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Von der Kunst, aus etwas Hässlichem etwas Schönes zu machen

Moulagen erleben eine Renaissance. Das Studium der wächsernen Nachbildungen erkrankter Körperteile ist sogar wieder Bestandteil der medizinischen Ausbildung an der Universität Zürich. Am Donnerstag fand im Moulagenmuseum die Vernissage zur neuen Sonderausstellung «Dreidimensionale Dokumente – Moulagen zeigen Tierversuche, Selbstversuche und klinische Forschung» statt, die ab 1. Oktober für das Publikum geöffnet ist.
Marita Fuchs

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Der historischen Monakow-Hörsaal bot eine ideale Umgebung für die Ausstellungseröffnung zu «Dreidimensionale Dokumente – Moulagen zeigen Tierversuche, Selbstversuche und klinische Forschung». Die steil aufragende Bestuhlung, die knarrenden Klappstühle und die fein gedrechselten Treppengeländer versetzten die Vernissage-Besucher in die Zeit, in der in Zürich die ersten Moulagen hergestellt wurden. Das war 1918. Im Laufe der Jahre wurden Moulagen zum festen Bestandteil der medizinischen Ausbildung. Vor allem dermatologische Krankheitsbilder konnten an den Objekten eingehend studiert werden. Durch die mit der Zeit immer bessere Darstellung von Krankheiten mit bildgebenden Medien verloren die Moulagen an Wertschätzung. Vor wenigen Jahrzehnten gab es gar Überlegungen, sie einzuschmelzen und das Wachs einer Wachsfabrik zur Verfügung zu stellen.

Moulagen wieder Bestandteil des Curriculums

Glücklicherweise ist es dazu nicht gekommen. Wie der Dermatologie-Professor Günter Burg ausführte, erleben die Moulagen eine Renaissance, weil sie Hautveränderungen an Patienten so lebensecht zeigen. Das Studium der dreidimensionalen Moulagen fördere die Kenntnis von Krankheiten, begründete Burg das neu erwachte Interesse. Deshalb seien sie im neuen Curriculum der Medizinischen Fakultät im Rahmen der Propädeutik wieder aufgenommen worden.

Wegen ihrer Anschaulichkeit sind die dreidimensionalen Wachsabdrücke im Studium wieder gefragt, wie der Dermatologie-Professor Günter Burg erläuterte.

Ausserdem, so Burg, seien die Moulagen der Zürcher Sammlung so gut fabriziert wie nirgends sonst auf der Welt. Die Herstellung sei die «hohe Kunst aus Hässlichem etwas Schönes zu machen». Das Verfahren bewahrten die Zürcher Moulagistinnen und Moulagisten denn auch jahrzehntelang als gut gehütetes Geheimnis. Zunächst wird von der erkrankten Körperpartie ein Gipsabdruck gemacht, der dann mit dem Wachs ausgegossen und bemalt wird.

Gründe für Selbstversuche

Nicht nur für die Lehre sind Moulagen von Relevanz, in der Forschung spielten sie eine wichtige Rolle. Das bezeugt eine grosse Anzahl von Darstellungen aussergewöhnlicher Befunde und Testergebnisse aus Klinik und Labor. In der Ausstellung sind unter anderem Moulagen zu sehen, die aufgrund von Selbstversuchen entstanden. Die Gründe, weshalb Mediziner sich selber zu Versuchskaninchen machen, erläuterte der Medizinhistoriker Professor Beat Rüttimann.

Professor Beat Rüttimann zeigte die Gründe auf, weshalb Mediziner sich selber als Versuchskaninchen benutzen.

Dazu gehöre beispielsweise die Selbstbehandlung aus der ein Selbstversuch werde. Oder die Notwendigkeit, etwas wissenschaftlich belegen zu wollen. Wie zum Beispiel im Fall von Max von Pettenkofer (1818-1901), der die grundlegende Lehre von der Hygiene entwickelte und besonderen Wert auf Boden, Grundwasser und Wohnverhältnisse legte. Er war der Meinung, dass Seuchen allein aufgrund der unhygienischen Lebensumstände ausbrechen würden. Damit stand er gegen Robert Koch, der auf die Erreger als eigentliche Quelle und Auslöser der Seuchen verwies.

Um Kochs Ansatz zurückzuweisen, wagte Pettenkofer 1892 ein lebensgefährliches Experiment: Er trank Wasser mit Cholerabakterien - und erkrankte nicht. Heute weiss man, dass er einfach Glück gehabt hat. Auch Bruno Bloch, erster Direktor der 1916 neu gegründeten Dermatologischen Klinik in Zürich experimentierte im Selbstversuch mit Primeln, wodurch er eine starke Allgergie an Armen und Händen auslöste. Er liess von seinem Arm eine Moulage erstellen, die in der Ausstellung zu sehen ist.

So sieht es aus, wenn man Primeln nicht verträgt: Moulagen des Selbstexperiments des Zürcher Mediziners Bruno Bloch.

Schicksale hinter den Wachsmoulagen

Im Gegensatz zu diesen bekannten Fällen sind die Patienten, nach denen Moulagen hergestellt wurden, meist unbekannt. In wenigen Fällen sind die Krankheitsgeschichten erhalten. Insbesondere dann, wenn Abbildungen von Moulagen zur Illustration in Fachzeitschriften und Handbüchern verwendet und die Patienten als Fallbeispiele aufgeführt wurden. Dank dieser Quellen könnten einzelne Krankengeschichten rekonstruiert und die Schicksale hinter den Wachsmoulagen dargelegt werden, erläuterte der Oberarzt und Konservator Dr. med. Michael Geiges. Insofern stellen die Moulagen über die medizinische Bedeutung hinaus auch historisch wertvolle Dokumente dar.

Nur in wenigen Fällen sind die Patientenschicksale hinter den Moulagen bekannt, wie Dr. med. Michael Geiges ausführte.