Spannungsfeld Psychiatrie

Der Trend zu neurowissenschaftlichen Fragestellungen in der Psychiatrie rückt das individuelle Erleben psychisch Leidender aus dem Blickfeld. In seinem kürzlich erschienenen Buch «Seelenhunger» schlägt Daniel Hell nun eine Brücke zwischen neurowissenschaftlichen Betrachtungsweisen und der «Innensicht» psychischer Störungen. In einem Interview gibt der Autor und klinische Direktor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich über Hintergründe der Publikation Auskunft.

Roger Nickl

Daniel Hell in seinem Büro. Hinter ihm das Bild von Ulrich Elsener, welches auch den Umschlag seines Buches ziert. (Bild: Roger Nickl)

Herr Professor Hell, Ihr neuestes Buch «Seelenhunger - Der fühlende Mensch und die Wissenschaft vom Leben» setzt sich mit der Psychiatrie im Spannungsfeld von naturwissenschaftlich orientierter Neurowissenschaft und Konzepten des Seelischen, die eher in einer geisteswissenschaftlichen Traditon stehen, auseinander. Was war Ihre Motivation, Ihr Anliegen dieses Buch zu schreiben?

Daniel Hell: Ich führe einerseits gemeinsam mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern neurowissenschaftliche Untersuchungen durch, andererseits bin ich Therapeut von psychisch leidenden Menschen. Diese Konstellation erfahre ich als spannungsreich: Während es den Betroffenen primär um ihr Erleben geht, bemüht sich die Wissenschaft um eine Fassung objektiv überprüfbarer Fakten. Dazu ist sie methodisch natürlich verpflichtet. Dennoch sehe ich eine Tendenz im Mainstream der Psychiatrie und der akademischen Psychologie, den Menschen - sein Verhalten, seine Biologie - aus methodischen Gründen fast nur von aussen zu betrachten. Meines Erachtens besteht hier eine gewisse Gefahr, dass das für die Behandlung ganz zentrale persönliche Erleben der Patienten ausgeblendet wird. Die zunehmende Einschränkung der Psychiatrie auf die objektivierende Aussensicht hat mich herausgefordert, mich mit den möglichen Folgen einer solchen Reduktion zu beschäftigen und die psychiatrischen Grundfragen systematisch und möglichst verständlich darzustellen.

Wie zeigt sich denn die Dominanz neurowissenschaftlicher Ansätze in der Psychiatrie?

Die Dominanz zeigt sich in einem Verständnis der Psychiatrie als angewandter Neurowissenschaft und nicht als Seelenheilkunde. Diese Vorherrschaft prägt die meisten wissenschaftlichen Publikationen. In der Praxis äussert sie sich darin, dass man den Schwerpunkt verstärkt auf neurobiologische Behandlungsmethoden setzt. Diese fortschrittlichen Methoden stellen zwar eine Stärke der modernen Psychiatrie dar. Ich glaube allerdings, dass es in der Psychiatrie eine Komplementärbewegung braucht. Denn die Beschränkung auf die Vorstellung, es gebe veränderbare biologische Bedingungen, von denen unser Erleben als Sekundärphänomen abhängt, greift zu kurz. Ich persönlich gehe davon aus, dass das Erleben, auch das Leiden eines Menschen ein zentraler Ausgangspunkt ist, um therapeutisch etwas zu verändern. Das Erleben ermöglicht darüber hinaus einen Widerstand gegen widrige Umstände. Es kann auch Anlass zur Revolte sein. Ich denke übrigens, dass die Kranken diese Komplementärbewegung bereits ein Stück weit leben, indem sie psychiatrische Krankheitsvorstellungen mit neuen Störungsbildern unterlaufen.

Das beschreiben Sie in «Seelenhunger» näher. - Wie mir scheint ist es auch ein Anliegen Ihres Buches, psychisch Leidende zu «entstigmatisieren».

Das stimmt, es gibt allerdings verschiedene Wege, dies zu tun. Man kann psychische Leiden entstigmatisieren, indem man sagt, «das ist ein körperlicher Vorgang; der Betroffene kann nichts dafür». Diese Sicht der Dinge kann entlastend wirken und ich denke, in gewissen Momenten ist sie auch nötig. Sie birgt jedoch die Gefahr in sich, Patienten letztlich auf eine Sache zu reduzieren. Gerade bei längeren Krankheitsverläufen ist es für Kranke ausserordentlich wichtig, zur eigenen Leidensgeschichte eine Einstellung zu finden. Wenn man das eigene Leiden selbst erleben und dazu auch stehen kann, ist das eine therapeutisch nutzbare Gegenkraft. Deshalb meine ich, die Entstigmatisierung darf sich nicht nur darauf beschränken, alles auf Vorgänge im Hirn zu reduzieren. Meines Erachtens setzt eine weitergehende Entstigmatisierung dort ein, wo auch die potenzielle Widerstandskraft des psychischen Erlebens erkannt wird. Bei Depressiven beispielsweise gibt es im Zustand der Empfindungs- und Fühllosigkeit, der für die Erkrankung typisch ist, auch immer Inseln des Empfindens - beispielsweise Wut, Ekel, Angst. Dieses unangenehme Empfinden darf man eben gerade nicht pathologisieren, wie dies heute öfters getan wird. Es ist eher zu fördern, denn es stellt eine Art Resistenz des Lebens im depressiven Vakuum dar.

