Professorinnen-Apéro

«Wo es Barrieren gibt, gibt es immer auch Alternativen»

Am sechsten Professorinnen-Apéro der UZH stellte sich die erste Hedi-Fritz-Niggli-Gastprofessorin vor. Kathleen B. Digre, Neuroophthalmologin und Gleichstellungsspezialistin, machte jungen Wissenschaftlerinnen Mut, sich trotz Widrigkeiten nicht vom eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen. 

Paula Lanfranconi

Gastprofessorin Kathleen B. Digre: «Ich habe viel Energie. Und ich werde sie an der UZH einsetzen». (Bild: Marc Latzel)

Der UZH-Professorinnen-Apéro wird immer beliebter: Rekordmässige 91 Teilnehmerinnen konnte Rechtsprofessorin und Präsidentin der Gleichstellungskommission Brigitte Tag im Restaurant Uni-Turm begrüssen. Vielleicht lag es auch am ersten Auftritt des neuen Rektors am Professorinnen-Apéro. Er wolle, sagte Michael Hengartner, «eher evolutiv vorgehen» und noch mehr in Menschen und Räume, auch Frei-Räume zum Denken, investieren. Und in Diversität. «18 Prozent Professorinnen sind zu wenig», sagte Hengartner. Um jungen Wissenschaftlerinnen Rollenmodelle zu präsentieren, hat die Universitätsleitung die Hedi Fritz-Niggli-Gastprofessur geschaffen: Die Strahlenbiologin Hedi Fritz-Niggli war 1970 die erste und bis 1990 einzige Ordinaria an der Medizinischen Fakultät.

Exzellenz bringt denn auch die erste Gastprofessorin, Kathleen B. Digre, mit. Die Neuroophthalmologin ist Professorin an der University of Utah, Direktorin des Utah Center of Excellence in Women's Health und Trägerin verschiedener Gleichstellungspreise. Ursprünglich war sie Englischlehrerin. «Ich musste zuerst meine Passion finden», sagt sie im Gespräch. Ihr erstes Rollenvorbild sei ein Onkel gewesen, ein Arzt, der zuvor Englischlehrer gewesen war. Bis sie zu ihrer Leidenschaft, der Neuroophthalmologie fand, habe sie diverse Umwege machen müssen. «Aber wo es Barrieren gibt, gibt es immer auch Alternativen. Bleiben Sie dran, Sie schaffen es!», lautet ihre Botschaft an junge Wissenschaftlerinnen.

Wer fürs Thema Gleichstellung offen ist

Die 63-Jährige mit norwegischen Wurzeln wirkt energievoll und zugewandt. Schon früh befasste sie sich mit dem Thema Frauengesundheit und engagierte sich für Frauen in der medizinischen Wissenschaft. Fast zehn Jahre präsidierte sie an ihrer Universität ein Lohngleichheitskomitee, initiierte «Climate studies», um herauszufinden, was Forscherinnen in ihrer Karriere behindert. Daraus entstanden Workshops, etwa zum Thema: Wie werbe ich Drittmittel ein? Und sie gewinnt auch Männer für die Gleichstellungsthematik. Besonders zugänglich seien Väter von Töchtern, verrät sie.      

Welche intrinsischen Faktoren halfen ihr selbst? «Ein unterstützender Ehemann!», antwortet sie umgehend. Ihr Mann ist heute ebenfalls Medizinprofessor. Kinder waren nicht geplant. «Unsere beiden Töchter», sagt Kathleen B. Digre, «sind das Beste, was mir passieren konnte.» Da es kaum Betreuungseinrichtungen gab und das Paar oft Notfalldienst hatte, engagierten sie eine Nanny. Und sie habe ein paar Regeln aufgestellt: Nur einmal im Monat reisen und nur einmal pro Woche bis spät abends arbeiten. Heute ist eine ihre Töchter Biologin, die andere managt eine HiFi-Firma. «Ich bin sehr stolz auf beide!»   

Mehr Medizinprofessorinnen

Ihr reiches Wissen wird sie nun ein halbes Jahr lang in das Projekt «Filling the Gap» einbringen, ein Projekt der Medizinischen Fakultät im Rahmen des Aktionsplans Chancengleichheit der UZH. Bei 57 Prozent weiblichen Studierenden sind dort erst zehn Prozent der Professuren von Frauen belegt – unter anderem, weil zu Lehre und Forschung noch die zeitliche Belastung durch die Klinik hinzukommt, wie die Gastprofessorin aus eigener Erfahrung bestens weiss. «Ich habe viel Energie. Und ich werde sie einsetzen», versprach sie am Professorinnen-Apéro.

Professorin Doris Wastl-Walter, Vizerektorin der Universität Bern, berichtete sodann als Präsidentin der Programmleitung «Chancengleichheit von Frau und Mann an Universitäten/Gender Studies 2013–2016» über den Stand der Gleichstellung. Einiges, sagt Wastl-Walter, sei erreicht. Doch bis zum Ziel des  Aktionsplans – 25 Prozent Professorinnen und 40 Prozent von Frauen besetzte Assistenzprofessuren an allen Universitäten – bleibe noch ein langer Weg.

Ellbogenmentalität als Ausstiegsgrund

Künftig, erläuterte Wastl-Walter, gehe es um einen Systemwechsel, weg von der Top-down-Methode zu Bottum up: Die Universitätsleitungen legen Ziele und Budgets gemeinsam mit den Fakultäten fest. «Dann kommt der Moment der Wahrheit.» Es gehe zudem darum, die akademischen Strukturen zu reflektieren und sich vermehrt zu fragen, warum viele Nachwuchstalente aussteigen. «Frauen wie Männer», so Wastl-Walter, «nennen, neben der Vereinbarkeit, als einen der Hauptgründe die Ellbogenmentalität an den Universitäten.»

Deshalb brauche es neue professorale Rollenbilder: Teilzeitprofessuren, Top-Sharing, mehr Ermutigung, um Krisensituationen zu überwinden. «Und», fragte die Referentin, «ist Exzellenz ausschliesslich an Publikationen zu messen?» Ihre Voten lösten eine lebhafte Diskussion aus. Das Umdenken müsste eigentlich von oben kommen, monierte eine junge Professorin: «Doch wir müssen unserem Nachwuchs zu starken Ellbogen verhelfen, Kuscheligkeit bringt nichts.» Und eine Kollegin kritisierte, an den Schweizer Universitäten herrschten veraltete Strukturen – Egotrips statt Teamspirit: «In Teams liessen sich Publikationen viel effizienter erarbeiten."

Elisabeth Maurer, Leiterin der Abteilung Gleichstellung, liess den Abend optimistisch ausklingen: In allen Fakultäten liefen vielversprechende Projekte, und es gebe zahlreiche Synergien zwischen den Fakultäten. «So macht Gleichstellungsarbeit Freude und bringt die Universität voran», schloss sie.

Paula Lanfranconi ist freie Journalistin in Zürich.

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