Eine Frage, drei Antworten

Was macht uns glücklich?

In Krisenzeiten scheint das Glück in weiter Ferne zu liegen. Umso mehr stellt sich die Frage, was uns in unserem Leben eigentlich glücklich macht. Wir haben sie einer Kulturwissenschaftlerin, einem Ethiker und einer Psychologin der UZH gestellt. Hier ihre Antworten.

Gabriela Muri, Sebastian Muders, Lisa Wagner

Gabriela Muri, Titularprofessorin am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft
Gabriela Muri, Titularprofessorin am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft: «Was uns glücklich macht, verweist gerade jetzt auf die Frage: Wo und wann sind wir glücklich?» (Bild: zVg)

Flucht aus der Zeit

«Die Suche danach, was uns glücklich macht verweist gerade jetzt auf die Frage: «Wo und wann sind wir glücklich?». Dinge, Erfahrungen und Augenblicke erfahren eine grundlegende Umdeutung durch veränderte Bedingungen von Raum und Zeit im Alltag. Städte, einst Bühnen geteilten Glücks an Events, sind leergefegt. Glückliche Auszeiten bei Treffen im Freundeskreis oder an Familienfesten sind verboten, Sport und Spiele mit Publikum untersagt. Steigerungsformen des eventisierten Glücks, wie sie unseren Alltag beherrschten, entfallen.


Zurück bleiben wir als Akteurinnen und Akteure in «Wohnungsgesellschaften» und an digitalen Formen der Versammlung. Viele sprechen vom Rückzug als Chance, von der Freude an «kleinen Dingen» wie gärtnern, kochen oder dem Betrachten der Zeit, die langsamer zu vergehen scheint. Waren wir nicht Gefangene unserer dicht getakteten Freizeit und immer neuer Verheissungen vom Abenteuerurlaub am Horizont des Alltagsglücks? Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive bedeutet Flucht aus der Zeit immer den Versuch, der Gesellschaft zu entfliehen. Gerade heute zeigt sich jedoch deutlicher als zuvor, dass Raum und Zeit als Faktoren der glücklichen Lebensführung ungleich zur Verfügung stehen und selbst das Erleben von Dauer im Alltag davon abhängt. Das gemeinsame Musizieren auf Balkonen verbindet über Räume und lange Zeiten hinweg. Einschneidend jedoch sind die ungleichen Voraussetzungen in engen räumlichen Verhältnissen zu leben, Zeit als Lebens- und Berufsperspektive als prekär zu erfahren oder im Falle von älteren Menschen, das Glück einer übervoll zur Verfügung stehenden Zeit mit sich alleine zu teilen.»

 

Sebastian Muders ist Studien- und Geschäftsleiter der Advanced Studies in Applied Ehtics
Sebastian Muders, Studien- und Geschäftsleiter der Advanced Studies in Applied Ethics: «Glück liegt nicht zuletzt im Engagement für Dinge jenseits von uns selbst.» (Bild: zVg)

Sich für andere engagieren

«Glücklich macht uns, Glück zu haben: Unverhoffte Dinge, die uns zustossen, ohne dass wir etwas dafür können. Wie ein Lotto-Gewinn. Was aber ist dann mit Dingen, die selbst erarbeitet sind? Etwa die geglückte Karriere als Pianist? Aber auch hier wurde ich früh gefördert – Talent alleine bringt nichts. Überhaupt: Was kann ich für mein Talent, meinen disziplinierten Charakter, meine Freude an Musik? Und als ich eine Anstellung suchte – was für ein Riesen-Zufall, dass ich gleich die Chance hatte, bei einem Top-Orchester vorzuspielen! Ist Glück so gesehen nicht immer Glückssache?

Glücklich macht uns, Glück zu empfinden: Das grosse, an sich erstrebenswerte Gefühl. Aber weshalb ist das so erstrebenswert? Vielleicht weil sich Glück in einer bestimmten Weise anfühlt? Aber ist das Glücksgefühl beim Schmecken eines leckeren Gerichts nicht ganz verschieden vom Glücksgefühl beim Anblick der Angebeteten? Was haben all diese Glücksgefühle gemeinsam? Eigentlich doch nicht mehr, als dass sie sich auf Dinge beziehen, die wir uns gewünscht haben? Was aber wünschen wir uns? Nun, Dinge, die sich für uns gut anfühlen, wenn wir an sie denken! Man dreht sich im Kreis.

Glücklich macht uns, Glück zu finden: Das Ziel, dem sich alle übrigen Ziele unterordnen. Worin besteht dieses Ziel? Sicher darin, dass es uns gut geht: Gesund sein, Essen und Obdach, beruflicher wie privater Erfolg, Freunde und Familie. Aber schätzen wir all das nur um unserer selbst willen? Nein: Unsere Freunde sind nicht einfach Erfüllungsgehilfen unseres Wohlergehens; und unsere Arbeit und Hobbies sind mehr als nur Broterwerb und Zeitvertreib. Andere und anderes machen unser Leben erst sinnvoll: Glück liegt nicht zuletzt im Engagement für Dinge jenseits unserer Selbst.»

 

Lisa Wagner, Postdoktorandin am Psychologischen Institut:
Lisa Wagner, Postdoktorandin am Psychologischen Institut: «Jeder Mensch hat Charakterstärken, und es geht darum, diese bestmöglich einzusetzen.» (Bild: zVg)

Guter Charakter hilft

«Wie glücklich wir sind, hängt unbestritten von äusseren Umständen ab. Aber auch unter den gleichen äusseren Bedingungen unterscheiden sich Menschen stark darin, wie glücklich sie sind. Woran liegt das? Menschen unterscheiden sich in ihren Gefühlen, ihren Gedanken und in ihrem Verhalten – in ihrer Persönlichkeit.

Lange hat sich die Psychologie als Wissenschaft bemüht, Persönlichkeitseigenschaften als nicht-bewertete, neutrale, Eigenschaften zu betrachten. Erst seit etwa 20 Jahren beschäftigt sich die Forschung wieder mit dem «guten Charakter», also mit Eigenschaften, die zu einem guten Leben beitragen. Das geht natürlich weit über das individuelle Glücklichsein hinaus, hängt aber damit durchaus zusammen: Empirisch zeigen alle Charakterstärken positive Zusammenhänge damit, wie glücklich eine Person ist – einige starke (etwa Dankbarkeit) und andere eher schwache (etwa Bescheidenheit). Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber auch, dass unterschiedliche Charakterstärken mit unterschiedlichen Wegen zum Glücklichsein zusammenhängen: Beispielsweise Humor mit dem Erleben von positiven Emotionen, Neugier mit Engagement, Bindungsfähigkeit mit positiven Beziehungen, Spiritualität mit Sinnerleben oder Ausdauer mit Erfolg.

Jeder Mensch hat Charakterstärken und es geht vor allem darum, diese bestmöglich einzusetzen, um so das eigene Potenzial auszuschöpfen. Guter Charakter wird dabei als veränderbar verstanden – und damit zu einem gewissen Grad auch unser Glücklichsein.»

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