Das Medizinstudium an der Universität Zürich wird reformiert

«Wir sind auf dem richtigen Weg»

Wie die Ausbildung zum Arzt in Zukunft aussehen soll, darüber diskutieren Politiker in der Schweiz schon länger. Die Universität Zürich gibt nun einen möglichen Weg vor, indem ihre - schweizweit grösste - medizinische Fakultät mit der Reform ihres Studiengangs begonnen hat.

Brigitte Blöchlinger

Seit 1995 wird sowohl an einem neuen Gesetz über Medizinalberufe als auch über die Arztausbildung gearbeitet. Es soll das alte Gesetz aus dem Jahr 1877 ablösen. Der neue Gesetzesentwurf wurde mehrfach angepasst, unter anderem an das Universitätsförderungsgesetz und an die bilateralen Verträge. Nun hätte er eigentlich ans Parlament gehen sollen. Doch da schaltete sich im Herbst vergangenen Jahres eine Arbeitsgruppe um Staatssekretär Charles Kleiber mit einem Positionspapier zur schweizerischen Hochschulmedizin in die Diskussion ein, und diesen Februar präsentierte die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS) ein eigenes Ausbildungskonzept.

Hoheit des Bundes oder der Kantone?

Die CRUS vertritt die Gesamtheit der Schweizer Universitäten gegenüber politischen Behörden, der Wirtschaft, sozialen und kulturellen Institutionen sowie gegenüber der Öffentlichkeit. Das Medizinstudium, wie es die CRUS nun vorschlägt, sieht vor, dass für die medizinische Grundausbildung in Zukunft nicht mehr der Bund, sondern die Universitäten verantwortlich sein sollen. Das CRUS-Medizinstudium wäre breit angelegt und würde nicht nur wie bisher die Grundlage für die Ausbildung zum Arzt legen, sondern auch den Einstieg in die (biomedizinische) Forschung ermöglichen. Für weiter gehende Spezialisierungen wäre der Bund wieder zuständig: Die Facharzttitel würden an der neu zu gründenden Swiss Postgraduate Medical School erworben.

Noch bevor die Kontroverse um das Medizinstudium auf politischer Ebene aufkam, hatte die Universität Zürich bereits begonnen, ihr Medizinstudium Schritt für Schritt beziehungsweise Studienjahr für Studienjahr zu reformieren. Seit letztem Oktober studieren die ersten Medizinstudentinnen und -studenten nach neuem Muster.

Das Organigramm der Studienreform der Medizinischen Fakultät. (Bild: Medizinische Fakultaet)

Zürich reformiert das Medizinstudium

Das erste Studienjahr vermittelt die naturwissenschaftlichen und humanwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin. Bisher bestand es aus vorwiegend theoretischem Basiswissen mit nur wenig Bezug zur praktischen Medizin - was immer wieder kritisiert wurde. Im neuen Studiengang ist die Grenze zwischen Theorie und Praxis (Klinik) durchlässiger. Auch sind Fächer, diedie Sozialkompetenz und die praktischen Fertigkeiten stärken wie Gesprächsführung, Ethik und klinische Untersuchungskurse, im Curriculum verankert. Zwar gehören die ungeliebten Fächer Chemie und Physik nach wie vor zur Vorklinik, aber der Bezug zur Anwendbarkeit im klinischen Alltag wurde gestärkt. In der Physik zum Beispiel wird nicht mehr systematisch das Wichtigste wie die Elektrizitätslehre durchgenommen, sondern häufig mit konkretem klinischem Know-how, wie dem Einsatz des Elektrokardiogramms (EKG), verbunden.

Auch die Kernfächer des ersten Studienjahres, Physiologie und Anatomie, wurden besser miteinander verknüpft; zum Beispiel wird der physikalische Vorgang des Röntgens zusammen mit anatomischem Basiswissen vermittelt (etwa wie ein Schultergelenk aussieht).

Kleinster gemeinsamer Nenner: der Lernzielkatalog

Wo ist die Reform des Zürcher Medizinstudiums in der gesamtschweizerischen Kontroverse um die zukünftige Arztausbildung anzusiedeln? Professor Wilhelm Vetter, der als «Studiendekan Klinik» die Reform des klinischen Studiums an der Universität Zürich leitet, gibt zu bedenken, dass das Entwerfen eines neuen Studiengangs grundsätzlich Sache der einzelnen medizinischen Fakultäten sei. Natürlich tun die verschiedenen medizinischen Fakultäten der Schweiz das nicht isoliert voneinander; mehrmals im Jahr treffen sich die Studiendekane und informieren sich gegenseitig über die laufenden Reformen. Und die unterscheiden sich innerhalb einer gewissen Bandbreite. «Noch heute haben wir an den Universitäten in der Schweiz keine identischen Studiengänge, aber vergleichbare,» erklärt Wilhelm Vetter. Jede Universität bringe ihre eigenen Spezialitäten und Stärken ein. Damit die angehenden Ärztinnen und Ärzte am Schluss dennoch über die gleichen Kernkompetenzen verfügen, wurde ein schweizerischer Lernzielkatalog verabschiedet. In diesem Katalog sind die Fähigkeiten und das Wissen aufgelistet, über das manbeim Staatsexamen verfügen muss.

