Karrieren ohne Barrieren

Die Universität Zürich unterstützt mit ihrer «Beratungsstelle für Studium und Behinderung» schon seit dreissig Jahren Studierende mit Behinderungen. Viel Planungsarbeit gibt es vor allem vor Semesterbeginn. Olga Meier-Popa, Leiterin der Fachstelle, setzt sich auf verschiedenen Ebenen für eine barrierefreie Universität ein.

Marita Fuchs

Die Dozentin projiziert eine Folie an die Wand, um ihre Ausführungen zu veranschaulichen. Die abgebildete Grafik ist für die meisten Studierenden im Hörsaal ein willkommenes didaktisches Mittel. Dem Studenten Thomas jedoch bleibt die Erkenntnis verwehrt: Er ist blind. Für die gehörlose Rita wiederum ist es schwierig, der schwungvoll gestikulierenden Dozentin die Worte von den Lippen abzulesen. Viel besser würde es gehen, wenn die Dozentin ihr Gesicht zum Publikum wenden würde.

Rund 12 Prozent der befragten Studierenden der Universitäten Zürich, Basel und der Pädagogischen Hochschule Zürich gaben bei einer Umfrage aus dem Wintersemester 2003/2004 an, von einer Behinderung oder chronischen Krankheit betroffen zu sein. Etwa die Hälfte dieser Studierenden fühlt sich durch ihr Gesundheitsproblem beim Studium beeinträchtigt. Von den 12 Prozent studieren etwa 2 Prozent mit einer «klassischen» Behinderung, etwa einer Mobilitäts- oder Sinnesbehinderung.

Setzt sich für ein Studium ohne Barrieren ein: Olga Meier-Popa, Leiterin der Beratungsstelle Studium und Behinderung an der Universität Zürich. (Bild: Marita Fuchs)

Vielfältige Probleme

An verschiedenen Schweizerischen Hochschulen gibt es Anlaufstellen für Studierende mit Behinderungen, aber keine hat ein so umfassendes Angebot wie die Beratungsstelle Studium und Behinderung der Universität Zürich. Hierher kommen pro Semester im Durchschnitt zehn Studierende, die kurzfristige Beratung oder längerfristige Begleitungen wünschen. «Studierende mit einer Behinderung sind häufig doppelt belastet», sagt Olga Meier-Popa, Leiterin der Beratungsstelle Studium und Behinderung. Gerade zu Beginn eines Studiums sei es für sie schwer, sich zurechtzufinden. Es müsse einiges organisiert werden, damit die Studierenden auch wirklich den Vorlesungen folgen können, wobei der Teufel häufig im Detail stecke.

Studierende, die zur Beratungsstelle kommen, haben oft konkrete Fragen: Kann ich überhaupt mit meinem Rollstuhl in den Hörsaal gelangen? Soll ich den Dozenten fragen, ob er mir sein Skript zur Verfügung stellt, und wer liest es mir vor, da ich sehbehindert bin? Ich bin hörbehindert, kann ich den Dozenten fragen, ob er bereit ist, so deutlich zu sprechen, dass ich ihm von den Lippen ablesen kann?

Gut geführt: Im Hauptgebäude der Universität lenken Orientierungspunkte den Blick, Brailleschrift am Handlauf gibt das Stockwerk an. (Bild: Marita Fuchs)

Kontakte herstellen und Netzwerke nutzen

Olga Meier-Popa stellt mit ihren Klienten schon vor Semesterbeginn einen Semesterplan auf. Die Sonderpädagogin und ausgebildete Ärztin beweist seit ihrem Stellenantritt vor drei Jahren ihre Fähigkeit als Allrounderin jedes Semester aufs Neue. Jede Behinderung oder Situation sei anders, weiss sie und versucht deshalb individuelle Lösungen zu finden. Dabei nutzt sie ihre Netzwerke. «Wichtig ist die Hörsaaldisposition, die ich zuweilen bitten muss, einen anderen Raum zuzuweisen, der räumlich und technisch behindertengerecht ausgestattet ist», erklärt Olga Meier-Popa. Sie prüft zum Beispiel für den schwerhörigen Rolf, ob induktive Höranlagen im Hörsaal installiert sind, damit Rolf direkt von der Anlage via Hörgerät der Veranstaltung folgen kann. Falls dem nicht so ist, muss sie den Dozenten bitten, ein zweites Mikrophon zu tragen, damit die Übertragung via FM-Anlage klappt. Die drahtlose Signalübertragungsanlage (FM-Anlage) nimmt direkt die Stimme des Sprechers durch ein nahe am Mund getragenes Mikrofon auf.

Gerechte Prüfungsbedingungen schaffen

Olga Meier-Popa informiert die Dozierenden, wenn ein Studierender mit Behinderung an der Vorlesung teilnehmen wird und Unterstützung benötigt. Häufig organisiert sie auch ein Vorlesungsskript, so dass der betroffene Studierende sich auf die Vorlesung vorbereiten kann. «Die Dozierenden sind in der Regel hilfsbereit und können sich auf verschiedenste Behinderungen einlassen», beschreibt sie ihre Erfahrungen. Manchmal sei es jedoch gut, wenn sie Studierende und Dozierende zum Kennenlernen zusammenbringe. «Ist die Anfangshürde genommen, löst sich auf beiden Seiten die Anspannung», erzählt sie.

