Zürcher Forum Prävention und Gesundheitsförderung

«Botox ist schon fast normal»

Brüste optimieren, Fett absaugen: ästhetische Eingriffe sind für Nicole Lindenblatt am Universitätsspital Zürich Alltag. Am kommenden Mittwoch diskutiert die plastische Chirurgin an einem Podium zum Thema «Schönheitsoperation – ein problematischer Trend?»

Interview: Roger Nickl

Nicole Lindenblatt
Nicole Lindenblatt
«Die Schwelle für Eingriffe ist gesunken»: Nicole Lindenblatt, Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie. (Bild: Fabio Schönholzer)

 

Frau Lindenblatt, Hollywood macht es vor und viele Menschen in Amerika und immer mehr auch in Europa machen es nach. Das Aufspritzen von Lippen, Glätten von Falten und Optimieren von Busen und Po-Backen liegt im Trend. Werden wir nun immer schöner?

Nicole Lindenblatt (lacht): Ich weiss nicht, ob wir immer schöner werden. Jedenfalls ist das Bewusstsein für das Aussehen, aber auch für die Therapien, mit denen man dieses verbessern kann, im Verlauf der letzten fünf bis zehn Jahre deutlich gestiegen. Es wird immer wichtiger gut auszusehen – das gilt gleichermassen für jung und alt, für Frauen und Männer. Entsprechend werden ästhetische Eingriffe zunehmend beliebt.

Können Sie sich diesen Trend erklären?

Der Trend wird sicher durch die Medien stimuliert. Es gibt immer mehr Bilder auf dem Internet, die auch immer besser bearbeitet und geschönt werden können. Die Menschen in den Medien sehen gut aus, deshalb wächst auch das Bedürfnis selber gut auszusehen. Jung und fit zu sein, liegt im Trend.

Was macht denn einen schönen Körper aus?

Jugendlichkeit ist ganz zentral – sie wird heute angestrebt. Ein Gesicht sollte zudem symmetrisch sein und keine Merkmale aufweisen, die zu sehr auffallen. Symmetrische Gesichtsformen gelten als attraktiv.

Was ist denn das schönste Gesicht in Hollywood?

Angelina Jolie ist schon nicht schlecht, sehr skulpturiert. Sie hat ein tolles, aber auch spezielles Gesicht. Die Lippen sind wahrscheinlich angeboren, aber die Nase ist ziemlich sicher verfeinert worden. Letztlich sind alle Hollywoodstars nicht mehr original, schon gar nicht die über 25. Bei vielen sind die Eingriffe aber sehr gut gemacht. Da merkt man kaum etwas.

Sie haben angetönt, dass die Schönheitschirurgie Fortschritte gemacht hat: Was kann man denn heute tun, was früher nicht möglich war?

Die Medizin ist generell sicherer geworden. Wir können Narkosen und Operationen ohne grössere Risiken durchführen, es läuft immer weniger schief. In der Schönheitschirurgie gibt es auch immer mehr minimal-invasive Verfahren, etwa Botox-Behandlungen oder Eigenfettunterspritzung. Einige davon kann man in der Praxis durchführen, ohne Narkose und Operation. Hinzu kommt, dass Schönheitsoperationen von den Menschen zunehmend akzeptiert werden. Sie sind nicht mehr so verpönt wie vor zehn, fünfzehn Jahren. Damals war eine Botox-Behandlung für viele noch unvorstellbar, heute ist es schon fast normal. Leute, die solche Behandlungen machen, haben häufig auch kein Problem mehr darüber zu sprechen. Es ist ihnen nicht mehr peinlich.

Haben sich unsere Körperideale verändert?

Ja, der Standard hat sich geändert. Heutige 45-Jährige sehen jünger und besser aus als früher, weil die meisten Leute eben doch etwas machen lassen. Die Schwelle für minimal-invasive Eingriffe wie Botox-Spritzen, aber auch für Operationen, ist gesunken.

Sie arbeiten und forschen als plastische Chirurgin am Universitätsspital Zürich. Spüren Sie diese Entwicklung auch an Ihrer Klinik?

Ja, eindeutig. Das Interesse an ästhetischen Eingriffen steigt. Als Universitätsklinik machen wir das ganze Spektrum: Botox-Filler, Brustverkleinerungen und -vergrösserungen, Facelifting, Lider straffen, Fett absaugen und so weiter. Es kommen aber auch immer mehr Patienten zu uns, die eine Schönheitsoperation im Ausland haben machen lassen und nun mit Komplikationen kämpfen, weil etwa eine Naht aufgeht oder sich Infektionen bildeten.

