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Ökonomie

Gerechte Entscheide kalkulieren

Politische Entscheidungen schaffen oft Gewinner und Verlierer. Das lässt sich nicht immer vermeiden, doch können berechenbare und transparente Kriterien helfen, Ungerechtigkeiten zu minimieren, wie die Forschung der Ökonomin Maya Eden zeigt.
Barbara Simpson
Gleichgewicht gesucht: Vorhandene Mittel so zu verteilen, dass ethische Grundsätze erfüllt werden, ist auch Gegenstand komplexer mathematischer Modelle. (Bild: iStock/elenabs)

Während ihrer Zeit als Ökonomin bei der Weltbank berechnete Maya Eden regelmässig, welche wirtschaftlichen Folgen Entwicklungsprogramme haben. Das sollte helfen, die Vergabe von Krediten zu priorisieren. Bringt der Bau neuer Strassen ein spürbares Wachstum? Welche volkswirtschaftlichen Folgen hat es, wenn man in Bildungseinrichtungen investiert? Welche, wenn man Haushalte mit niedrigem Einkommen mit Direktzahlungen und Sozialleistungen unterstützt? Während der Erfolg von Infrastrukturprojekten mit Durchschnittswerten wie dem Pro-Kopf-Einkommen gemessen wird, sollen Massnahmen zur Armutsbekämpfung die Situation der Bedürftigsten verbessern und werfen somit eher einen «sozialen Gewinn» ab.

«Die Frage ist nun, ob man eher ins Wirtschaftswachstum investiert oder ob das Wohlbefinden der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft wichtiger ist», bringt Eden das Dilemma auf den Punkt. Zwar wusste sie von ihrem Mathematikstudium und ihrer Promotion in Wirtschaftswissenschaften, wie die ökonomischen Effekte bestimmter politischer Programme berechnet werden können, doch oftmals zielten die Fragen in eine andere Richtung. «Wenn man genau hinhört, geht es bei wirtschaftspolitischen Entscheiden oft um ethische Fragen.»

Ethik und Mathematik

Heute ist Eden Professorin für Wirtschaft an der Universität Zürich und entwickelt mathematische Formeln, um die Auswirkungen politischer Massnahmen zu berechnen und dabei zugleich ethische Prinzipien zu berücksichtigen. «Viele Ökonominnen und Ökonomen sind sehr daran interessiert, der Politik Empfehlungen zu geben», sagt sie.

Porträt von Maya Eden

Wir verlassen uns zu oft auf moralische Intuitionen, und die sind wie alle Intuitionen häufig trügerisch.

Maya Eden
Ökonomin

Gehe es aber um die normativen und ethischen Komponenten einer Wirtschaftsanalyse, so würden sie den Ball häufig an die Politik oder an Ethikgremien zurückspielen. Damit würden sich Ökonom:innen ihrer Verantwortung entziehen. Sich für ein höheres Durchschnittseinkommen einsetzen oder für Direkthilfe an Armutsbetroffene? Oft leitet das moralische Bauchgefühlt Entscheide in wirtschaftspolitischen Fragen. Das ist Maya Eden, die sich auf Wohlfahrtsökonomie spezialisiert hat, zu wenig. «Wir verlassen uns zu oft auf moralische Intuitionen, und die sind wie alle Intuitionen häufig trügerisch. Das geht besser – mit Hilfe der Mathematik.» Sie veranschaulicht dies mit einer simplen mathematischen Analogie: Man mag eine Intuition davon haben, wie viel eine bestimmte Multiplikation ergibt. Wenn man jedoch ein korrektes Ergebnis will, verlässt man sich nicht auf ein Gefühl, sondern rechnet nach.

Deshalb hat Maya Eden eine mathematische Formel für bessere, gerechtere Entscheidungen entwickelt. Diese liefert eine Art ethische Rangfolge von möglichen Massnahmen. Bilde man ethische Prinzipien mathematisch ab, so seien diese für Entscheidungsträger «besser verdaubar» als eine Abhandlung zum selben Thema. Zahlen suggerieren eben Objektivität.

Effizienz, Fairness, Vernunft

Eines dieser breit akzeptierten Prinzipien ist das Pareto-Kriterium: «Wenn es eine Option gibt, von der jeder Einzelne profitiert oder die ihn mindestens so gut stellt wie zuvor, dann sollte diese Option gewählt werden», erklärt Eden. Dies wäre eine politische Massnahme, bei der niemand auf Kosten anderer profitieren würde. Doch dieses Kriterium hilft nicht weiter, wenn es in einer Situation nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer gibt. Deshalb ergänzt sie eine weitere Bedingung: Gleichbehandlung oder Unparteilichkeit. «Angenommen, Ann hat 100 Franken und Bob hat 50 Franken. Diese Situation darf nicht als besser oder schlechter gewertet werden als die gegenteilige, wo Bob 100 und Ann 50 Franken hat.»

