rektorat untergebracht ist, hat Rita Stöckli den Computer aufgestartet, an dem sie beide abwechslungsweise arbeiten. Sie informiert Collmer über die Aufgaben, die heute noch erledigt sein wollen: Gleich wird er für ein bestimmtes Traktandum in die Sitzung der Universitätsleitung gerufen, danach müssen die pendenten Akten durchgesehen werden.

... Peter Collmer kommt. (Bild: Brigitte Blöchlinger)

Jobsharing auch als Nachwuchsförderung

Peter Collmer, der schon länger als rechte Hand des Rektors amtet, ist von Haus aus Osteuropa-Historiker und arbeitet während seines freien Halbjahrs an einer Habilitation zur polnischen Geschichte des 18. Jahrhunderts. Er war es auch, der anno 2003 auf die Idee kam, seine Stelle im Rektorat zu teilen, um sich wissenschaftlich weiter qualifizieren zu können. Bei Rektor Hans Weder stiess er mit dem Vorstoss auf offene Ohren. «Wohl auch, weil dank dem Jobsharing beide Stelleninhaber einen Fuss in der Wissenschaft behalten können – was letzten Endes auch einen Vorteil für die Wissenschaftsverwaltung bedeuten kann», findet Collmer.

Rita Stöckli möchte in den nächsten sechs Monaten ihre Dissertation über ein Thema der europäischen Mediengeschichte im 19. Jahrhundert fertig schreiben – ein anstrengender Schlussspurt, der nicht nur Freude bereitet. «Schon während des Studiums habe ich mich gerne und stark hochschulpolitisch engagiert», erzählt sie. Sie war Mitglied des Studierendenrats und Präsidentin der Fachschaft Politologie in Bern sowie Fakultätsdelegierte des Mittelbaus der Philosophischen Fakultät in Zürich. Hochschulpolitik liegt ihr, «allerdings bin ich in dieser Zeit mit meiner Diss nicht vorwärts gekommen». Die Promotion steht nun als nächstes Etappenziel an, weitere wissenschaftliche Ambitionen hat sie im Moment nicht. Anders Peter Collmer; er könnte sich eine akademische Laufbahn durchaus vorstellen.

Engagiert in Wissenschaft und Verwaltung

«Die Arbeit hier ist spannend, sehr lebendig, abwechslungsreich», finden beide, «und man hat mit interessanten Leuten zu tun.» Neben «gehobenen Sekretariatsarbeiten» (Collmer), wie Sitzungsprotokolle schreiben oder PowerPoint-Präsentationen herstellen, bietet jeder Tag neue, teils unerwartete Aufgaben. Die Agenda des Rektors bestimmt weitgehend, was getan werden muss. Steht beispielsweise eine CRUS-Sitzung an (Rektor Weder ist seit kurzem Präsident der Schweizerischen Rektorenkonferenz CRUS), studiert der Adjunkt oder die Adjunktin die Unterlagen, um dem Chef eine erste konzise Information geben zu können. Findet eine Tagung statt, deren Teilnehmer der Rektor begrüssen wird, liefern die Adjunkte Ideen für die Ansprache. Gelegentlich schreiben sie für ihren Chef auch eine Rede fertig. Um Ghostwriting handelt es sich allerdings nie – «Herr Weder schreibt seine Reden weitgehend selbst» –, eher um den letzten Schliff, Übersetzungen, Inputs, Recherche.

Beide Historiker, beide auch wissenschaftlich tätig, beide die rechte Hand von Hans Weder: Rita Stöckli und Peter Collmer, Adjunkte des Rektors im Jobsharing. (Bild: Brigitte Blöchlinger)

