Ho-ho-hoppla! Wie Denkgeneralisten ins Berufsleben einsteigen

Obwohl das Studium der Sozial- und Geisteswissenschaften Eigenständigkeit und Initiativkraft erfordert, gestaltet sich der Einstieg ins Berufsleben nicht immer einfach. Eine neue Publikation der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für akademische Berufs- und Studienberatung (AGAB) analysiert die Probleme und zeigt, wie es funktionieren kann.

Brigitte Blöchlinger

«Geistes- und Sozialwissenschaften - vom Studium in den Beruf», Hg. Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für akademische Berufs- und Studienberatung, AGAB-Verlag, Aarau, 2003. ISBN: 3-9520653-9-0 (Bild: zVg.)

«Geistes- und Sozialwissenschaften - vom Studium in den Beruf» heisst das neue Ratgeberbuch der AGAB. Den Hauptteil der Publikation bilden zirka achtzig erfolgreich ins Berufsleben eingestiegene «Phil-Ier», die ihren Werdegang kurz in ich-Form beschreiben. Dabei wird die ganze Breite der unter Geistes- und Sozialwissenschaften subsumierten Disziplinen berücksichtigt, von der Staatsrechtlerin über die Ökologin bis zum Filmwissenschaftler. Trotz Vielfalt findet sich sogar ein gemeinsamer Nenner: Die porträtierten Phil-Ier sind mehrheitlich bei «Jobs mit Kultur und Kommunikation» gelandet.

Hier kommen die Kompetenzen der Phil-Ier am besten zum Zug: Verstehen, Aufarbeiten und Vermitteln komplexer Sachverhalte. Ein Studium der Sozial- oder Geisteswissenschaften liefert neben Fachwissen auch - im besten Falle - die genannten Allrounder-Fähigkeiten. Was den Vorteil hat, dass die Studienabgänger sich in die verschiedensten Gebiete schnell einarbeiten können. Und den Nachteil, dass sie dem Markt kein klares Einsatzprofil bieten.

Ungeplant zum Traumberuf

Liest man sich durch die zahlreichen Porträts, fällt auf, dass die meisten relativ ungeplant und fast zufällig zu ihrem Traumberuf - und als das bezeichnen viele ihre derzeitige Stelle - gekommen sind. Das mag daran liegen, dass die Situation für Studienabgängerinnen und -abgänger erst seit zirka zwei Jahren so angespannt ist und der Ruf nach gezielter Karriereplanung entsprechend neu. Fast alle Porträtierten haben ihre Haupt- und Nebenfächer noch rein nach Interesse gewählt und nicht nach den Wünschen des Arbeitsmarkts. Das sei auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten sinnvoll, erklären die Herausgeber im letzten Kapitel «Arbeitsmarkt und Beschäftigungssituation». Denn vom Beginn des Studiums bis zum Berufseintritt verstreichen allzu viele Jahre, als dass eine sichere Prognose der zukünftigen Stellenlage möglich wäre.

Immer gefragt: erste Erfahrungen

Sowohl gängige und überlaufene Fächer wie Publizistik als auch ausgefallene wie Japanologie können zum Ziel führen, zeigen die Porträts weiter. Was sich allerdings immer empfiehlt, ist das Sammeln erster Berufserfahrungen bereits während des Studiums. Bei nicht wenigen haben diese ersten Jobs die Weichen gestellt und sie auf das spätere Arbeitsfeld eingespurt - sei es nun in Richtung Erwachsenenbildung und Unterricht, Medien, Informatikdienstleistungen, Verlagswesen oder Dokumentation,Kulturmanagement oder öffentliche Verwaltung/Organisationen, privatwirtschaftliche Unternehmen (PR, Werbung oder Verkauf), die sozialen Dienste, das Gesundheitswesen oder die Selbständigkeit.

Die möglichen Tätigkeitsfelder werden im Buch gut verständlich dargestellt, die Porträtierten liefern dazu die nötigen Differenzierungen und Färbungen und zeigen anschaulich, wie man es auch noch machen könnte. Fotos befriedigen die Neugier, wie der eine oder die andere aussieht.

Basics und Trends

Der erste Teil des Ratgebers ist eher für Studienanfänger gedacht, die bereits bei der Studienwahl an ihre Karriereplanung denken - was ein kleines Zielpublikum sein dürfte. Die ersten Kapitel liefern Basiswissen über die verschiedenen Studiengänge in der Schweiz und darüber, wie ein Phil-I-Studium aufgebaut ist und was es heisst, sich mit Sozial- und Geisteswissenschaften zu beschäftigen.

Für die «Ausstudierten», die vor dem Übergang ins Berufsleben stehen, dürfte der dritte Teil mit Analysen und Beobachtungen und allgemeinen Trends interessanter sein. Dort finden auch bisher erfolglos Suchende ein wenig Trost: Noch immer haben die Geistes- und Sozialwissenschaftler deutlich mehr Schwierigkeiten beim Übergang vom Studium in den Beruf als Abgänger anderer Studienrichtungen. Auch sind sie stärker von konjunkturellen Flauten betroffen und erleben häufiger Übergangsarbeitslosigkeit. Gelegentlich müssen sie auf Arbeitsfelder ausweichen, die wenig mit ihrem Studium zu tun haben. Doch ein guter Trend wird auch noch festgehalten: Wer gerne teilzeitlich arbeitet, hat als Geistes- oder Sozialwissenschaftlerin bessere Möglichkeiten.

Brigitte Blöchlinger ist Journalistin BR und regelmässige Mitarbeiterin von unipublic.