Die erste Bedingung berücksichtigt das Kriterium der Effizienz, die zweite das der Gerechtigkeit oder der Fairness. «Für sich genommen sind diese Bedingungen nicht sehr anspruchsvoll. Es gibt viele Optionen, die beide Bedingungen erfüllen könnten», sagt Eden. Interessanterweise ändert sich dies, sobald eine dritte Bedingung eingeführt wird, nämlich diejenige, dass Entscheidungen konsistent sein müssen: Wenn A gegenüber B vorzuziehen ist und B gegenüber C, dann darf eine Bewertung nicht plötzlich C über A stellen. «Das bedeutet, dass wir denselben Massstab konsequent auf alle Entscheidungsprobleme anwenden – beispielsweise könnten wir dort Kriterien für eine bessere Welt einspeisen», sagt Eden. Dies könnte etwa bedeuten, dass man sich für die Option entscheidet, die das höchste Pro-Kopf-Einkommen oder die geringste Ungleichheit garantiert, oder für eine Kombination aus beidem.

«Das sind zwar sehr allgemeine Annahmen», erklärt sie, «aber in Kombination erlauben sie weitreichende Schlussfolgerungen. In meiner Forschung möchte ich ausloten, wie weit wir mit gemeinsam geteilten ethischen Prinzipien kommen.» Selbst wenn das Ergebnis eine «leere Menge» ist, also keine der getesteten Massnahmen allen Prinzipien entspricht, sei dies für die Beratung hilfreich. Es zwingt dazu, sich bewusst damit auseinanderzusetzen, wie wir einzelne Prinzipien werten. Welche Option kommt den formulierten Anforderungen am nächsten? Und welches Prinzip wären wir bereit zu lockern – und weshalb?

Mindestlohn und Handelspolitik

Darin sieht Eden einen Weg zu einer ehrlicheren wirtschaftspolitischen Beratung. «Es geht dabei darum, alle Annahmen transparent zu machen», betont sie und fügt hinzu, «das bedeutet zuzugeben: Ich berücksichtige dies und das, aber nicht jenes, wenn ich diese Wirtschaftsanalyse durchführe. Man kann nicht so tun, als würde man alles berücksichtigen.» Dennoch berücksichtigt Edens Algorithmus viele Eventualitäten, die sonst mühsam nacheinander getestet werden müssten. Umstrittene und vielschichtige politische Themen wie Mindestlohn, Umverteilungssteuern oder Handelspolitik haben ein gemeinsames Grundmuster: Einige Menschen profitieren, andere tragen die Kosten. Entscheidungsträger müssen daher begründen, wie sie einen Interessenausgleich herstellen.

Der nächste Schritt wird sein, ihren Ansatz in komplexeren Bereichen zu erproben, wie etwa dem Klimawandel, der Migrationspolitik oder dem demografischen Wandel (siehe Kasten). Noch sei es nicht möglich, jedes beliebige Kriterium formal abzubilden. «Wenn politische Entscheidungsträger fragen, ob ich das Kriterium ‹Erhalt der Biodiversität› mit einberechnen kann, muss ich ehrlicherweise antworten: ‹Das geht noch nicht.› Es gibt viele bestehende, wichtige Werte, die von den derzeitigen Kriterien noch nicht angemessen erfasst werden.»

ERC Consolidator Grant: Wohlergehen fördern

Maya Edens nächstes Forschungsprojekt «Non-Utilitarian Perspectives on Population Policy» (NU-POPP), für das sie einen Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats erhalten hat, widmet sich einer komplexen politischen Herausforderung: Wie sollten Regierungen auf demografische Veränderungen reagieren, und was heisst das für die Bevölkerungspolitik?
Bisher gelten in der Bevölkerungsethik häufig nur die Anzahl der existierenden Menschen und die Qualität ihres Lebens als anzustrebender Wert. Demnach wäre es also besser, wenn es mehr Menschen gäbe, denen es im Durchschnitt gut geht. Doch viele Menschen begreifen den Sinn ihres Lebens nicht als «die Gesamtsumme des Wohlergehens», sondern durch ihre Rolle in der Familie, Gemeinschaften, Institutionen oder sozialen Bewegungen. Das Ziel dieses Projekts ist es, die politische Diskussion zu bereichern, indem entsprechende ethische Überlegungen in die wirtschaftliche Bewertung der Bevölkerungspolitik einbezogen werden.

In den Wirtschaftswissenschaften sind mathematische Modelle Alltag. Dass sich ethische Kriterien genauso formal ausdrücken lassen, ist bislang wenig etabliert. «Dennoch besteht ein allgemeines Interesse daran», sagt Eden. «Denn ethische Fragen tauchen immer wieder auf.» Viele Wohlfahrtsökonom:innen untersuchen, welche wirtschaftspolitischen Massnahmen eine bessere Welt schaffen können. Häufig streben sie dabei das grösstmögliche Glück für die grösstmögliche Anzahl an Menschen an – eine Wohlfahrtsmaximierung, die sich auch rechnerisch festhalten lässt.

«Es wird jedoch zunehmend anerkannt, dass dieses Kriterium nicht für alle Fragen geeignet ist», sagt Eden. Mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Wirtschaftswissenschaften, Ethik und Mathematik möchte sie dazu beitragen, die reine Nutzenrechnung zu überwinden, versteckte Wertannahmen sichtbar zu machen und ethische Fragen systematisch in die Wirtschaftsanalyse einzubinden.