Arbeitsmarkt

Die zweitbeste Lösung

Mit dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt wird die Dissertation zur Alternative für Hochschulabgängerinnen und -abgänger, die keine Stelle finden. Doch es gibt nach wie vor auch Doktorierende, die aus Überzeugung forschen. Der letzte Teil unseres Dossiers «Uni - und dann?».

Philipp Mäder

Aus dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt zurück zur Universität. (Bild: Pierre ThomE)

Im Frühjahr 2002 hatte sie ihr Publizistikstudium erfolgreich abgeschlossen. Nach all den Jahren, endlich. Nun wollte die frisch lizenzierte Geisteswissenschaftlerin nichts lieber als arbeiten. Doch der Stellenanzeiger war armselig dünn, die junge Frau fand in der Privatwirtschaft keine Stelle, die ihr gefallen hätte. Schliesslich bewarb siesich erfolgreich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Und begann, eine Dissertation zu schreiben. So fand sie sich nach kurzer Zeit in den heiligen Hallen der Alma Mater wieder, denen sie gerade erst glücklichentronnen war. Nennen wir die junge Wissenschaftlerin Anne - ihren richtigen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen: «Denn meinem Doktorvater habe ich natürlich nicht gestanden, dass ich eigentlich lieber ausserhalb der Universität arbeiten würde», sagt Anne.

Absolventen im Nachteil

Viele der frisch gebackenen Hochschulabgänger haben wegen der aktuellen wirtschaftlichen Flaute Schwierigkeiten, eine Arbeitsstelle zu finden. Zwar gibt es dafür bislang keine Statistik, da Absolventen von den Arbeitsämtern nicht gesondert erfasst werden. Doch in der Krise von 1993 bis 1997 liess sich das gleiche Phänomen beobachten: «Schon damals traf der Konjunktureinbruch die Hochschulabgänger verhältnismässig stark, weil die Firmen lieber Leute mit Berufserfahrung einstellen», sagt der Bildungsforscher Markus Diem von der Universität Basel.

Nach seiner Einschätzung dürfte die momentane Lage gar noch dramatischer sein: «In den neunziger Jahren wuchs immerhin der Finanz- und Consultingbereich.» Heute aber würde auch dort niemand mehr neu unter Vertrag genommen. Und zu allem Überfluss, so Diem, verhalte sich auch der Staat antizyklisch.

Der Stellenanzeiger war armselig dünn, drum trat sie ein Doktorat an. (Bild: Pierre ThomE)

Dissertation als Alternative

Was tun? Für Anne hiess die Alternative zum Job Dissertation. Richtig glücklich ist sie aber nicht mit ihrer neuen Tätigkeit. Für einen jungen Historiker, der seinen Namen ebenfalls nicht publik machen will, ist die Dissertation immerhin die zweitbeste Lösung - nach einem Job als Journalist. Die Finanzierung seiner Doktorarbeit ist allerdings noch nicht gesichert, eine Assistentenstelle konnte ihm sein Professor nicht bieten.

Denn gerade die Assistenzen sind bei den Zürcher Hochschulabgängerinnen und -abgängern wieder beliebter als auch schon. Musste sich die Wissenschaft in der Hochkonjunktur mit denen zufrieden geben, die übrig blieben, so besteht heute ein grosser Andrang. Dies bestätigt Dieter Ruloff, Professor am Zürcher Institut für Politikwissenschaft: «Heute bekomme ich für eine Assistenz über fünfzig Bewerbungen.» Bis zum Platzen der Börsenblase im Jahr 2001 sei dies anders gewesen, sagt Ruloff.

Auch Barbara Hermann von der Stipendienberatungsstelle für Studierende der Universität Zürich sieht eine steigende Popularität von Dissertationen: «Seit etwa einem Jahr bekomme ich vermehrt Anfragen, ob es auch Stipendien für Doktorierende gebe», sagt sie.

Der Gegenbeweis

Auch wenn ein vermehrtes Interesse an Promotionen zu beobachten ist: Daraus zu schliessen, dass alle Dissertanden arbeitslose Studienabgänger sind, wäre falsch. Roland Schaller ist der Gegenbeweis: Während zehn Jahren arbeitete er als Redaktor und freier Journalist. Seit einem halben Jahr nun ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Forschungsprojekt des Soziologischen Instituts über Lokalparteien. Und plant, in diesem Rahmen auch eine Dissertation zu schreiben. «Als mich mein früherer Professor anfragte, ob ich an diesem Projekt mitarbeiten wolle, konnte ich nicht widerstehen», sagt Schaller. Er hofft, dass ihm die Dissertation auch für die berufliche Zukunft etwas bringt. Am liebsten würde Schaller in einer Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und Medien tätig sein.

Studienforscher Diem ist allerdings skeptisch über die berufliche Verwertbarkeit einer Promotion: «Unsere Befragungen zeigen, dass ein Doktortitel die Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht erhöht», sagt er. Ausnahmen gebe es allerdings: bei einer wissenschaftlichen Karriere - oder falls die Dissertation in einem engen thematischen Bezug zur späteren Tätigkeit stehe. Gerade in der Philosophischen Fakultät ist dies aber selten der Fall.

Ein Trost bleibt den Dissertanden aus mangelnder Alternative trotzdem: Eine Promotion scheint dieChancen auf dem Berufsmarkt auch nicht zu verschlechtern. Nochmals Diem: «Immer dann, wenn die Konjunktur anzieht, werden alle Hochschulabsolventen vom Arbeitsmarkt aufgesogen wie von einem trockenen Schwamm.» Wenn die Konjunktur denn tatsächlich wieder anzieht.

Philipp Mäder ist Journalist.