Glaube, Liebe, Peer review

Bei der renommierten Fachpublikation «Nature» läuft derzeit für drei Monate parallel zum bisherigen anonymen Peer review ein Versuch mit namentlich gezeichneten Online-Kritiken. Was halten Fachleute von diesem Aufbruch im traditionellen Gutachterwesen?

Brigitte Blöchlinger

(Bild: unicom)

Peer review ist die verbreitetste Art und Weise, wie Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften begutachtet werden. Bevor ein Forschungsprojekt finanziell gefördert, bevor die Resultate in renommierten Fachzeitschriften publiziert oder mit Preisen ausgezeichnet werden, durchläuft das Paper in den allermeisten Fällen folgenden Prozess: Es wird an Fachpersonen aus verwandten Themenbereichen (peer) geschickt, die es anonym auf seine wissenschaftliche Qualität hin prüfen (review) und je nach Befund empfehlen oder ablehnen.

Nur acht Prozent schaffen es

So läuft das Aufnahmeverfahren für Artikel normalerweise auch bei «Nature». Rund die Hälfte der eingesandten Manuskripte aus dem Bereich Physik und etwa ein Viertel der Einsendungen aus der Biologie lässt die «Nature»-Redaktion gemäss eigenen Angaben auswärts begutachten. 80'000 Gutachterinnen und Gutachter sind in der Datenbank von «Nature» gespeichert. Nur rund acht Prozent aller eingesandten Manuskripte werden für gut befunden und veröffentlicht.

Anonyme Kritik plus Open review

Peer review ist in der Forschung zwar sehr verbreitet, stösst aber auch auf heftige Kritik. Teuer, langsam, voreingenommen, einfach zu missbrauchen, schlecht im Aufdecken von Fehlern und Betrügereien, hochgradig subjektiv, eine Art Lotterie: so lauten die schärfsten Angriffe auf das Verfahren. Als eine mögliche Lösung wird die «Open peer review» propagiert. Bei diesem Review-Verfahren steht der Review-Prozess allen Interessierten auf dem Internet offen. Die Kritiken werden namentlich unterzeichnet.

Mit «Nature» wagt derzeit eine der renommiertesten Wissenschaftszeitschriften den Versuch mit der «Open peer review». Während einer dreimonatigen Versuchsphase wird ein eingesandtes Manuskript nun nicht mehr nur von anonymen Gutachterinnen und Gutachtern examiniert, sondern auch – sofern die Verfasser damit einverstanden sind – auf dem World Wide Web für die offene, mit Namen unterzeichnete Kritik frei gegeben. Die Online-Kritiken sind solange möglich, wie der anonyme Peer-review-Prozess läuft, danach werden sie gestoppt.

Contra Open review

Der Schlafforscher Professor Alexander Borbély, bis vor kurzem Prorektor Forschung der Universität Zürich, hält nicht viel von «Natures» Open-review-Initiative. Vorteile sieht er keine, Nachteile hingegen schon: «Wissenschafter und Wissenschafterinnen sind mit Begutachten von Artikeln dermassen eingedeckt, dass sie kaum Zeit aufwenden werden, um noch nicht akzeptierte Manuskripte zu kommentieren.»

Auch würden es insbesondere jüngere Fachleute nur anonym wagen, ihre Meinung zu Manuskripten einflussreicher Autoren und Autorinnen kritisch zu formulieren. «Wenn sie mit ihrem Namen unterschreiben, müssen sie befürchten, dass ihnen kritische Einschätzungen zum Nachteil gereichen werden», so Borbély. Summa summarum findet Borbély das anonyme Peer review-System zwar «nicht ideal, doch gibt es trotz allen Bemühungen nichts Besseres».

Pro: Hoffen auf mehr Transparenz

Der Leiter des Horten Zentrums für praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer des Universitätsspitals Zürich, Prof. Johann Steurer, hingegen würde es begrüssen, wenn der Peer-review-Prozess «offen und transparent» würde. Das Horten-Zentrum beschäftigt sich professionell mit dem Beurteilen von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen; es bietet Ärztinnen und Ärzten online eine Orientierungshilfe an, welches die für sie relevanten neuen Studien sind.

