Digitale Entgiftung

Wege gegen den Smartphone–Stress

Immer online, immer erreichbar: Das Smartphone kann ein Stressfaktor sein. Können digitale Auszeiten unser Wohlbefinden verbessern? Die Psychologin Theda Radtke präsentierte an der Veranstaltungsreihe «Wissen-Schaf(f)t Wissen» überraschende Resultate aus ihrer Forschung.

Stefanie Maier3 Kommentare

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Vielleicht einfach mal das Handy ausschalten: Ein bewusster Umgang mit Smartphones könnte helfen, unser Wohlbefinden zu steigern.

 

Rund ein Drittel der Weltbevölkerung besitzt ein Smartphone, in der Schweiz sind es 78 Prozent. Im Schnitt kaufen sich Smartphone-Besitzer alle zwei Jahre ein neues Gerät. Jugendliche benutzen ihr Handy täglich zwei Stunden, Erwachsene eine Stunde. Am Wochenende sogar mehr.

Auch wenn nur knapp ein Prozent der Erwachsenen und fünf Prozent der Jugendlichen als handysüchtig gelten, sind die Folgen der gesteigerten Handynutzung weitreichend. Die verschiedenen Lebensbereiche verschmelzen zusehends, die Arbeitszeiten dehnen sich unweigerlich aus und die Erwartung, immer erreichbar zu sein, steigt. Dadurch erhöht sich nicht nur das Stressniveau – auch das Burnout-Risiko kann steigen. Nicht zuletzt leidet die Schlafqualität.

«Doch es gibt auch zahlreiche positive Auswirkungen», sagte Theda Radtke, Oberassistentin für angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie an der UZH, vergangene Woche an ihrem Referat zur Veranstaltungsreihe «Wissen-Schaf(f)t Wissen» des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie (ZIHP).

Mit dem Handy gestaltet sich die Kommunikation zeitsparender und produktiver, die Arbeitszeiten lassen sich flexibler einteilen. Insbesondere deshalb, weil mit den Geräten alles ortsunabhängig stattfinden kann. Studien haben zudem gezeigt, dass Smartphones auch im Privatbereich die soziale Interaktion vereinfachen können. So wachsen durch Gruppenchats Familien oder Freundeskreise oftmals näher zusammen. Die Grenzen zwischen positiven und negativen Folgen von Smartphones fliessen oftmals ineinander.

Digitale Entgiftung

«Digital Detox» ist ein neuer Trend aus den USA. Regelmässige Auszeiten vom Smartphone sollen den negativen Auswirkungen entgegenwirken. Doch nützt das etwas? Das Forscherteam um Theda Radtke hat in einer Studie die Auswirkungen täglicher Smartphone-Auszeiten untersucht. Dazu wurde eine App benutzt, die nicht nur alle Aktivitäten auf dem Handy registriert, sondern auch zu selbst festgelegten Zeiten das Handy ausschaltet. Während drei Wochen wurde dabei die Smartphone-Nutzung von 141 Probanden erfasst. Während der letzten zwei Wochen wurde der Hälfte der Probanden täglich zwei einstündige Auszeiten auferlegt – eine tagsüber, die andere am Abend. Die Kontrollgruppe durfte ihr Smartphone wie gewohnt weiternutzen. Dabei wurden mit Hilfe von Fragebögen vor und nach der Intervention verschiedene psychologische Faktoren zu Wohlbefinden und Gesundheit erhoben.

Portrait Theda Radtke
Forscht an Auswirkungen von Mediennutzung auf unsere Gesundheit: Theda Radtke, Oberassistentin für angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie an der UZH (Bild: Frank Brüderli)

Entgegen den Erwartungen der Forscherin sorgte eine Auszeit nicht für eine Verbesserung des Wohlbefindens: Die Studienteilnehmer waren nicht weniger gestresst, konnten nicht besser schlafen und sich auch nicht besser von der Arbeit lösen. Im Gegenteil, einige Probanden berichteten, dass die Auszeit sie sogar gestresst habe, da die Sorge über verpasste Anrufe oder Nachrichten zu gross war. Zusätzlich verbrachten die Probanden mit der verordneten Smartphone-Auszeit auch nicht weniger Zeit am Gerät als die Kontrollgruppe. Als Grund dafür vermutet Radtke eine Überkompensation durch die Auszeit. «Unsere Intervention war somit nicht erfolgreich», bilanzierte Radtke. In einem nächsten Schritt gelte es nun zu untersuchen, ob eine längere Auszeit oder die Ausschaltung des Smartphones in den Abendstunden einen positiven Effekt hätten.

