Nachwuchsförderung ja, aber bitte gratis

In wirtschaftlich schlechten Zeiten ist es schwierig, mehr Geld für den akademischen Nachwuchs in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu erhalten. Doch genau das bräuchte der Mittelbau am dringendsten, um die Misere zu beheben. Oder doch einen radikalen Umbau der universitären Strukturen? Die Pro->Wiss-Diskussion am 21. Januar zeigte: Noch keine Lösung in Sicht.

Brigitte Blöchlinger

Zu wenig Kapazitäten für die Betreuung der Studierenden, ungewisse berufliche Perspektiven der Doktorierenden und Habilitierenden, Frustrationen bei den Privatdozierenden und bei den Assistenzprofessor/innen wegen wachsender administrativer Aufgaben und fehlender Freiräume für die Forschung - Moderator Thomas Buomberger zeichnete in seinem Eingangsvotum zur Pro->Wiss-Podiumsdiskussion «Nachwuchsförderung in den Geistes- und Sozialwissenschaften» ein düsteres Bild der gegenwärtigen Lage.

Millionenbeträge gefragt

Ausgangslage der Podiumsdiskussion war der Bericht «Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften. Schlussbericht der von der Gruppe Wissenschaft und Forschung eingesetzten Arbeitsgruppe» (2002) des Bundesamtes für Bildung und Wissenschaft. Christoph Riedweg (Zürich) und Andrea Maihofer (Basel), zwei der insgesamt acht Berichtverfasser, erklärten, wie es dazu gekommen und welche Bedeutung die «Phil Ier» hätten. Kurz wurde auch der Massnahmenkatalog vorgestellt, der die Situation des Nachwuchses verbessern sollte. Zwei Änderungen erachtete Riedweg als besonders drängend: Besseres Auffangnetz für heimkehrende Leute mit Habilitationsstipendien des Schweizerischen Nationalfonds und bessere Forschungsbedingungen für Assistierende.

Jetzt sparen, später doppelt zahlen?

Aber auch mehr Graduiertenkollegs, längere Doktoratsstipendien des Nationalfonds, hälftige Freistellung der Assistierenden für die Forschung, Sondermittel für Forschungsprojekte kleinerer Institute u. a. könnten die Situation des Mittelbaus in den Geistes- und Sozialwissenschaften verbessern, wie Riedweg betonte. Andrea Maihofer schloss den einführenden Teil mit einem Zitat eines Tübinger Philosophen: «Wer heute an den Geisteswissenschaften Millionen spart, muss morgen für die Sanierung der Gesellschaft, der heimischen und der Weltgesellschaft, Milliarden zahlen.»

Woher nehmen und nicht «stehlen»?

Reformwillig waren alle - doch wer sollte die Millionenbeträge bezahlen? Das Problem wurde also erst einmal finanziell diskutiert - Umverteilen der Mittel war das Stichwort. Doch damit endete die Einigkeit bereits. Umverteilen innerhalb der Fakultäten oder zwischen den Fakultäten? Zusammenlegen gleicher Fakultäten? Sollen Betriebskredite geschmälert, freie Mittel für Forschung ausgebaut werden? Wie weiter, wenn der Kantonsrat das Globalbudget der Universität (Zürich) nicht erhöht? Sind Drittmittel (Nationalfonds u.a.) ein Weg aus dem Engpass? Höhere Forschungskredite (von Lizenzeinahmen gespiesen) und mehr Doktoratsstipendien von privaten Stiftungen?

Sparen oder mehr fordern?

Die Ausbaufordernden (Wissenschaft) und die Sparbereiten (Politik) kamen nicht zusammen. Die Nationalrätin Barbara Haering mahnte: «Die Umverteilung, die Sie sich wünschen, ist nicht realistisch. Deshalb werden wir die Mittel intensiver bündeln müssen.» Also doch einen einzigen Ausbildungsstandort in der Schweiz für die Medizin, einen für die Theologie, Zusammenlegen der gleichen Fächer an Universitäten und an der ETH? Der Prorektor Forschung der Universität Zürich, Alexander Borbély, lehnte mangels Sparpotential ab.

Tenure Track eher nicht …

Auch das seit längerem in der Schweiz kontrovers diskutierte amerikanische System des Tenure Track einigte die Podiumsteilnehmer/innen in keiner Weise. Christoph Riedweg lobte die Habilitationsphase als «enorme Freiheit»,und ausserdem sei das «second book» gar nicht so verschieden von einer Habilitationsschrift. Madeleine Herren favorisierte das «second book» (an breites Publikum gerichtet) und kritisierte an der Habilitation die enge Fakultätsbezogenheit. Alexander Borbély zweifelte an der Wahrung einer internationalen Berufungspraxis, wenn die einheimischen Nachwuchskräfte fast automatisch nach sechs Jahren fest angestellt werden «müssten».

Deutsche Juniorprofessuren nicht …

Doch was dann? Das deutsche System mit den Juniorprofessuren sei auch keine Lösung, es würde die Nachwuchskräfte «überfordern» und «verheizen». So weiter wursteln wie bisher wollte auch niemand. Kam das akademische «Frauensterben» in den oberen Etagen hinzu, wie es Madeleine Herren formulierte, das es ebenfalls zu ändern gelte. Vielleicht wäre ja das englische System eine Lösung …, regte eine Zuhörerin an.

Es darf weitergerungen werden

Je länger die Diskussion dauerte, desto divergierender wurden die Meinungen. Ein Konsens, wie die Nachwuchsförderung in den Sozial- und Geisteswissenschaften aussehen und wie sie bezahlt werden sollte, rückte in weite Ferne. Die Meinungen waren fast so vielfältig wie die Sozial- und Geisteswissenschaften selber. Die Diskussion wird wohl noch lange dauern.

Brigitte Blöchlinger ist Journalistin BR und regelmässige Mitarbeiterin von unipublic.