Citizen Science

Flinke Wiesel

Mehrere Citizen-Science-Projekte, eine Winter-School und eine attraktive Ringvorlesung: Das Citizen-Science-Center Zürich und die Partizipative Wissenschaftsakademie nehmen Fahrt auf.

Stefan Stöcklin

mondardini_toensmann
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Ein Mauswiesel und eine Fotofalle, die der Kartierung der Populationen dient. (Bild: Screenshot Website CS)

 

Sie sind klein, flink – und bedroht. Die Rede ist vom Mauswiesel, dem kleinsten Raubtier in der Schweiz. Im jüngsten Citizen Science Projekt können interessierte Bürgerinnen und Bürger helfen, wichtige Daten zum kleinen Flitzer zu beschaffen. Sie müssen dazu kurze Videosequenzen aus Fotofallen abrufen und die Identität der gefilmten Tiere bestimmen. Denn nicht nur neugierige Wiesel verirren sich in die Filmboxen, die landauf landab aufgestellt wurden, sondern auch Mäuse, Frösche oder Schlangen.

Das in Zusammenarbeit mit der Naturschutzorganisation SWILD entwickelte Projekt hat zum Ziel, die Verbreitung der Wieselpopulationen in der Schweiz zu kartieren. Ende August 2019 wurde das Vorhaben auf der Website aufgeschaltet, zwei Wochen später haben bereits um die 200 Bürgerwissenschaftler rund achteinhalbtausend Videos klassifiziert. «Das Wieselprojekt ist sehr gut angelaufen», freut sich Rosy Mondardini, Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums Citizen Science von UZH und ETH Zürich.

Populäre Sprachforschung

Das Wieselprojekt ist eines von vier Projekten des Kompetenzzentrums. Im Sommer wurde das sprachwissenschaftliche Vorhaben zu den Wenkersätzen aktualisiert. Die Bezeichnung bezieht sich auf Georg Wenker, der vor knapp hundert Jahren 40 hochdeutsche Sätze an Schweizer Schulen in verschiedene Ortsdialekte übersetzen liess. Diese Übersetzungen sind auf rund 1700 Wenkerbögen festgehalten und harren der Analyse. Citizen Scientists können die handgeschriebenen Bögen in maschinenlesbare Druckschrift transkribieren. Zudem können Interessierte die Wenkersätze in ihre heutigen Dialekte übersetzen, was Vergleiche ermöglichen wird, wie sich die Ortsdialekte seit 1930 verändert haben.

Auch dieses Projekt finde viel Zuspruch, Forschung zu Dialekten und Sprache sei extrem populär, sagt Mondardini. Das gilt auch für das Projekt zu Hate Speech in Whatsapp Texten. Basis dieses Citizen-Science-Vorhabens sind hunderttausende von Textpassagen aus dem Forschungsprojekt Whats-up Switzerland. Interessierte Bürgerinnen und Bürger können in diesen Texten nach geschlechterspezifischen Hassausdrücken suchen und so den Sprachwissenschaftlern bei der Analyse helfen.

Das vierte Projekt schliesslich befasst sich mit der Identifizierung von Schlangen zur Verbesserung der Diagnostik und Behandlung von Schlangenbissen, die global betrachtet ein grosses Problem darstellen. Die Snake-Bite-Challenge ist ein Kooperationsprojekt mit der Universität Genf und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Hier gilt es, Schlangen anhand von Bildern zu identifizieren.

 

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Rosy Mondardini, Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums Citizen Science (li) und Susanne Tönsmann, Geschäftsführerin der Partizipativen Wissenschaftsakademie von UZH und ETH. (Bild: Stefan Stöcklin)

Kompetenzen für partizipative Forschung

Gut ein Jahr nach der Gründung kommt das Citizen Science Center Zürich in Fahrt. Dem Kompetenzzentrum angegliedert ist die Partizipative Wissenschaftsakademie PWA unter der Leitung von Susanne Tönsmann. Während das Kompetenzzentrum neue Projekte entwickelt und auf ihrer Website interessierten Bürgerinnen und Bürgern die Zusammenarbeit mit Forschenden anbietet, konzentriert sich die Wissenschaftsakademie auf die Förderung dieser Zusammenarbeit sowie den Aufbau weiterer Projekte. Im speziellen sollen Bürgerinnen und Bürger befähigt werden, auf Augenhöhe mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu forschen.

«Wir fördern Kompetenzen für partizipatives Arbeiten sowohl für Forschende als auch für interessierte Bürgerinnen und Bürger», sagt Geschäftsführerin Susanne Tönsmann. So findet nächsten Januar die «Citizen Science Winter School» in Zusammenarbeit mit dem Graduate Campus der UZH statt. Sie richtet sich an Doktorierende, Postdocs und Praktikerinnen und Praktiker von Citizen-Science-Projekten. Im Zentrum des einwöchigen Kurses steht neben dem Austausch die Frage, wie sich akademische Forschung durch Beteiligung der Öffentlichkeit erweitern lässt.

Um neue innovative Projekte zu etablieren, die eine möglichst grosse Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern am Forschungsprozess ermöglichen, werden dieses Jahr von der Akademie erstmals auch Seed Grants vergeben. Die Fördermittel richten sich an Teams aus mindestens zwei Personen, von denen eine an der UZH oder ETH tätig sein muss während die andere Person nicht in der Forschung tätig sein sollte. Wie Susanne Tönsmann ausführt, war die Resonanz auf die Ausschreibung erfreulich gross. Aus zahlreichen Eingaben wurden sieben zukunftsträchtige Projekte ausgewählt, die im Herbst dieses Jahres mit der Arbeit beginnen.

Nachhaltigkeit braucht Citizen Science

Rosy Mondardini weist darauf hin, dass die Bürgerwissenschaft auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit und speziell dem Klimawandel an Bedeutung gewinne. «Die Nachhaltigkeitsziele der UN setzen ein starkes Engagement der Zivilgesellschaft voraus», sagt Mondardini, «und die Citizen Science ist ein wirksames Instrument zur Förderung dieser Anstrengungen.» Das Kompetenzzentrum ermutige zu entsprechenden Projekten, zum Beispiel durch die Überwachung von Umweltdaten via Crowdlösungen, womit die «Intelligenz der Masse» genutzt werden kann. In Arbeit ist auch ein Open Source Tool zur Entwicklung von Citizen-Science-Projekten.

Ein Jahr nach der Gründung des Zentrums und der Akademie ist also einiges in Bewegung. Seit kurzem haust man zusammen in einem Gebäude der UZH im Unterstrass Quartier. Eine gemeinsame Produktion ist auch die Ringvorlesung «Citizen Science – Potentiale für eine transformative Wissenschaft». Die Reihe beginnt am 9. Oktober mit einem Beitrag von Katrin Vohland zum Thema «Machen Laien die Forschung besser?» und verspricht interessante Einsichten.

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News

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