Islam-Forschung

«Die Gewaltbereitschaft in der Türkei hat zugenommen»

Zunehmender Nationalismus in der Türkei und Aversion gegenüber dem Islam in Deutschland: Meltem Kulaçatan ist in beiden Ländern beheimatet und beobachtet kritisch das Geschehen. Im kommenden Herbstsemester tritt sie die Gastprofessur für Islamische Theologie und Bildung an der UZH an.

Marita Fuchs

Taksim-Platz
Trügerische Ruhe: Taksim-Platz in der der türkischen Metropole Istanbul. (Bild: Bertil Videt)

Als Deutsch-Türkin muslimisch-jüdischer Herkunft verfolgen Sie sicher die Vorgänge in der Türkei nach dem missglückten Putsch einiger Militärs. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Lage in der Türkei ein?

Zum einen bin ich persönlich sehr traurig, weil die Türkei für mich eine zweite Heimat ist, und ich sehr enge intensive Beziehungen zu diesem Land habe. Zum anderen musste ich in den letzten Jahren, so etwa ab 2008, feststellen, dass Gewalt und eine veränderte Rhetorik – ausgehend von der Politik – zu einer Zunahme der Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung geführt hat. Das bedeutet, dass die Wechselwirkungen zwischen struktureller, kultureller und personeller Gewalt insgesamt zugenommen haben und zu Eskalationen führen.

Gegen wen richtet sich die strukturelle und kulturelle Gewalt?

Minderheiten – wie zum Beispiel Christen, Juden, Kurden, aber auch Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien – sehen sich in der Türkei zunehmend Angriffen ausgesetzt. Das trotz anderslautender Aussagen der offiziellen Politik. Davon betroffen sind auch alle Menschen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen, wie beispielsweise aus der LGBT-Community. Ich stelle fest, dass sich eine neue Form des türkisch-islamischen Nationalismus breit macht, der sich vor allem durch einen neu entwickelten Konformitätszwang auszeichnet.

Im letzten Jahr reiste ich zwei Mal in die Türkei, an Ostern und im Hochsommer. Mit Bestürzung erlebte ich, wie schnell sich die Lage der Bevölkerung innerhalb dieser vier Monate verschlechterte. Selbst Kleinigkeiten boten Anlass für physische Gewalt.

Wie zeigte sich die Gewaltbereitschaft?

Rassistische Ressentiments konnte ich vor allem im Umgang mit syrischen Flüchtlingen beobachten. Die Ablehnung gegen „Araber“, die Furcht vor sogenannter Überfremdung, die Xenophobie lässt die Menschen vergessen, aus welcher Not die Flüchtlinge in die Türkei kommen. Da der Krieg in Syrien andauern wird und die Situation im Nahen Osten instabil ist, ist die Aussicht auf weniger Flüchtlinge gering. Das macht viele Menschen in der Türkei – ähnlich wie in Europa – unruhig. Die Ressentiments und die dazugehörigen Argumente ähneln denjenigen, die in Deutschland auch vorkommen.

Meltem Kulaçatan
Befasst sich mit Fragen von Islam und muslimischen Gegenwartskulturen: Meltem Kulaçatan. (Bild: zVg.)

Kann man die Situation in Deutschland und der Türkei, was den Umgang mit der Flüchtlingssituation angeht, gleichsetzen?

Gleichsetzen nicht, aber es gibt Parallelen. Einen Unterschied sehe ich darin, dass die Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen in Deutschland viel ausgeprägter ist als in der Türkei. Auf der anderen Seite äussern viele Imame in der Türkei ihre Trauer darüber, dass sie anonyme Bestattungen von Menschen durchführen müssen, die beispielsweise vom Meer tot angespült wurden. Für sie ist es ein grosses Problem, dass diese Toten keinen Namen und zumindest vor Ort, keine Familie haben. Diese unwürdige Situation und die Tragik der Flüchtlinge werden neben türkischen Menschenrechtsorganisationen und NGOs auch von den Imamen öffentlich gemacht.

Welche Rolle spielt der türkische Staatspräsident Erdoğan? Schürt er das Feuer?

Das kann ich nicht bestätigen. Erdoğan hat viele Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen, das zeichnet ihn aus. Inoffizielle Zahlen gehen davon aus, dass es bis jetzt 5 Millionen sind. Hinter Erdoğans Entscheidung stand das Prinzip der muslimischen Solidarität und die Notwendigkeit, muslimischen Brüdern und Schwestern in Not zu helfen. Erdoğan hat sich insofern getäuscht, als er mit einem schnellen Sturz des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad gerechnet hatte und damit auch auf eine Entschärfung der Flüchtlingssituation.

Wie schwierig ist die Situation der Flüchtlinge in der Türkei?

Die Ressentiments Syrerinnen und Syrern gegenüber wuchsen vor rund einem Jahr massiv an, als darüber diskutiert wurde, ob den Flüchtlingen die türkische Staatsbürgerschaft zugeteilt werden sollte oder nicht. Das hat die Bevölkerung aufgebracht. Viele meinten, die Syrerinnen und Syrer verdienten dieses staatsbürgerliche Privileg nicht. Gleichzeitig wurden die Regierung und der Staatspräsident scharf dafür kritisiert: Man vermutet bis heute einen «billigen» Feldzug für Wählerstimmen mit Blick auf die Einführung des Präsidialsystems. 