Was können gesundheitlich negative Folgen einer Schönheitsoperation sein?

Bei einer Operation kann schlimmstenfalls alles passieren – vom Narkosezwischenfall über eine Lungenembolie bis zu Infekten und Wundheilungsstörungen. Jeder Eingriff ist so gesehen mit einem Risiko verbunden. Deshalb ist es wichtig, dass man sich eine ästhetische Operation gut überlegt. Denn aus Gesundheitsgründen ist sie ja nicht notwendig. Was man auch wissen sollte: Jemand der jung ist und sich ein Brustimplantat einsetzen lässt, muss damit rechnen, dass mit den Jahren noch einmal oder sogar mehrmals nachoperiert werden muss. Man kauft sich mit einem Implantat also Folgeoperationen ein.

Heute wollen nicht nur ältere, sondern zunehmend auch junge Frauen und Männer ihren Körper schönen lassen. Ist das sinnvoll?

Man muss sich jeweils den Einzelfall ansehen. Es gibt Mädchen, die erklären einem ganz vernünftig, sie störten sich an ihrer grossen Nase und fühlten sich deswegen unwohl. In einem solchen Fall die Nase zu verkleinern, finde ich weniger problematisch. Das ist schliesslich mein Job. Ich verstehe auch junge Frauen, die keine Brust haben und das mit 20 ändern wollen. Man muss immer das Mittelmass finden zwischen vertretbaren Eingriffen, die einer Patientin helfen, und solchen die das nicht tun. Vor allem bei 18- bis 20-jährigen Frauen ist aktuell ein Trend zu grossen, wohl geformten Brüsten zu beobachten. Sie sind sehr auf ein ästhetisches Körperbild aus. Manche fragen dann nach grossen 700-Gramm-Prothesen, weil ihre Freundin in Amerika das auch hat.

Können Sie das nachvollziehen?

Ich kann es in dieser extremen Form nicht nachvollziehen. Das sind dann auch die Fälle, wo wir eine Operation ablehnen. Wir müssen unsere Patienten ja nicht operieren, sie sind nicht krank. Die meisten Wünsche, mit denen wir konfrontiert werden, sind aber durchaus verständlich.

Gerade auf junge Menschen erzeugt der Trend gut auszusehen einen grossen Druck. Sehen Sie das auch so?

Diesen Schönheitsidealen nachzukommen kann für Jüngere tatsächlich sehr belastend sein –  vor allem dann, wenn man sich nicht dagegen wehren kann und sein Selbstwertgefühl allein von Äusserlichkeiten abhängig macht. Das hat sehr viel damit zu tun, wie jemand aufgewachsen ist und welche Werte er oder sie vermittelt bekommen hat.

Können Sie Menschen mit einer Schönheitsoperation glücklich machen?

Ja, davon bin ich überzeugt. Wenn wir Patientinnen und Patienten helfen können, indem wir etwas Störendes entfernen oder etwas Fehlendes ergänzen, dann sind sie nach der Operation mit ihrem Körper zufriedener und glücklicher.

Zur Person

Professorin Nicole Lindenblatt ist Leitende Ärztin in der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie des USZ. Ihre klinischen Schwerpunkte sind  ästhestisch-plastische Chirurgie, rekonstruktive Chirurgie des Gesichtes und der Brust und Lymphchirurgie. Sie leitet ein eigenes Forschungslabor mit den Schwerpunkten Skin Tissue Engineering, Angiogenese und Nanofat-Technologie/Fettstammzelltherapie.

«Spieglein Spieglein – Gesundheitsfaktor Körperbild»: Zürcher Forum Prävention und Gesundheitsförderung

Das Zürcher Forum Prävention und Gesundheitsförderung thematisiert am Mittwoch, 28. Juni im Rahmen der Veranstaltung «Spieglein Spieglein – Gesundheitsfaktor Körperbild» stereotype Vorstellungen von Schönheit. Die Veranstaltung zeigt auf, wie ein positives Körperbild gefördert und damit auch die allgemeine Zufriedenheit und psychische Gesundheit verbessert werden kann.

Roger Nickl ist Redaktor des UZH Magazins.

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