Passionierte Pensionierte

Viele Professorinnen und Professoren lässt die Wissenschaft auch nach der Emeritierung nicht los. Was sie für die Universität leisten, ist nirgendwo verzeichnet. Zeit für eine Würdigung.

David Werner

Ewald Isenbügel, ehemaliger Leiter der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere, mit Elefantenkind Chandra im Zoo Zürich. (Bild: Frank Brüderli)

«The academics have a longer lifespan − because they have a passion.» Der Spruch, der an Amerikanischen Universitäten kursiert, hätte auch in Zürich seine Berechtigung. Zumindest der erste Teilsatz bezeichnet eine Tatsache, die seit kurzem sogar statistisch untermauert ist: Die Lebenserwartung der Professorinnen und Professoren, die an der Universität Zürich (UZH) seit deren Gründung im Jahr 1833 wirkten, liegt 4,4 Jahre über dem Durchschnitt der männlichen Bevölkerung im gleichen Zeitraum.

Mike Martin, Professor am Psychologischen Institut der UZH, fand dies kürzlich heraus. Ob es die Leidenschaft für die Wissenschaft ist, die hier lebensverlängernd wirkte? Zweifelsfrei belegen lässt sich dies natürlich nicht. Martin ist sich jedoch ziemlich sicher, dass weniger schnell altert, wer hoch gebildet ist und sich intellektuell engagiert.

Bereicherndes Engagement

Eine zweite, ebenfalls auf Daten von ehemaligen Angehörigen der Universität Zürich fussende Studie, die kürzlich am Lehrstuhl von Mike Martin durchgeführt wurde, war dem Thema kognitive Gesundheit und subjektives Wohlbefinden im Alter gewidmet.

Sämtliche 279 Emeritierte der UZH wurden angefragt, ob sie sich als Testpersonen zur Verfügung stellen würden; 106 erklärten sich dazu bereit. Ganz unabhängig von den Ergebnissen der Studie (siehe Kasten unten), ist allein schon der hohe Anteil an positiven Rückmeldungen bemerkenswert.

«Die meisten Professorinnen und Professoren haben sich der Untersuchung gegenüber ausserordentlich aufgeschlossen gezeigt, viele regten sogar weiterführende Forschungen an», sagt Martin.

Aus Nachgesprächen gewann er den Eindruck, dass sich zahlreiche Emeritierte der Universität noch immer verbunden fühlen, die Entwicklungen an Fakultäten und Instituten interessiert mitverfolgen und sich selbst auch in der einen oder anderen Form aktiv einbringen. Das wundert einen auch nicht. Denn warum sollte das Feu Sacré für Forschung und Wissenschaft immer just im Moment der Auflösung des Anstellungsverhältnisses erlöschen?

Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden

Das Pensionsalter liegt an der UZH bei 65 Jahren. In begründeten Ausnahmefällen werden Dozierende nach der Emeritierung auf der Grundlage eines privatrechtlichen Vertrags weiter angestellt; für solche Fälle muss die jeweilige Fakultät einen Antrag an die Universitätsleitung stellen. Selten wird auch direkt von der Universitätsleitung ein Mandat erteilt. In den allermeisten Fällen setzen sich Emeritierte aber informell und ehrenamtlich für ihr Fach und die Universität ein.

«Ich schätze und begrüsse dies ausserordentlich», betont Rektor Hans Weder. «Dieses Engagement ist ein vitaler Ausdruck des alten Gedankens der universitas studiosorum, der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden; es ist eine Bereicherung, die oft gerade auch den jüngeren Hochschulangehörigen zugute kommt.»

Dem eigenen Fach treu bleiben

Wie eng die Verbindungen zum Lehr- und Forschungsbetrieb im Einzelfall bleiben, variiert stark. Primär spielen natürlich persönliche Faktoren eine Rolle. Zudem sind nicht in allen Disziplinen die Möglichkeiten, nach der Pensionierung wissenschaftlich tätig zu sein, in gleichem Mass gegeben. Ob Büroräume zur Verfügung gestellt werden können, hängt vom Institut ab.

Als eine diffizile Aufgabe empfinden emeritierte Professorinnen und Professoren oft, die richtige Mischung aus Nähe und Distanz zur einstigen Wirkungsstätte zu finden. Einerseits stellen viele von ihnen ihr Wissen gern weiterhin zur Verfügung, anderseits aber wollen sie dabei nicht den Eindruck erwecken, sich an ihre alte Funktion zu klammern. Niemand will das Gefühl vermitteln, seinen Nachfolgern im Wege zu stehen.

Emeritierte denken besserSie forschten ihr Leben lang – nun wurden sie für einmal selbst zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung: 106 emeritierte Professorinnen und Professoren der UZH im Alter zwischen 64 und 92 Jahren nahmen kürzlich an einer Studie teil, die zur Beantwortung der Frage beitragen sollte, ob hohe Bildung und ein intellektuell anregender Lebensstil vor kognitivem Leistungsabfall im Alter schützt. Die Studentin Vera Schumacher führt die Studie im Rahmen einer Lizenziatsarbeit am Lehrstuhl des Psychologie-Professors Mike Martin durch.Es wurden Tests zum Gedächtnis, zur kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit, zur fluiden und kristallinen Intelligenz absolviert; ausserdem mussten Fragebögen zur Einschätzung des eigenen Befindens ausgefüllt werden. Die Stichprobe wurde bewusst auf die hoch selektive und im Bezug auf Arbeitsumfeld, Gehalt und Ausbildungsgrad relativ homogene Gruppe der Professorinnen und Professoren beschränkt.Der Vergleich mit Daten anderer, gleichaltriger Bevölkerungsgruppen ergab ein deutliches Resultat: In drei von fünf kognitiven Tests schnitten die Emeritierten der UZH mit Abstand besser ab als der Durchschnitt der gleichaltrigen Bevölkerung, in zweien durchschnittlich. Für Mike Martin ist dies ein weiteres, deutliches Indiz dafür, dass nicht nur die Biologie, sondern auch psychologische und soziale Faktoren wie Bildung und Lebensstil bestimmen, wie sich fortschreitendes Alter auswirkt.  (dwe)

David Werner ist Redaktor des unijournal.

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