Steurer erhofft sich von Open review mehr Fairness und konstruktivere Kommentare. «Es sollte so sein, dass man zu dem, was man an anderen kritisiert, auch steht», findet Steurer. Allerdings erwähnt Steurer wie Borbély das Problem der unterschiedlichen «Mächtigkeit»: «Jüngere Reviewer könnten Bedenken haben, ältere und berühmtere Forscher zu kritisieren, aus Angst, dass diese ihnen das heimzahlen werden.»

Open peer review ist zwar schneller als das traditionelle Peer review, doch von der rascheren Publikation profitiere vor allem die Öffentlichkeit, findet Steurer. Die Forschenden selbst seien insbesondere bei «ganz heissen Resultaten» gar nicht erpicht, ihre «Schätze» gleich aus der Hand zu geben. Lieber würden sie die Zeit, bis der Peer-review-Prozess durch ist (was ein halbes bis ganzes Jahr dauern kann), nutzen, um aufgrund ihres Wissensvorsprungs Folgeprojekte zu planen, hat Steurer beobachtet.

Nur anonym zur Kritik bereit

Dass die Aufhebung der Anonymität tatsächlich einer der Knackpunkte des Open-peer-review-Konzepts ist, belegen Untersuchungen, die Richard Smith, während mehr als dreizehn Jahren Redaktor und zeitweise Verlagsleiter des Open-Access-Journals «British Medical Journal» (BMJ), bereits 1999 durchführte.

Werden die Peers gefragt, ob sie einverstanden seien, dass ihre Identität den kritisierten Autor/innen bekannt gegeben werde, so wirkte sich diese Aufhebung der Anonymität weder auf die Qualität der Kritik aus, noch auf die Art der Empfehlung, ob ein Paper publiziert werden solle, noch auf den zeitlichen Aufwand für das Gutachten.

Was sich allerdings stark veränderte, war die Bereitschaft der als Peer angefragten Fachleute, ein Gutachten überhaupt zu verfassen – die Wahrscheinlichkeit, dass sie ablehnten, erhöhte sich signifikant. (aus: BMJ Volume 318, 2 january 1999).

So subjektiv wie die Liebe

Diesen Frühling hat Richard Smith seine langjährigen Erfahrungen mit Peer review im «Journal of the Royal Society of Medicine» (Vol. 99, April 2006) zusammengefasst. Darin zieht er unter anderem eine Parallele zwischen Peer review und der Staatsform der Demokratie: beides sind Systeme voller Probleme, «but the least worst we have».

Smith geht sogar so weit, Peer review mit «Poesie, Liebe oder Gerechtigkeit» zu vergleichen. Wie diese drei sei Peer review undefiniert, subjektiv, im Grunde unwissenschaftlich, etwa so vorhersehbar wie Lottospielen. Denn weder sei definiert, wer ein Peer sei und wie viele es für eine fundierte Beurteilung brauche, noch wie nahe am Thema (führt zu Konkurrenzproblemen) beziehungsweise wie fern (Gefahr der Inkompetenz) ein Peer zu sein habe. Auch könne sich kein Peer eine wirklich fundierte Kritik zeitlich leisten, denn dazu müsste er oder sie die Rohdaten studieren, die Analysen nachvollziehen, die Referenzen kontrollieren und detaillierte Angaben für die Überarbeitung des Papers machen – was niemand tue.

Taugliche Reformen gesucht

Trotz aller Mängel von Peer review findet Smith nicht, das alt eingesessene Verfahren müsse abgeschafft werden. Allerdings bedarf es für Smith dringend einiger Reformen. Welche taugen, das werde die nächste Generation herausfinden müssen. Denn Smith ist sich nicht sicher, ob seine Nachfolger bei der BMJ Publishing Group den Gutachterprozess im World Wide Web wirklich vorantreiben und die Artikel in real time für jedermanns Augen öffnen werden. «Peer review würde dadurch völlig umgewandelt: von einer Black Box in einen offenen wissenschaftlichen Diskurs», so Smith. Ob Open review der richtige Weg ist, wird sich weisen müssen, am besten wohl mittels wissenschaftlicher Überprüfung. – «Natures» Versuch mit Open review wird dazu hoffentlich einen weiteren Beitrag leisten.

Brigitte Blöchlinger ist unipublic-Redaktorin.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000