Pädagogische Forschung

Gefangen in der eigenen Schüchternheit

Schüchterne Kinder werden im Schulunterricht unterschätzt, weil sie sich mündlich kaum beteiligen. Höchste Zeit, den Fokus in der pädagogischen Forschung nicht nur auf die Lauten und Aggressiven zu legen.

Brigitte Blöchlinger

Schüchternheit kann in der Schule zu einem Teufelskreis führen, der die Kinder immer weiter isoliert. (Bild: S. Hofschlaeger, Pixelio.de)

Schüchterne Kinder haben ein Problem in der Schule: Sie werden von den Mitschülern und den Lehrpersonen zu wenig beachtet, ihnen wird nicht allzu viel zugetraut, und wegen ihrer mündlichen Abstinenz im Unterricht bringen Schüchterne oft auch schlechtere Noten nach Hause – obwohl sie meist intelligent sind. «Du könntest es schon, aber du machst im Unterricht einfach nicht mit», wird ihnen von den Lehrpersonen vorgeworfen.

Mit solch ablehnenden Reaktionen und negativen Zuschreibungen werden die Schüchternen auf ihre Rolle als Aussenseiter festgenagelt. Die Mitschülerinnen und Mitschüler übernehmen die negative Beurteilung der Lehrperson und finden ihre schüchternen Kollegen in der Folge auch nicht mehr «lässig», die Schüchternen ziehen sich noch mehr in sich selbst zurück – ein verhängnisvoller zirkulärer Prozess entsteht, der die Schüchternen weiter isoliert.

Schüchternheit als Forschungsgegenstand

Wenigstens in der Forschung haben schüchterne Schülerinnen und Schüler seit längerem jedoch einen Fürsprecher, der sich ihrer Problematik annimmt und sie wissenschaftlich untersucht. Es ist Titularprofessor Georg Stöckli vom Pädagogischen Institut der Universität Zürich.

Stöckli beschäftigt sich seit rund zehn Jahren mit dem Phänomen Schüchternheit. Er vergleicht den Schulunterricht mit einer Theaterinszenierung, bei der das Klassenzimmer die Bühne ist und die Lehrpersonen und Mitschüler Spielende und Publikum zugleich sind. Stöckli ist überzeugt, dass Schüchterne sich im «schulischen Theater» nicht selbst inszenieren können, selbst wenn sie es möchten. «Schüchterne sind Gefangene ihrer selbst. Sie ertragen nur eine Nebenrolle, auch wenn sie insgeheim von einer Hauptrolle träumen», erklärt Stöckli.

Lehrerinnen und Lehrer sollten ihre Beziehung zu schüchternen Kindern reflektieren und stärken, meint Georg Stöckli. (Bild: Brigitte Blöchlinger)

Einsam unter Gleichaltrigen

Nehmen wir als Beispiel die Turnstunden. Diese sind für die meisten Schüchternen eine harte Bewährungsprobe. Denn in der Turnstunde sind sie ab und zu der Situation ausgesetzt, dass die Anderen wählen können, wen sie in ihrer Gruppe haben möchten. Schüchterne Kinder bleiben meist übrig, und die Turnlehrerin oder der Turnlehrer muss sie als letzte einer Gruppe zuteilen – eine zutiefst kränkende Situation, in der die schüchternen Kinder in ihrem Glauben bestärkt werden, unbeliebt und unwichtig zu sein. So kommt es, dass sie, obwohl mit vielen Gleichaltrigen zusammen, sich dennoch einsam fühlen. «Für Kinder ein tragisches Schicksal», sagt Stöckli.

Fehlendes Selbstwertgefühl

Das eigentliche Problem von Schüchternheit ist denn auch das fehlende Selbstwertgefühl und eine schwach ausgebildete Erfolgszuversicht. Schüchterne Schülerinnen und Schüler trauen es sich nicht zu, dass sie etwas Positives bewirken könnten. Sie sehen sich selbst als weniger bedeutsam und weniger liebenswert als die anderen an.

