Kommentar

Der Krieg und seine Bilder - Shock and Awe

Die Medienberichterstattung über den gegenwärtig stattfindenden Krieg im Irak stützt sich wesentlich auf Bilder. Anders als das gedruckte oder gesprochene Wort haben Bilder eine unmittelbare Wirkung. Die Bilder des Krieges wühlen auf, beunruhigen, machen Angst. Doch was zeigen sie eigentlich, wie sind sie zu deuten und warum brauchen wir sie überhaupt? Ein Kommentar.

Christoph Schumacher

Trotz des «Embedded Journalism» liegt die Wahrheit über das Kriegsgeschehen oft in einem unscharfen Bereich. (Bild: Christoph Schumacher)

Das bekannte deutsche Nachrichtenmagazin «Stern» titelte letzter Tage, kaum eine Woche nach dem Beginn des Krieges gegen den Irak: «53 Sonderseiten: Die Bilder vom Krieg. Das Protokoll des Angriffs».Zu sehen sind diejenigen Bilder, die seit dem Kriegsausbruch und teilweise schon zuvor in allen Medien omnipräsent waren: Amerikanische und britische Truppen in der Wüste, in scheinbarenKampfsituationen, das Gewehr im Anschlag, Bagdad bei Nacht und Bombennebel, gefangene und tote irakische Soldaten, brennende Ölquellen und, vereinzelt, verletzte Zivilisten. Man ist über das Geschehen im fernen Irak bestens informiert, so scheint es. Das mediale Konzept der alliierten Streitkräfte, der «Embedded Journalism», liefert den Medien was sie sich wünschen: Aktuelle Bilder, die das zeigen, was man so gerne als Realität bezeichnet.

«Embedded Journalism»: Produktion von Illustrationsmaterial

Nun zeigt sich , dass diese Form des eingebetteten Journalismus zwar aktuelle Bilder liefert, doch darüber hinaus bleibt die informationslage dürftig. Die wichtigen Hintergründe über das Wann, Wo, Wie, etc. dürfen die Journalisten nicht weitergeben, aus taktischen Gründen, so die Erklärung.

Ein Zeichen steht für etwas Bezeichnetes, lehrt die Semiotik, die Wissenschaft von den Zeichen. Ein Soldat mit dem Gewehr im Anschlag kann für vieles stehen: Er kann Symbol und historische Aussage zugleich sein. Und so scheinen die Bilder der «Embedded Journalists» häufig auf ihren illustrierenden Charakter reduziert zu werden, sie dienen als dramatisierende Staffage für eine Berichterstattung, die auffallend oft nur wenig an Fakten zu erzählen weiss.

Ein Bild steht in einem bestimmten Kontext. Dieser erst macht, zusammen mit dem Bild, den eigentlichen Inhalt aus. So erst entsteht eine einigermassen authentische Form von Realität. Das Bild als solches kann vieles aussagen. Was in diesem Krieg durch das Konzept der «Embedded Journalists» geschieht, ist eine eigentliche Dekontextualisierung des Bildes. Ein bestimmtes Bild wird benutzt, um einen bestimmten Sachverhalt zu erklären oder zu beweisen. Vergleicht man die verschiedenen Nachrichtensendungen miteinander, fällt auf, dass ein und dasselbe Bild für durchaus unterschiedliche, wenn nicht sogar gegensätzliche Darstellungen benutzt wird.

Die andere Seite: Al Jazeera und die arabischen Medien

Die Bilder, die aus dem Innern der belagerten Städte kommen, zeichnen ein anderes Bild von der Situation, als es die westlichen Medien tun: Tote und verletzte Zivilisten, zerstörte Häuser, wütende Menschen. Dass diese Szenen ebenso von einer Zensur oder von einem bestimmten Interesse gesteuert werden, ist klar. Und es ist ebenso ungewiss, wie die Wahrheit hinter der sichtbaren Scheinrealität aussieht. Eines scheinen sich beide Seiten bewusst zu sein: Bilder können zu einem strategisch relevanten Faktor werden. Schon immer war es ein Grundsatz der Propaganda, ein Bild mit der passenden Hintergrundinformation zu versehen um so eine emotionale und wirkungsvolle Aussage im gewünschten Sinn zu erreichen.

Präzise Bilder ohne den wichtigen Kontext: Bilder allein schaffen keine Realität. (Bild: Christoph Schumacher)

Der Bilderkampf in den Medien: Shock and Awe

Am achten Tages des Krieges gegen den Irak präsentiert das Schweizer Nachrichtenmagazin «Facts» (No. 13/2003) einen gross aufgemachten Artikel mit dem Titel «Der Krieg». Eingeleitet wird die Story von einer mehrseiteigen Bildstrecke. Ein Bild fällt besonders auf, seitenfüllend gross, überdeutlich. Die Bildlegende ist nüchtern: «Ein Iraker mit einem verwundeten Mädchen in Basra». Ein Mann trägt ein Mädchen auf seinen Armen. Es ist blutüberströmt. Der rechte Fuss ist zerfetzt, der Fersenknochen baumelt an einigen wenigen Sehnen.

Warum werden solche Bilder gezeigt? Reichen die langen Bilderstrecken, die wir bereits in der ersten Kriegswoche zu sehen bekommen haben nicht aus? Was soll ein solches Bild erreichen? Soll es uns überzeugen, dass dieser Krieg grausam und ungerecht ist? Dieser Meinung ist wahrscheinlich die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer, und sie war es schon vor Ausbruch des Krieges.

Die immer wiederkehrenden Bilder von Gewalt und Schrecken zermürben - und sie härten ab. Es wäre besser, Bilder mit einer derartigen Intensität nicht zu zeigen. Nicht zuletzt werden auch Kinder mit dem Inhalt dieser Artikel konfrontiert. Und dann gibt es auch noch so etwas wie eine Menschenwürde; sie sollte wenigstens von den Medien geachtet werden.

Die militärische Strategie von «Shock and Awe» hat im Irak ihren Erfolg verfehlt. Doch in den Medien scheint sie ein Bombentreffer zu sein, leider.

Christoph Schumacher ist Bildredaktor von unipublic und Journalist.