Wie verändert denn der Einfluss der Neurowissenschaften den direkten Kontakt und das Gespräch mit den Patienten?

Ich glaube tendenziell wird weniger mit den Patienten gesprochen. Es wird vor allem beobachtet, untersucht und chemisch behandelt. Diese Praxis kann bei Störungen, wie ich sie behandle, nur ein Teil der Therapie ausmachen. Denn bei der Behandlung einer Depression bin ich immer auch darauf angewiesen, was der Patient über sein Erleben berichtet. Der Kranke erlebt sich niedergedrückt, niedergeschlagen, antriebslos, energielos - das sind die Leitsymptome. Als Behandelnder muss ich dieses Erleben ein Stück weit mitempfinden können. Wenn ich das nicht kann, wird sich der Patient nicht verstanden fühlen. Deshalb meine ich, wir sollten uns in der Psychiatrie bewusst sein, dass die Erlebensdimension zwar nicht objektivierbar, aber für unsere Handlungsweise von zentraler Bedeutung ist.

«Seelenhunger» von Daniel Hell, Verlag Hans Huber. (Bild: pop)

Wie fliesst Ihre Sicht der Psychiatrie in die Lehre ein? Was versuchen Sie Ihren Studentinnen undStudenten zu vermitteln?

In den Vorlesungen habe ich schon immer darzustellen versucht, wie es den Betroffenen zu Mute ist. Teilweise lade ich Patienten ein, um über ihre Erfahrungen zu berichten. In den letzten Jahren bin ich vielleicht auch etwas mutiger geworden und habe mehr auf die Gefahr einer Pathologisierung von Emotionen hingewiesen. Es gibt durchaus - natürlich auch ökonomisch motivierte - Interessen, etwa Angst generell zu pathologisieren und medikamentös zu behandeln. Dazu nehme ich heute klarer Stellung. Ich versuche zudem dezidierter herauszuarbeiten, wie wichtig es in der Therapie ist, dem Patienten zu vermitteln, dass sein Erleben teilweise nachvollzogen werden kann.

Ihr Buch ist betont interdisziplinär angelegt. Inwieweit ist in der Psychiatrie die Zusammenarbeit über die Fachgrenzen hinaus bereits Realität?

Eine verstärkte Vernetzung gibt es bereits seit einiger Zeit zwischen Psychiatrie und Psycholgie, um die Psychotherapieforschung zu fördern. So haben sich mehrere Professoren unter Beteiligung der Universität zum so genannten Psy-Net zusammengeschlossen. Darüber hinaus gibt es natürlich eine starke Kooperation mit der Bio-Medizin, insbesondere mit der Pharmakologie, der Molekularbiologie, der Neurologie und der Neuroradiologie. Ich persönlich werde mich künftig noch mehr für eine Zusammenarbeit mit den Philosophen öffnen. Im kommenden Wintersemester plane ich gemeinsam mit dem Philosophie-Ordinarius Helmut Holzhey einen Lehrgang «Philosophie und Psychiatrie».

Wie sollte sich die Psychiatrie Ihrer Meinung nach künftig weiterentwickeln?

Wenn man die aktuelle Entwicklung in der Psychiatrie vor einem historischen Hintergrund betrachtet, so sind wir heute in einer ausserordentlich herausfordernden Zeit. Einerseits gehen personelle Ressourcen verloren, was sich negativ auf die Betreuungssituation auswirkt. Es besteht aber auch die Gefahr, dass wieder verstärkt versucht wird -auch mittels Ausdehnung von Zwangsmassnahmen - über Menschen zu verfügen. Anzeichen, die in eine solche Richtung weisen, sind bereit vorhanden. Man sieht etwa in der forensischen Psychiatrie, dass wieder mehr unbefristete Massnahmen ausgesprochen werden. Es gibt international die Tendenz, psychisch Kranken vermehrt fürsorgerisch die Freiheit zu entziehen. Wenn sich diese Praxis mit der Ansicht verbindet, der Mensch sei mit bildgebenden Verfahren einzusehen und es sei von aussen zu bestimmen, was für ihn gut sei, dann ist die Gefahr gross, dass über Patienten verfügt wird. Die Psychiatrie ist bereits einmal in Zeiten eines erhöhten sozio-ökonomischen Drucks der Gefahr des Reduktionismus erlegen. Deshalb glaube ich, dass es gerade heute wichtig ist, die personale Seite psychischer Störungen mitzubedenken. Auch wenn sie sich nicht objektivieren lässt. Wir müssen uns bewusst sein, dass jeder Mensch letztlich ein ganz persönliches Erleben hat, das ihn auszeichnet.

Roger Nickl ist Redaktor des
unimagazinsund freier Journalist.