Zürichs Reform-«Strasse»

Professor Vetter sieht der gesamtschweizerischen Medizinreform gelassen entgegen. Sie wird seiner Ansicht nach die Zürcher Reform wohl kaum über den Haufen werfen. «Wir haben die laufende Studienreform nach internationalen Qualitätsstandards ausgerichtet», hält Vetter fest und gibt zu bedenken: «Stellen Sie sich zudem die gewaltigen Ressourcen vor, die so eine Studienreform benötigt. Müssten wir da nach Abschluss der Reform wieder von vorne anfangen, würde dies das ganze System überdehnen; das kostet ungeheuer viel Geld.»

Gibt Zürich folglich als grösste medizinische Fakultät der Schweiz die Richtung vor, wie gesamtschweizerisch reformiert wird? Professor Vetter relativiert. Die anderen Universitäten seien schon weiter mit ihren Reformen und hätten ihre eigenen «Strassen» bereits zu bauen begonnen. «Meiner Meinung nach ist das eine gute Entwicklung: Die einzelnen Universitäten bauen alle ihre eigenen Strassen, die am Schluss zum gleichen Ziel führen», findet Vetter. Die «Zürcher Strasse» zeichnet sich durch ein Hybridcurriculum aus, das bedeutet: es vereint eine Vielzahl von Lehrveranstaltungen – vom traditionellen Frontalunterricht bis zum E-Learning.

Studiendekan Wilhelm Vetter: «In den Spitälern hat es zu wenig Ärzte.» (Bild: unicom)

Wenig Sparpotential

Und die Sparpläne der Politiker, die darauf abzielen, dass kleinere medizinische Fakultäten sich mit anderen zusammenschliessen müssen und am Schluss nur noch zwei, drei Ausbildungsgänge übrig bleiben, unter anderem sicher auch die grösste medizinische Fakultät, Zürich - was hält der Zürcher Studiendekan davon? «Ich bezweifle sehr, dass man damit wirklich sparen würde. Mit dem Kleingruppenunterricht, der nun eingeführt wird, würde Zürich bei einer Fusion möglicherweise deutlich mehr als die bisherigen dreihundert Studierenden im ersten Studienjahr haben; das ist nicht mehr zu bewältigen. Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.» Nicht einmal bei der Infrastruktur sieht Professor Wilhelm Vetter Sparpotential: Werden medizinische Lehrgänge zusammengelegt, so muss man einfach an einem anderen Ort die doppelte Infrastruktur aufbauen. «Das muss man sich gut überlegen, ob man damit wirklich sparen würde», gibt Vetter zu bedenken.

Auch die Idee einer einzigen, gesamtschweizerischen Medical School, die immer wieder auftaucht, bringt Vetter nicht aus der Ruhe. «Die Idee einer Medical School würde ein ganz neues System beinhalten; Medical Schools stammen ja aus den USA; sie vermitteln allerdings nur klinische Inhalte, die vorklinischen Fächer sind in die Collegeausbildung ausgelagert.»

Mehr Raum für kleinere Lerngruppen

Diesen Herbst gibt es für die Medizinstudentinnen und -studenten der Universität Zürich neuen Platz im Rotkreuzspital an der Gloriastrasse 16. Dort wird eine studentengerechte Umgebung dafür sorgen, dass die neuen Ideen von Kleingruppenunterricht etc. auch umgesetzt werden können. (Computer-)Arbeitsplätze, eine grosse Handbibliothek und E-Learning-Angebote gehören ebenso dazu wie eine geplante Lernlandschaft mit Gruppenunterrichtsräumen und einem Skills Lab für Pflegende und Medizinstudierende. Weitere Unterrichtsräume für Kleingruppen in den beiden ersten Studienjahren bietet das neue Lernzentrum Luegislandstrasse.

Moderat mehr Ausbildungsplätze

Wird es durch die neuen Räumlichkeiten Platz für mehr Medizinstudierende als bisher geben? Wird man gar den Numerus clausus aufheben können? «In den nächsten Jahren sicher nicht», antwortet Vetter. Durch die sukzessive Arbeitszeitverkürzung für Assistenzärzte (auf fünfzig Stunden pro Woche) werde es in den Spitälern zu einem Engpass kommen. «In den Spitälern hat es zu wenig Ärzte», sagt Vetter. «Zum einen können wir das mit zuziehenden ausländischen Ärztinnen und Ärzten ausgleichen. Zum andern wird man die Zahl der Auszubildenden moderat ansteigen lassen.» Ob das reicht, bezweifelt Vetter. «An der Universität Zürich ist eine Kapazitätssteigerung von zehn bis zwanzig Prozent denkbar», schätzt Vetter. «Aber das wird die Politik entscheiden.» Der Schwerpunkt des reformierten Medizinstudiums an der Universität Zürich liegt erst einmal auf der Steigerung der Qualität. Im Wintersemester 2008/09 soll der Reformprozess abgeschlossen sein. Dann sollte laut Bundesamt für Gesundheit auch das neue Gesetz in Kraft treten.

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin unipublic und Journalistin BR.