Anders als die Aggressiven ecken sie mit ihrer Art nicht an. Sie werden einfach übergangen. Auch die Lehrperson kennt in der Regel die Vorwitzigen und die sozial Kompetenten viel besser als die Schüchternen, hat Stöckli in einer Untersuchung herausgefunden.

Aufgabe der Lehrperson

Genau in dieser Beziehung der Lehrperson zum schüchternen Kind würde jedoch die Lösung liegen, wie den Schüchternen aus ihrer Isolation geholfen werden kann, ist Stöckli überzeugt. «Die Lehrperson ist der professionelle Part dieser Beziehung, deshalb sollte sie ihre Beziehung zum schüchternen Kind reflektieren und stärken.» Lernt sie das schüchterne Kind besser kennen und schätzen, weiss sie auch eher, wie es gefördert werden kann, ohne überfordert zu sein. Sie verschafft ihm eine «Bühne», auf der es seine Schüchternheit zumindest teilweise ablegen und schrittweise Erfolgserlebnisse verbuchen kann.

Ein positiveres Verhältnis der Lehrperson zum schüchternen Kind wiederum färbt sich auch auf die Mitschülerinnen und Mitschüler ab, haben mehrere Studien gezeigt. «Die Lehrperson ist eine zentrale Figur im Klassengeschehen.»

Genetisch veranlagt

Doch wie kommt es zu ausgeprägter Schüchternheit? «Ein grosser Anteil ist genetisch bedingt», ist Stöckli überzeugt. «Es gibt in Familien ganze Traditionen von Schüchternheit.» Im Laufe des Erwachsenwerdens kann sich Schüchternheit bis zu einem gewissen Teil «auswachsen». Meist werden schüchterne Kinder aber trotzdem nicht zu draufgängerischen Erwachsenen.

Vielmehr lernen sie mit fortschreitender Entwicklung, Nischen zu finden, wo die eigene Schüchternheit nicht störend. Sie werden zum Beispiel Kleinkindererzieherin oder Informatiker; in beiden Berufen können sie auch als schüchterne Person reüssieren. Doch bei anderen Entwicklungsschritten wie beispielsweise der Partnerwahl haben Schüchterne auch als Erwachsene oft Probleme.

Kulturelle Unterschiede

Schüchternheit wird von Land zu Land unterschiedlich bewertet – auch dazu hat Stöckli geforscht. In Shanghai zum Beispiel werden die Mädchen von ihren Eltern und Lehrpersonen positiv beurteilt, wenn sie schüchtern sind. Schüchternheit passt in die chinesischen Rollenbilder, wo die Mädchen traditionellerweise eine dienende Aufgabe zu erfüllen haben. Mit der Einsetzung der Ein-Kind-Doktrin und dem zunehmenden Kapitalismus haben sich die Rollenbilder aufgeweicht, und auch von chinesischen Mädchen wird mittlerweile vermehrt Durchsetzungswille und Selbstbewusstsein erwartet.

Die Bewertung von Schüchternheit ist in China nach wie vor nicht so negativ wie im Westen. Bei uns ist schon bei kleinen Kindern eine «gesunde Portion Egoismus» angesagt. Die Bewertung von Schüchternheit variiert also je nach kulturellem Hintergrund. Je weniger Schüchternheit abgelehnt wird, desto einfacher haben es die davon betroffenen Kinder, ihre Art nicht als Mangel zu erleben.

Trainingsprogramm für Schüchterne geplant

An diesem Punkt setzt Stöcklis zukünftige Forschungstätigkeit an. Er möchte ein Trainingsprogramm entwickeln, mit dem schüchterne Schülerinnen und Schüler hierzulande lernen können, sich in der Gruppe zu präsentieren und die eigenen Stärken zu zeigen. «Das ist nicht einfach, aber der zentrale Punkt, wie schüchternen Schulkindern geholfen werden kann», ist Stöckli überzeugt.

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von UZH News

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