Auch wohlhabende Flüchtlinge, die sich in der Türkei etablieren und zum Beispiel Geschäfte eröffnen, sind nicht unbedingt willkommen. Manche türkische Händler haben Angst, dass sie weggedrängt werden oder dass die syrischen Kaufleute die Preise unterbieten. Die Hauptproblematik besteht nach wie vor darin, dass es kein langfristiges Integrationskonzept für die Menschen  und insbesondere für die Kinder aus Syrien gibt. Einige wollen natürlich weiter nach Europa, andere werden oder müssen in der Türkei bleiben.

Könnte man hier wieder eine Parallele zu den westeuropäischen Ländern, wie etwa Deutschland oder der Schweiz, ziehen?

In der Türkei steht der Nationalismus bei den beschriebenen Ressentiments im Vordergrund, während in Europa beziehungsweise in Deutschland die Aversion gegenüber dem Islam stark zugenommen hat und mittlerweile durch einen völkischen Nationalismus gefüttert wird, der in vielen Kreisen salonfähig geworden ist. Wir erleben sowohl in der Türkei als auch in vielen europäischen Ländern eine Ausbreitung des politischen Chauvinismus. Daraus ergeben sich Konflikte. Um dem zu begegnen, müssen wir neue Strategien entwickeln.

Junge Menschen fühlen sich vom Dschihad angezogen. Was antworten Sie auf die Aussage, dass der Islam die Radikalisierung fördert?

Wir haben in Frankfurt 2015 eine Studie durchgeführt, die der Frage nachging, warum junge Frauen sich dem islamischen Staat, dem so genannten IS, anschliessen, beziehungsweise als Akteurinnen in diesen Netzwerken tätig sind. Wir haben herausgefunden, dass diese Frauen zunächst einmal auf der Suche waren; sei es durch die Adoleszenz bedingt oder spirituell-religiös inspiriert. Fanden sie keine Antworten und keine adäquaten Ansprechpartner oder Ansprechpartnerinnen wurden radikale Netzwerke für sie attraktiv.

Einige der betroffenen jungen Frauen und Mädchen waren zudem von Mehrfachdiskriminierungen betroffen. Etwa durch ihre Herkunft, ihr Aussehen oder ihren Kleidungsstil. Sie wurden in Bildungsinstitutionen und anderswo diskriminiert, stiessen auf Ablehnung.

Dann hat es also eher soziale als religiöse Gründe, wenn jemand in die Radikalisierung abrutscht?

Ja und Nein. Das macht das Verstehen so schwierig. Von seitens der Akteure wurden religiöse Narrative genutzt, um die Diskriminierungserfahrungen der Betroffenen überhaupt zu benennen und die jungen Menschen für die eigenen politischen Ziele zu gewinnen. Zum Beispiel ziehen sie Parallelen zwischen ihrem Leben und Szenen aus dem Koran, so etwa die Auswanderung des Propheten Mohammeds mit seiner Gemeinde aus Mekka nach Medina. Die Migration des Propheten Mohammeds wird umgedeutet und auf die heutige Situation bezogen, indem gesagt wird: Wir sind ebenso wie der Prophet Fremde in Europa, wir können hier nicht so leben, wie wir wollen und müssen gegen Ungläubige kämpfen.

Insofern kann man nicht sagen, dass die Radikalisierung gar nichts mit Religion zu tun hätte, allerdings wird hier die Religion und das Vertrauen der jungen Menschen missbraucht und für ein bestimmtes Ziel eingesetzt: den politischen sowie kriegerischen Dschihad, der in der Geschichte des Islams eine andere Bedeutung besitzt als sie von radikalen Netzwerken und Akteuren und Akteurinnen vermittelt wird. Ein wichtiges Ergebnis unserer Studie zeigt aber auch, dass die Betroffenen wenig oder kein Wissen vom Islam besassen und dadurch empfänglich für die entsprechenden Heilsversprechen waren.

Sie kommen im Herbstsemester als Gastprofessorin an die UZH. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Ich freue mich sehr auf meine Zeit an der UZH und meine Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichen Fachbereichen. In den wissenschaftlichen Diskurs werde ich meine Forschungsschwerpunkte um Fragen von Islam und muslimischen Gegenwartskulturen mit den Schwerpunkten Islam, Gender und Bildung, religiöse Positionierungen junger Frauen und Mädchen, Islam und Medien sowie Islam in der Türkei einbringen. Meine weiteren Ziele sind die Schaffung neuer Zugänge zum Diskurs um Islam und Zivilgesellschaft in internationaler Hinsicht und im deutschsprachigen Raum mit besonderem Bezug zur Schweizer Gesellschaft sowie Öffnung des islamischen Theologiebegriffs als Perspektive auf die Gesamtgesellschaft.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

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