Medizin

Gezielt Leukämie behandeln

Nicole Bodmer kann mit Hilfe des individuellen genetischen Fingerabdrucks von Blutkrebszellen die passende Therapie für Kinder mit Leukämie bestimmen. Das hilft oft – aber nicht immer.

Thomas Gull und Roger Nickl

Nicole Bodmer
Nicole Bodmer
Durch gezielte Therapien überleben heute 80 bis 90 Prozent der Kinder mit Blutkrebs: Kinderärztin Nicole Bodmer mit einem jungen Leukämie-Patienten. (Bild: Marc Latzel)

 

Am Kinderspital Zürich behandelt die Ärztin Nicole Bodmer Kinder, die an Blutkrebs erkrankt sind. Die häufigste dieser Erkrankungen ist die Akute Lymphatische Leukämie (ALL). Bis vor rund 30 Jahren führte sie innerhalb weniger Wochen zum Tod der betrof-fenen Kinder und Jugendlichen. Heute überleben langfristig etwa 80 bis 90 Prozent der ALL-Patienten.

Erstaunlich ist, dass der Grossteil der erkrankten Kinder mit Medikamenten geheilt wird, die bereits seit den 1970er-Jahren verfügbar sind. «Das neuste Medikament, das wir bei der Routinebehandlung von Ersterkrankungen einsetzen, wurde 1983 zugelassen», sagt Oberärztin Bodmer. Dass heute viel weniger Kinder an Leukämie sterben, ist nicht irgendeinem besonders potenten pharmakologischen Produkt zu verdanken, sondern dem optimierten, auf das jeweilige Krankheitsbild abgestimmten Einsatz der verfügbaren Therapien. Möglich machen das neue Analysemethoden, die es erlauben, die Krebszellen ge-netisch und immunologisch genau zu charakterisie-ren und gezielt zu bekämpfen.

Die grosse Innovation, die heute vielen von Nicole Bodmers jungen Patientinnen und Patienten das Leben rettet, hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht in der Pharmakologie stattgefunden, sondern in der Biologie, insbesondere der Genetik, die erlaubt, die Subtypen von Leukämie viel präziser festzustellen. «In den 1970er-Jahren hat man die Risikogruppen für die Behandlung der Leukämie anhand der Anzahl der entarteten weissen Blutkörperchen bestimmt», erzählt Bodmer. «Heute weiss man: Es ist weniger relevant, wie viele entartete weisse Blutkörperchen vorhanden sind; viel wichtiger ist, mit welcher Art von Blutkrebs wir es zu tun haben.»

Fieber, Nasenbluten, Knochenschmerzen

Wenn ein Kind mit Verdacht auf Leukämie ins Kinderspital überwiesen wird, gibt eine Knochenmarkpunktion schnell Aufschluss darüber, ob es sich tatsächlich um Blutkrebs handelt. «Dann fangen wir sofort mit der Behandlung an», erklärt Bodmer. Je früher die Behandlung beginnt, desto rascher können die entarteten weissen Blutkörperchen, die die Blutbahnen verstopfen und Krankheitssymptome wie Fieber, Nasenbluten und Knochenschmerzen auslösen, reduziert werden. Innerhalb etwa einer Woche kennt man in der Regel den genetischen Fingerabdruck der Blutkrebszellen. Mit diesem Wissen kann dann ent-schieden werden, welche Therapie die erfolgversprechendste ist.

Bei rund 70 bis 80 Prozent der jugendlichen Patientinnen und Patienten werden die Heilungschancen als günstig eingestuft. Sie werden deshalb mit einer weniger intensiven Chemotherapie behandelt. Bereits nach zwei Wochen wird überprüft, wie gut sie darauf ansprechen. «Es gibt Kinder, bei denen bereits zu diesem Zeitpunkt fast keine Blutkrebszellen mehr nach-gewiesen werden können», sagt Nicole Bodmer. Sie haben eine Überlebenschance von 85 bis 90 Prozent. Bei ihnen wird jetzt in einer Studie überprüft, ob die Chemotherapie reduziert werden kann, um Nebenwirkungen und Folgeschäden möglichst gering zu halten. Weniger Glück haben etwa 20 Prozent der  jugendlichen Leukämiepatienten, die ein ungünstiges genetisches Profil der Erkrankung haben oder ungenügend auf die Chemotherapie ansprechen. Sie benötigen eine aufwändigere, intensivere Chemotherapie und manchmal auch eine Stammzellentransplantation. Diese Patienten haben nur noch eine Überlebenschance von etwa 50 Prozent. «Bei diesen Kindern kommen wir mit den herkömmlichen Medikamenten und Methoden nicht mehr weiter, wir brauchen neue Therapien», sagt Nicole Bodmer, die als Studienärztin die gesamtschweizerische Kinderleukämiestudie betreut.

Grosse Hoffnungen setzen Bodmer und ihre Kolleginnen und Kollegen am Kinderspital deshalb auf die Immuntherapie mit dem Antikörper Blinatumomab. «Wir werden die neue Therapie bei einem Teil der Kinder anstelle von zwei Zyklen Chemothe-rapie einsetzen», sagt die Ärztin. Der Antikörper stellt eine Verbindung her zwischen den T-Zellen (Immunzellen) des Körpers und den Tumorzellen. Mit Hilfe von Blinatumomab können die T-Zellen Tumorzellen erkennen, bei ihnen andocken und dann einen Gift-cocktail ausschütten, der die Krebszellen vernichtet.

Die Immuntherapie könnte zwei erwünschte Effekte kombinieren: Sie könnte eine neue, potentere Therapie sein für jene Hochrisikopatienten, die auf die Chemotherapie nicht gut oder gar nicht ansprechen, und gleichzeitig weniger schädlich sein. «Toll wäre, wenn wir die Überlebenschancen in der Hochrisikogruppe um 10 bis 15 Prozent erhöhen könnten», sagt die Kinderärztin. «Bisher haben wir Blinatumomab einige Male bei Rückfällen eingesetzt. Die Erfahrungen waren mehrheitlich positiv.»

Abgerichtete Killerzellen

Wenn gar nichts mehr hilft, kommt in einzelnen Fällen die CAR-T-Zelltherapie zum Einsatz, eine andere neue Form der Immuntherapie, die bisher in Zürich allerdings noch nicht durchgeführt werden kann. Bei der CAR-T-Zelltherapie werden T-Zellen aus dem Blut des Patienten entnommen und gentechnisch so verändert, dass sie so genannte chimäre Antigenrezeptoren (CAR) auf der Oberfläche bilden. Dank dieser Rezeptoren kann die T-Zelle Tumorzellen erkennen, bei ihnen andocken und sie vernichten. Wenn die so «abgericheten» T-Zellen zurück ins Blut gegeben werden, lösen sie deshalb eine körpereigene Immunreaktion aus. Bisher gibt es ein Medikament auf dem Markt für diese Therapie, Kymriah, hergestellt von Novartis. Die Behandlungskosten sind mit rund 500000 Franken jedoch sehr hoch. Bodmer hofft, dass die CAR-T-Zelltherapie künftig auch in Zürich angeboten werden kann.

Thomas Gull und Roger Nickl, Redaktoren UZH Magazin

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