Interview mit Hans Weder und Andreas Fischer

«Der Elfenbeinturm ist ein Mythos»

Am kommenden Freitag wird das 175-Jahr-Jubiläum der Universität Zürich offiziell eröffnet. Rektor Hans Weder und sein Nachfolger Andreas Fischer über Aufgaben, Chancen und Ziele der Universität.

Thomas Gull, Roger Nickl

Rektor Hans Weder (l.) und sein designierter Nachfolger, Andreas Fischer. (Bild: Ursula Meisser)

Die Universität Zürich feiert in diesem Jahr ihr 175-jähriges Bestehen. Das Jubiläum steht unter dem Motto «Wissen teilen». Herr Weder, Herr Fischer, wie kann eine Universität Wissen teilen?

Hans Weder: Wissen teilen ist ein reziproker Vorgang. Die Studierenden beispielsweise kaufen nicht einfach Wissen an der Universität, sondern sie bringen auch ihr Wissen, ihre Fragen, ihre Erfahrungen in den Prozess der Erkenntnisfindung ein. Sie nehmen also nicht nur, sondern geben auch. Diesen reziproken Aspekt wollen wir im Blick auf die Stadt und den Kanton Zürich zeigen: Wir denken über Wissen nach, das von ausserhalb kommt, und umgekehrt stellen wir unser Wissen zur Debatte. Es ist nicht nur Sache einer Universität, Wissen zu produzieren. Wichtig ist, dass sie Wissen reflektiert und auslotet. Wie kommt Wissen zustande? Was birgt es für Versprechen, für Abgründe in sich? Ich glaube zwar nicht, dass Wissen das einzige Gut ist, das sich vermehrt, wenn man es teilt, wie dies die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach einst formuliert hat. Aber Wissen gehört sicherlich zu den wenigen Gütern, bei denen dies der Fall ist.

Andreas Fischer: Für mich hat das Motto zwei Aspekte. Zum einen tauschen die Forschenden an der Universität ihr Wissen untereinander aus und teilen es mit den Studierenden. Für das Jubiläum kommt eine weitere Bedeutung hinzu: Im Rahmen der Feierlichkeiten zeigt die Universität der Öffentlichkeit, wie sie mit Wissen umgeht und wie Sachverhalte entdeckt, Befunde hinterfragt und Kenntnisse erweitert werden. Die Universität teilt während des Jubiläums ihre Arbeits- und Denkweise mit der Öffentlichkeit.

Sehen Sie das Jubiläum auch als eine Chance für die Universität, aus dem Elfenbeinturm herauszutreten?

Weder: Die Vorstellung von der Universität als Elfenbeinturm ist ein Mythos. Solche Vorurteile halten sich aber hartnäckig. Man sieht das bei der Medizin: Die Öffentlichkeit ist immer noch daran, die Götter in Weiss zu stürzen, die gar nicht mehr existieren. Wir müssen aber auch dazu stehen, dass die Universität ein Stück weit ein Elfenbeinturm ist und sein muss. Sie sollte immer wieder auf Distanz zum alltäglichen Handgemenge gehen. Die Wissenschaft muss einen Schritt zurücktreten und die Dinge mit einem gewissen Abstand betrachten, um dann wieder zu Fragen der Lebenspraxis zurückzukehren. Anlässlich des Jubiläums wollen wir mit Veranstaltungen auf der Sechseläutenwiese oder im Hauptbahnhof auf die Gesellschaft zugehen.

Welche gesellschaftliche Rolle spielt die Universität heute?

Weder: Die Universität Zürich versorgt die Region, aber auch das Ausland mit hoch qualifizierten Arbeitskräften. Zudem leistet die Universität Zürich wichtige Beiträge zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen.

Hans Weder: «Die Universität Zürich ist auf der Karte der internationalen Hochschullandschaft eingezeichnet und gehört zu den besten Adressen Europas.» (Bild: Ursula Meisser)

Fischer: Die Universität Zürich bildet in einem doppelten Sinn die Spitze des kantonalen Bildungssystems: Einerseits ist sie altersmässig die höchste Stufe, andererseits ist sie eine Schule für die – positiv verstandene – Elite. Hier werden die wirklich hellen Köpfe aus- und weitergebildet. Die Universität ist einem doppelten Auftrag verpflichtet: Sie macht zum einen Grundlagenforschung, zum anderen ist sie auch eine Berufsschule beziehungsweise eine berufsvorbereitende Schule. Das gilt insbesondere für die Studierenden, die auf das höhere Lehramt hinarbeiten, aber auch für die Ärzte und Anwälte. Damit erfüllt die Universität eine ganz wichtige öffentliche Aufgabe.

Tritt die Universität seit sie autonom ist anders auf als früher?

Weder: Wir müssen uns heute mehr rechtfertigen und zeigen, dass wir etwas Sinnvolles machen. Das ist auch eine Chance. Zudem sind die Handlungsspielräume ungleich grösser als früher, zum Beispiel bei der Definition strategischer Partnerschaften und der Pflege interuniversitärer Allianzen. Eine Zusammenarbeitsvereinbarung, wie sie heute mit der ETH besteht, wäre früher nicht möglich gewesen. Wir haben heute bessere Möglichkeiten, uns national und international zu positionieren. Mittlerweile wird die Universität Zürich auch im Ausland als Bildungsunternehmen wahrgenommen.