Olga Meier-Popa kümmert sich auch um faire Prüfungsbedingungen für ihre Schützlinge. So für den von Cerebral Parese betroffenen Michael, der seine Prüfung in den Rechtswissenschaften auf dem Laptop und mit mehr Zeit schreiben durfte. Hier ist es gut, dass sie Kontakt zu den Studienfachberatern hat, mit denen sie gemeinsam Lösungen für Prüfungen sucht, in letzter Zeit etwa vermehrt für Studierende mit einer Legasthenie, wie sie berichtet.

Gesetz gegen Ausgrenzung

Gesetzlich darf niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Seit dem 1.1.2004 gilt für alle staatlichen Dienstleistungen der Gleichstellungsgrundsatz. Das bedeutet, dass Dienstleistungen allen Bürgerinnen und Bürgern zugänglich sein müssen. Dies sei Ausdruck eines Paradigmenwechsels in der Rechtssprechung, betont Meier-Popa. Früher habe man die Behinderung einer Person als deren individuelles Defizit eingestuft. Heute werde Behinderung eher als ein gesellschaftliches Defizit gewertet, nämlich als mangelnde Rücksichtnahme der Nichtbehinderten auf die spezifischen Bedürfnisse Anderer. Bis sich an der Ausgrenzung behinderter Menschen wirklich etwas ändere, brauche es noch lange, meint Meier-Popa. Doch insgesamt hat sich die Situation an der Universität Zürich nach den Aussagen der Studierenden mit Behinderung spürbar verbessert.

Der «sprechende» Lift im Hauptgebäude der Universität Zürich: Rollstuhlgängig und mit Lautsprecheransage. (Bild: Marita Fuchs)

Hilfsbereitschaft lässt mit der Zeit nach

Situationen, wie die eingangs beschriebene Szene im Hörsaal seien keine bewussten Diskriminierungen des anwesenden Studenten mit Behinderung, meint Meier-Popa, sondern ein aus Gewohnheit resultierendes Verhalten. Erfahrungsberichte Betroffener bestätigen, dass die Hilfsbereitschaft von Dozierenden und Studierenden hoch sei, allerdings im Alltag mit der Zeit auch nachlasse.

Selbständigkeit ermöglichen

Nachhaltiger sind konkrete Unterstützungsangebote. Andere Länder gehen in dieser Hinsicht voran, so die USA. Dort werden an Universitäten sogar Vorlesungen in Gebärdensprache gehalten. «Wichtig ist, die Selbstständigkeit der Betroffenen zu gewährleisten. Wenn man beispielsweise in der Mensa als Rollstuhlbenutzer jedes mal um das Wasserglas vom oberen Regal bitten muss, so ist das zwar nicht tragisch, doch es schränkt die Selbständigkeit ein», sagt sie.

Behindertenfreundlich saniert

Olga Meier-Popa ist es ein grosses Anliegen, die baulichen Bedingungen für Studierende mit Behinderungen zu verbessern. So hat sie sich bei der eben abgeschlossenen Sanierung des Hauptgebäudes für die Anliegen der behinderten Studierenden stark gemacht. «Noch immer müssen Architekten und Bauverantwortliche davon überzeugt werden, dass behindertengerechtes Bauen sich lohnt», sagt Meier Popa. Dabei erleichtern Gebäude mit ebenerdigen Aufzügen oder über schiefe Ebenen erreichbare Räume nicht nur Mobilitätsbeeinträchtigten das Leben, sondern auch Familien mit Kinderwagen und älteren Menschen. Besonders froh sei sie über das neue Kollegiengebäude, in dem es jetzt neben moderner Technik auch höhenverstellbare Tische in den Hörsälen, Orientierungshilfe bei Sehbehinderung und sogar «sprechende» Lifte gebe.

Vorgelesene Webseiten

Meier-Popa setzt sich auch für die Barrierefreiheit der Internetauftritte der Universität ein: «Warum sollen Menschen mit einer Sinnes- oder Mobilitätsbehinderung durch vermeidbare Barrieren auch noch im Internet benachteiligt werden?» Der neue Webauftritt ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Zürich und Basel sowie der Pädagogischen Hochschule. Seit 2004 müssen nämlich nach Schweizer Gesetzgebung Internetdienstleistungen des Bundes und der Kantone für Menschen mit Sprach-, Hör-, Seh- sowie motorischer Behinderung zugänglich gemacht werden. Für die Studierenden mit Behinderungen sei es zudem von grossem Vorteil, wenn Vorlesungsunterlagen im Internet veröffentlicht werden, dann können Screen-Reader ihnen die Webseiten vorlesen.

Damit all das jedoch zur Selbstverständlichkeit wird, bedarf es eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Bewusstseinswandels, ist Meier-Popa überzeugt. Bis dahin freut sie sich über jeden Studierenden mit einer Behinderung, der mit Elan und Erfolg die Universität absolviert und damit beweist, dass es möglich ist.

Marita Fuchs ist Redaktorin von unipublic

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