Sommerferien

In Olten aussteigen

Ferien im eigenen Land liegen dieses Jahr auf der Hand. Eine Historikerin, ein Geograf, ein Ökologe, ein Religions- sowie ein Kulturwissenschaftler der UZH liefern Ideen für Ausflüge in der Schweiz. Wir wünschen Ihnen unvergessliche Sommertage und verabschieden uns hiermit in die Sommerpause.

Kommunikation

Bahnhof Olten
Olten liegt am Kreuzungspunkt der Bahnlinien Nord-Süd und West-Ost. Dank seiner zentralen Lage gilt Olten als Treffpunkt, der für alle Schweizerinnen und Schweizer gleich naheliegt. (Bild: Bahnhof Olten Westkopf; Wikimedia Commons; Bobo11)

Das Rütli der Eisenbahnschweiz

«In Olten steige man höchstens um, nicht aus, höre ich sagen. Hier Halt zu machen, lohnt sich jedoch auf jeden Fall, nicht nur als Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich Olten als Zentrum einer neuen, modernen Schweiz, die durch Eisenbahn und Industrie, (klein-)städtische Strukturen und liberale Ideen geprägt wurde. Olten als Rütli der Eisenbahnschweiz, könnte man mit Fug und Recht behaupten. Bereits der Bahnhof bietet Erinnerungsorte: Der «Kilometer-Null-Stein» beim Gleis 12 etwa, oder das legendäre Bahnhofbuffet. Natürlich lohnt sich der Gang über die Aare in die schmucke Altstadt. Im Sommer darf ein Besuch des Strandbads nicht fehlen, einem tollen Bau der klassischen Moderne. Nach einem Schwumm in der Aare lässt sich da auch bestens ein Sundowner geniessen – und davon träumen, hier zu bleiben.»

Mischa Gallati, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

 

Kühlende Wasserwege im Wallis 

«Für einen spannenden Wasserausflug in der Schweiz sollte man einmal genau auf das liebe Geld schauen, genau genommen den 100-Franken-Schein mit der Suone aus dem Wallis. Die Suonen, oder auch Bissen, sind Wasserleitungen, die Wasser aus niederschlagsreicheren Gegenden des Wallis in die trockenen Gebiete entlang des Rhonetales bringen und damit die Landwirtschaft ermöglichten. An den Suonen zeigt sich die grosse Variation der hydroklimatischen Bedingungen im Wallis – auf wenigen Kilometern Abstand kann der Jahresniederschlag von unter 750 mm auf deutlich über 1500 mm pro Jahr steigen. Die Suonen belegen auch den immensen Aufwand, den Menschen seit Jahrhunderten betreiben, um den Zugang zu Wasserressourcen zu sichern. Für Ausflüge bieten die Suonen herrliche, kilometerlange Wanderwege entlang fröhlich fliessendem Wasser, das immer wieder zu Rennen mit aus Zweigen und Gräsern selbstgebauten Böötli einlädt. Im Suonenmuseum in Botyre kann man alles zur Geschichte und Bedeutung der Suonen erfahren.»

Jan Seibert, Professor für Physische Geographie

 

Historische Postkarte mit Morteratsch-Gletscher
Glacier de Morteratsch, kolorierte Postkarte, ca. 1890. Lienhard & Salzborn, Photographische Anstalt, Chur, St. Moritz (Bild: ETH e-pics Ans_06877)

Sedimente des Anthropozäns

«Es sind Postkartenbilder, die einen auf dem Weg von der Station Morteratsch zur Boval-Hütte erwarten. Der Weg wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts sorgfältig an den Rändern der Moränen angelegt – zu einer Zeit, als Glaziologen, Fotografen und Touristinnen und Touristen aus Nah und Fern erstmals ins Gletschertal bei Pontresina strömten. Der pittoreske Weg bringt Wanderinnen und Wanderer in rund zwei Stunden zur 1877 errichteten Hütte des Schweizerischen Alpenclub. Währenddessen lenkt er den Blick auf eine Landschaft, die 150 Jahre später zum Mahnmal des Klimawandels und der Gletscherschmelze geworden ist: Der Gletscher, der im 19. Jahrhundert noch das ganze Tal ausfüllte, hat sich heute bis ganz zuhinterst im Tal zurückgezogen. Von der Boval-Hütte aus blickt man auf die Überreste des Pers-Gletschers und des Morteratsch-Gletschers, die seit 2015 nicht mehr zusammenfliessen. Viele alte Fotos und farbig kolorierte Postkarten aus dem Online-Bildarchiv der ETH erinnern an die prachtvolle Wucht der Eismassen bis zur Station Morteratsch. Sie sind inzwischen zu Dokumenten einer Geschichte des Anthropozäns avanciert.»
Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit

 

In die Vergangenheit reisen

«Wer Abstand gewinnen will, muss irgendwo anfangen. Dieses Jahr vielleicht mit einem Besuch im Landesmuseum, das eine Ausstellung über Nonnen zeigt. Untertitel: Starke Frauen im Mittelalter – ein guter Anstoss, über das Verhältnis von Mittelalter und Moderne, Geschichte und Imaginationen nachzudenken. Schade nur, dass die Ausstellung mit der Reformation endet und suggeriert, es gebe seither keine Nonnen mehr – ein Spaziergang limmatabwärts nach Fahr belehrt uns schnell eines Besseren.
Critical thinking since 1525 hiess es neulich in einem Imagefilm der UZH, die sich damit eine etwas schräge Genealogie zulegte. Wussten Sie, dass die erste Zürcher Bibel auf Deutsch nicht in Zwinglis Kollegium, sondern von einem mittelalterlichen Dominikaner übersetzt wurde, ungefähr dort, wo heute die ZB steht? Und dass mit der Zürcher Reformation (nicht nur, aber auch) ein Büchersturm einherging? Es gibt viele gute Gründe, sich mit der Vergangenheit kritisch zu befassen – auch in den Ferien.»

Christoph Uehlinger, Professor für Allgemeine Religionsgeschichte und Religionswissenschaft

 

Höhlenforscher im Hölloch
Höhlenforscher und Gewässerökologen im Hölloch auf der Suche nach Niphargus-Arten (Bild: Jonas Steiner, Eawag)

Auf (Biodiversitäts)-Schatzsuche

«In der Schweiz neue und bisher unbekannte Arten entdecken? Gar nicht so abwegig! Im Rahmen des Forschungsprojektes Amphipod.CH haben wir in einer Zusammenarbeit von Gewässerökologen und Höhlenforschern in den letzten Jahren schweizweit ein halbes Dutzend für die Wissenschaft bisher unbekannte Flohkrebsarten der Gattung Niphargus gefunden – die meisten aus dem Untergrund. Gerade drei bisher unbekannte Arten fanden sich im Hölloch, im Muotathal, in der zweitlängsten Höhle Europas. Diese 2 bis 3 cm grossen Flohkrebse kommen weltweit nur dort vor, wo sie allenfalls auch die Eiszeiten überstanden haben. Sie zählen also zu den ältesten Bewohnern der Schweiz. Die Höhle selbst ist vor allem im Winter zugänglich, im Sommer kann sie durch Gewitter minutenschnell gefüllt und unzugänglich sein. Ich empfehle daher eine Wanderung von Muotathal auf die Silberen und zurück, mit dem Wissen des Biodiversitätsschatzes unter den Füssen.»

Florian Altermatt, Professor für Aquatische Ökologie

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