Chirurgie in Wachs

Schauerlich, aber auch faszinierend und lehrreich: die Moulagensammlung Zürich zeigt weltweit einmalige Wachsabbildungen von chirurgischen Befunden der 1920er Jahre.

Brigitte Blöchlinger

Ein präparierter Kopf aus der Ausstellung «Chirurgie in Wachs» (Bild: Moulagenmuseum)

Die Zürcher Moulagensammlung ist eine besonders rare Angelegenheit. An anderen Orten wurden die erschreckend echt wirkenden Wachsharz-Abbildungen von Krankheit im Laufe der Zeit als alter Ramsch angesehen und in den 1970er Jahren entsorgt. In Zürich jedoch nahm sich die Konservatorin und ausgebildete Moulageuse Elsbeth Stoiber der wächsernen Gebilde an und baute sie mit Unterstützung der damaligen dermatologischen Klinikdirektoren zu einer mittlerweile einmaligen Sammlung aus, «von der andere Museen nur träumen können», wie der jetzige Konservator Michael Geiges stolz bemerkt.

Weltweite Rarität

Nun ist in der Moulagensammlung an der Haldenbachstrasse 14 in Zürich eine weltweite Rarität, um nicht zu sagen Einmaligkeit zu sehen: chirurgische Moulagen aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Hergestellt wurden sie vom wissenschaftlichen Zeichner, Kunstmaler und Moulageur Adolf Fleischmann, im Auftrag des damaligen Chirurgieprofessors Paul Clairmont. Zu sehen sind so schauerliche Dinge wie ein riesiger Leistenbruch, ein grosser Kropf, Brustkrebs, Tuberkulose mit Buckelbildung, Fussprobleme bei Diabetes etc. «Die meisten Laien denken erst: Was für ein Gruselkabinett! Doch wenn sie sich dann hineingewagt haben, bringt man sie fast nicht mehr hinaus, so spannend ist es», erzählt Kurator Michael Geiges.

(Bild: Moulagenmuseum)

Aussergewöhnliche Krankheiten dokumentieren

Die medizinischen Moulagen seien vor allem für Lehrzwecke hergestellt und auch in zahlreichen alten chirurgischen Lehrbüchern abgebildet worden, führt Geiges aus. Deshalb wurden vor allem aussergewöhnliche Krankheiten oder Krankheitsverläufe dokumentiert. In den meisten Fällen blieb auch die Patientengeschichte erhalten, die nun ebenfalls in der Ausstellung nachzulesen ist. «Zusammen mit den Moulagen kann man sich so auch heute noch in das Leiden der Patienten von damals und in die Probleme und Sorgen der Chirurgen jener Zeit einfühlen», findet Geiges.

In den 1920er Jahren erlebte die Chirurgie zwar einen gewaltigen Aufschwung: Man konnte bereits steril operieren und Narkosen machen. Doch die Antibiotika waren noch nicht entdeckt, entsprechend fatal wirkten sich Entzündungen aus. Auch konnten beispielsweise Blutgefässe nicht genäht werden, was sich unter anderem bei schweren Brüchen höchst negativ auswirken konnte; häufig blieb nur, die betroffene Extremität zu amputieren.

(Bild: Moulagenmuseum)

Fixe und wechselnde Ausstellungen

1800 Moulagen besitzt die Moulagensammlung Zürich des UniversitätsSpitals und der Universität. Im Museum können maximal 600 Exemplare ausgestellt werden. So gibt es neben der permanenten Ausstellung - über die Haut - immer wieder wechselnde wie nun eben «Chirurgie in Wachs». Wenn diese nach dem 18. November 2003 wieder abgebaut wird, wandert sie grösstenteils in den Lagerraum zurück, aus dem sie geborgen wurde. Ein paar wenige Vitrinen werden in die permanente Sammlung integriert.

Patchworkarbeiter mit Traditionsbewusstsein

Kurator Michael Geiges ist nur zu zwanzig Prozent bei der Moulagensammlung angestellt; doch da für den Teilzeit-Oberarzt und -Dermatologen Geiges die Medizingeschichte zum liebsten Hobby geworden ist, arbeitet er noch einen Tag als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Medizinhistorischen Institut. So zeitgemäss die Arbeitssituation von Patchworkarbeiter Geiges auch ist, so traditionsbewusst ist seine kuratorische Tätigkeit. Der ausgebildete Moulageur möchte die alte Tradition nämlich weiterführen und um Moulagen von modernen Krankheitsbildern wie jenem von Aids erweitern. Die Rezeptur der Wachsharzgemische wurden zwar im allgemeinen geheim gehalten. Doch Geiges kennt die Zürcher Rezeptur, die im Gegensatz zu jener in Paris besonders gut altert und nach wie vor stabil in Farbe und Konsistenz ist. Der Aktualisierung der Zürcher Moulagensammlung steht also nichts im Wege.

Brigitte Blöchlinger ist Journalistin BR und regelmässige Mitarbeiterin von unipublic.