Fischer: Dazu gehört auch – um ein weiteres Modewort zu gebrauchen –, dass die Universität eine Marke ist und diese pflegt. Das heisst, sie tritt selbstständig auf, sie will erkannt werden, und sie will, dass die Umwelt sich etwas Positives unter dem Namen Universität Zürich vorstellt. So, wie das die Spitzenuniversitäten im angelsächsischen Raum bereits geschafft haben.

Wo steht die Universität Zürich heute im nationalen und internationalen Vergleich?

Weder: Die Universität Zürich gehört sicher zu den besten Adressen Europas. Eines meiner Ziele als Rektor bestand darin, die Universität Zürich international bekannt zu machen. Heute kann man eindeutig sagen: Die Universität Zürich ist auf der Karte der internationalen Hochschullandschaft eingetragen. Sie gilt als qualitativ hoch stehende, seriös arbeitende Universität mit hervorragenden Arbeitsbedingungen: eine Universität, auf die man sich verlassen kann.

Fischer: Zwei Typen von Universitäten haben meiner Meinung nach die besten Zukunftschancen: die kleinen, spezialisierten – beispielsweise St. Gallen für Recht und Wirtschaft – und die wirklich grossen, breit diversifizierten Universitäten. Letztere profitieren von den zahlreichen Möglichkeiten der internen Zusammenarbeit. Unter den Schweizer Universitäten hat Zürich zudem auch die Grösse, um international als attraktiver Kooperationspartner aufzutreten und etwas zu bewirken. Wir möchten in allen Bereichen, die wir abdecken, gut und in einer beträchtlichen Anzahl von Bereichen Weltspitze sein.

Und in welchen Bereichen ist die Universität Zürich heute schon Weltspitze?

Weder: In grossen Bereichen wie den Life Sciences, der Medizin oder neu auch der Ökonomie. In der Philosophischen Fakultät gibt es einige Fächer, die als «Leuchttürme» bezeichnet werden.

Welches sind die Herausforderungen, die «Baustellen»?

Weder: Die Betreuungsintensität muss verbessert werden. Dabei geht es nicht nur um das numerische Verhältnis zwischen Professoren und Studierenden. Die Bologna-Reform wird uns helfen, etwas von der Zahlenmystik wegzukommen und Betreuungsprobleme besser zu erfassen. Die Nachwuchsförderung beginnt bereits im ersten Semester, deshalb muss von Beginn weg eine möglichst optimale Betreuung gewährleistet werden.

Andreas Fischer: «In einer Expertenorganisation wie der unsrigen, in der die Basis sehr viel weiss, besteht die Kunst des Führens darin, Impulse von unten aufzunehmen und mit den eigenen Strategien zu verbinden.» (Bild: Ursula Meisser)

Fischer: Ich sehe vier Bereiche, in denen eine kontinuierliche Weiterentwicklung stattfinden muss. Der erste ist die Fortsetzung von Bologna. Wir müssen die Doktorandenausbildung verbessern. Da ist schon einiges in die Wege geleitet, aber es gibt noch zu tun. Der zweite Bereich ist die Verstärkung der Nachwuchsförderung. Da ist uns Deutschland mit den Graduiertenkollegien eine Nasenlänge voraus. Dann die Internationalisierung: Die Universität will und muss sich öffnen. Das kann Konsequenzen für die Aufnahme von Studierenden haben. Und je nachdem hat es auch Konsequenzen für die Unterrichtssprache. Keine einfache Sache, weil wir einen Bildungsauftrag haben und alle Maturanden aufnehmen müssen. Wir können nicht einfach nur noch die Besten ausbilden. Der letzte Punkt: Die grossen Forschungsprojekte haben sich in den letzten Jahren etwas von den Instituten in Richtung der Kompetenzzentren, der universitären und nationalen Forschungsschwerpunkte verlagert. Die Frage ist, wie viele solche Zentren die Universität verträgt und ob diese Entwicklung zu Lasten der Institute geht.

Herr Weder, Herr Fischer, wohin soll die Reise der Universität Zürich in den nächsten Jahren gehen?

Weder: Die Zukunft vorauszusehen ist schwierig. Wenn ich einen Wunsch offen hätte, wäre es dieser: dass die Universität Zürich weiterhin in der Lage ist, relevante Probleme zu erkennen, und dass sie die Gelegenheiten nutzt, darauf zu reagieren. Dass sie nicht festgelegt ist auf bestimmte Forschungsinhalte, sondern in der Lage ist, neue Dinge zu entwickeln. Dazu muss man Sorge tragen. Deshalb käme es mir bei den strategischen Zielen auf die Aufmerksamkeit für das Bedeutungsvolle an. Für mich muss eine Universität aufmerksam sein für die Entwicklungen und Chancen, die sich ihr eröffnen.

Fischer: Der Wettbewerb hat zugenommen. Auf der Tertiärstufe haben die Universitäten Konkurrenz von den Fachhochschulen erhalten. In der Forschung ist die Privatwirtschaft in bestimmten Gebieten dominant geworden. Die Universität sollte anstreben, nicht alles zu beherrschen, aber im Kreis all dieser Institutionen ernst genommen zu werden. Sie sollte als Institution anerkannt sein, in der Forschung und Lehre auf höchstem Niveau betrieben werden. Das Streben nach Exzellenz sollte sich dabei mit der Verantwortung für die Gesellschaft verbinden.

Thomas Gull und Roger Nickl sind Redaktoren des unimagazins

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