Bewusster Umgang mit digitalen Geräten

«Das Smartphone ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Dafür ist es bereits zu stark darin verankert», urteilte Radtke. Doch ist dies überhaupt so schlimm? «Vielleicht wird das Smartphone – wie früher auch das Auto – zu stark verteufelt. Wir sollten einen bewussten Umgang mit elektronischen Geräten erlernen – eine Digital Awareness», so Radtke. Dem Publikum gab sie dazu einige Tipps mit auf den Weg: keine Emails auf dem Smartphone lesen, das Schlafzimmer zu einer handyfreien Zone erklären, Push-Nachrichten ausschalten und das Smartphone, etwa beim Essen, bewusst auch mal weglegen. Zudem müsse man die Nutzung des Smartphones immer in einem sozialen Kontext betrachten. Im Büro das Handy auf sich zu tragen ist vielleicht in Ordnung, doch beim Familienausflug darf man ruhig auch mal nicht erreichbar sein. Denn schliesslich ist man den Kindern auch ein Vorbild.

Stefanie Maier ist wissenschaftliche Koordinatorin am Zürcher Zentrum für Integrative Humanphysiologie (ZIHP)

3 Leserkommentare

Daniel Obi schrieb am Erst ein erster Schritt - aber immerhin Der Ansatz von Frau Radtke und ihrem Team ist sicher sinnvoll, bedarf aber zweifellos weiterer Untersuchungen. Die permanente Erreichbarkeit (mit Verwischung von Arbeits- und Freizeit sowie Ablenkung bzw. Ruhestörung) ist definitiv ein potenzieller Stressfaktor. Nebst der Vereinnahmung ist der Fokus aber auch auf einen zweiten wesentlichen Faktor zu richten, die hochfrequente Strahlung. Dazu gibt es wissenschaftlich belastbare Hinweise, zwei ärztliche Leitlinien von kompetenten Fachstellen mit klaren Empfehlungen bei Vorliegen unspezifischer Stressbeschwerden sowie diverse Appelle von Ärzten und Wissenschaftlerinnen. So könnte auch differenziert werden, ob die ständige Erreichbarkeit oder die Strahlenbelastung den Menschen mehr stressen. Gemäss Ratgeber 14 des unabhängigen Gesundheitstipp sind bis zu 90 % der täglichen Belastung durch E-Smog (at work & home) unnötig und ohne relevante Veränderung der Lebensführung vermeidbar. Das ist doch bemerkenswert. Ist die Studie einsehbar?
Daniel Förderer schrieb am Vielfältige Anwendungen des Smartphones Das Smartphone wird auf so vielfältige Weise genutzt, dass es nicht hilft einfach die Stunden der Smartphonenutzung zu messen. Ich zB lese keine Papierbücher mehr, sondern nur noch eBooks auf meinem Smartphone. Und Bücherlesen wird wohl kaum plötzlich schädlich sein wenn ich es auf dem Smartphone mache. Ausserdem verbringe ich im Moment viel Zeit damit mit meinem Smartphone, um Französich zu lernen. Mit Hilfe der App duolingo. Ich habe dabei festgestellt, dass ich mich unwohl finde, wenn ich das Franzlernen übertreibe. Nun würde ich mich wahrscheinlich auch schlecht fühlen wenn ich das Franzlernen mit einer traditionellen Lernmethode übertreiben würde.
Tanja Meier schrieb am Zweifelhafter Ansatz Hallo Ich bin etwas enttäuscht von der Studie, und sie scheint mir zusätzlich noch ein falsches Signal zu senden. Mit dem Ansatz, das Handy einfach eine Stunde oder mehr auszuschalten, sind die Ergebnisse keineswegs überraschend. Was interessanter wäre (und m.E. aussagekräftiger) ist wie sich das Wohlbefinden ändert wenn der Umgang sich ändert & der Gebrauch bzw. Abhängigkeit reduziert wird > mehr in Richtung "Bewussten Umgang mit digitalen Geräten" Das bedürfte wohl einer längerer Studienzeit als 2 Wochen. Obwohl in diesem Artikel der Grund für den vermehrten Stress erwähnt wird, leiten solche Fazite die Allgmeine Bevölkerung doch eher in die Irre.

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