Obwohl Collmer / Stöckli sehr eng mit dem Rektor zusammenarbeiten, verbringen sie relativ wenig Zeit mit ihm. Einen wiederkehrenden Wochenrapport zum Beispiel gibt es nicht, gemeinsame Kaffeepausen selten. Der so wichtige Informationsaustausch erfolgt häufig schnell und effizient zwischen zwei Agendapunkten, meist informell, manchmal gar auf dem Korridor. Doch wenn der Adjunkt oder die Adjunktin vom Rektor dringend etwas wissen muss, kann er oder sie jederzeit beim Chef anklopfen. Neben dem aktuellen Tagesgeschäft kümmern sich die beiden auch um längerfristige Projekte. Sie haben beispielsweise eine Arbeitsgruppe geleitet, die Vorschläge zur Implementierung des Verhaltenskodex Gender Policy formulierte; sie kümmern sich gemeinsam mit dem Rektor um das Sponsoring für das 175-Jahre-Jubiläum der Universität Zürich und koordinieren das Follow-up-Verfahren nach Evaluationen. In verschiedenen Vereinen und Organisationen vertreten sie den Rektor.

Schreiben und Verstehen

Gute Sprachkenntnisse – Deutsch, Französisch, Englisch – und ein verständlicher und gepflegter Schreibstil sind für eine Adjunktin, einen Adjunkt des Rektors Bedingung. Kein Problem für die beiden Historiker, die es gewohnt sind, mit den unterschiedlichsten Quellentexten in den verschiedensten Sprachen umzugehen. Rita Stöckli hat in den USA und in Paris studiert, und für den Osteuropa-Historiker Collmer gehört es zur täglichen Arbeit, fremdsprachige Texte zu bearbeiten. Für das Funktionieren des Jobsharing-Modells ist aber vor allem die gute zwischenmenschliche Kommunikation entscheidend. Dieser Punkt spielte bei der Besetzung der zweiten halben Stelle mit Rita Stöckli, neben einer guten Bewerbung, eine wichtige Rolle. «Den Ausschlag gab nicht zuletzt das gegenseitige Gefühl, dass wir gut zusammenarbeiten können», erinnert sich Collmer. Das gilt auch für den Kontakt mit dem Rektor. «Herr Weder macht uns die Sache einfach; er ist sehr umgänglich, unterstützt seine Leute, und man weiss immer, woran man ist», meint Stöckli.

Die meisten Jobsharer teilen ein Arbeitspensum, um sich den Kindern widmen zu können. Nicht so bei Collmer/Stöckli. Sie sind weder ein Paar noch haben sie Nachwuchs. Die beiden sind einfach befreundet, treffen sich das ganze Jahr hindurch alle zwei Wochen zum gemeinsamen Mittagessen, wo sie sich über die wichtigsten Geschäfte auf dem Laufenden halten. «So müssen wir bei der Stabübergabe nicht bei Null anfangen», innert zweier Tage kann der eine die andere ablösen.

Saisonniers auf Zeit

Weist ihr Jobsharing gar keine Nachteile auf? Grundsätzlich sind die beiden mit ihrem Arbeitsmodell sehr zufrieden. Einzig was die berufliche Identität betrifft, tun sie sich manchmal etwas schwer. Stöckli formuliert es so: «Man wird von einem Tag auf den andern aus einem funktionierenden Betrieb 'ausgespuckt' und muss sich als Wissenschaftlerin wieder alleine organisieren.» Collmer sieht nach etwas Nachdenken einen ähnlichen Nachteil: «Man fühlt sich manchmal weder in der Wissenschaft noch in der Verwaltung ganz 'daheim'; wenn es am einen Ort nicht rund läuft, tröstet man sich gedanklich damit, dass man ja eigentlich mehr zum anderen gehöre.»

Doch ihr Jobsharing muss ja auch nicht für die Ewigkeit sein. Wenn im Jahr 2008 der neue Rektor Andreas Fischer sein Amt antritt, muss die Zusammenarbeit im Rektorat ohnehin neu diskutiert werden. Und wer weiss, vielleicht wird sich Collmer ganz der Wissenschaft und Stöckli ganz deren Verwaltung zuwenden. Bis es so weit ist, dürfen sich die beiden damit brüsten, zu zweit ein Unikat zu sein – auf jeden Fall sind sie noch in keinem anderen Land auf etwas Vergleichbares gestossen.

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic

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