Navigation auf uzh.ch

Suche

UZH News

Tuomas Sandholm, Ehrendoktor der UZH

Algorithmen, die Leben retten

Als Entrepreneur und Forscher an der Schnittstelle von Informatik und Spieltheorie hat Tuomas Sandholm nicht nur akademische Erfolge erzielt, sondern auch das Leben von Menschen verbessert. Sandholm erhielt am Dies academicus die Ehrendoktorwürde der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der UZH.
Julian Fuchs
Tuomas Sandholm
Spieltheoretiker Tuomas Sandholm entwickelte eine Plattform für Nierentransplantationen.

Tuomas Sandholm (48) ist ein Tausendsassa. Das CV des Professors für Informatik an der Carnegie Mellon University (USA) ist beeindruckend und 120 Seiten lang: Er hat Firmen gegründet, war Berater für Google und Yahoo, hat bereits über 450 wissenschaftliche Artikel publiziert und 19 Patente für seine Erfindungen erhalten. Parallel zu seiner wissenschaftlichen Karriere entwickelt Tuomas Sandholm seit über 25 Jahren optimierungsgestützte elektronische Märkte für den Einsatz in der Praxis. Begegnet man dem gross gewachsenen und jugendlich wirkenden Professor, mag man kaum glauben, was er bereits alles geleistet hat. Und sportlich ist er auch: Als Windsurfer nahm er an Wettkämpfen teil und er übt im Moment den Forward Flip, eine waghalsige Form des Loopings.

Spiel mit vielen Unbekannten

Spieltheoretiker Sandholm entwickelte Programme, die sich im Pokerspiel gegen einen Menschen behaupten können. Künstliche Intelligenz zu programmieren ist gerade im Fall des Pokerspiels besonders schwierig, weil der Computer nur die eigenen wenigen Karten sieht. Und er weiss nicht, ob der Gegner gerade blufft oder wirklich ein gutes Blatt hat.

Die von Sandholm entwickelte Software wurde im letzten Januar zum zweiten Mal in Folge zum Weltmeister in Computer-Poker gekürt. Im vergangenen Jahr organisierten Sandholm und sein Team ein Pokerturnier mit einem Preisgeld von 100‘000 Dollar, dass seine Software gegen vier der weltbesten Pokerspieler antreten liess. Der Computer unterlag zwar bei dreien der vier Profis und konnte nur ein Spiel für sich entscheiden, aber Sandholm hat die Software seither weiterentwickelt. «In ein bis zwei Jahren werden Computer in der Lage sein, Menschen auch im Poker zu schlagen», prognostiziert er.

Plattform für Nierentransplantationen entwickelt

Was am grünen Filz erfolgreich ist, kann auch in der Medizin funktionieren. Sandholm entwickelte 2010 eine Plattform für den Austausch von Spendernieren. Diese Plattform stellte er UNOS (United Network for Organ Sharing) zur Verfügung, einer Non-proftit-Organisation, die Organ-Transplantationen organisiert.

Gesunde Menschen haben zwei Nieren, können aber auch mit nur einer Niere leben. Daher sind häufig Freunde oder Familienmitglieder bereit, eine Niere für eine Transplantation zur Verfügung zu stellen. Das Problem: Nicht alle Spender-Nieren können beim Kranken implantiert werden. Verschiedene Blutgruppen, Gewebetypen und andere medizinische Faktoren können dazu führen, dass eine Transplantation nicht möglich ist. Familienmitglieder und Freunde sind zwar bereit, eine Niere zu spenden, aber möchten ihre Niere nur für den Betroffenen hergeben, nicht für jemand anderen.

An diesem Punkt kommt die von Sandholm entwickelte Plattform ins Spiel. Der Informatik-Professor erklärt: Angenommen Bob wäre bereit, Anna eine Niere zu spenden, die beiden sind aber nicht kompatibel, da sie verschiedene Blutgruppen haben. Dennis und Emma befinden sich in einer ähnlichen Situation. Es stellt sich nun heraus, dass Bob’s Niere bei Emma transplantiert werden könnte und Dennis seine Niere Anna geben könnte. Wenn die beiden Paare also die Nieren «tauschen», erhalten sie beide die Transplantationen, die sonst nicht möglich wären.

Sandholms Nieren-Plattform sammelt die Informationen all derjenigen, die nach kompatiblen «Tauschpartnern» suchen. 153 Transplantationszentren gibt es jetzt inzwischen in den USA, wo sich Betroffene anmelden können. Jede Woche wird dank der Algorithmen von Sandholm die maximale Anzahl an Paarungen gefunden. So sind es heute wöchentlich mehrere Nierentransplantationen, die dazu beitragen, dass die prekäre Lage auf dem Transplantationsmarkt etwas eingedämmt wird. In den USA ist die Warteliste für eine Transplantation über 90‘000 Einträge lang und jährlich kommen 34‘000 dazu.

Werbung gezielt an die Frau oder den Mann bringen

Das neueste Projekt des gebürtigen Finnen widmet sich der zielgenauen Distribution von Werbung. Seine Firma «Optimized Markets» versucht die Werbebranche zu revolutionieren. Indem Algorithmen entwickelt werden, die gezielt die Werbung so einsetzt, dass sie auch die angestrebten Endverbraucher erreicht. So sollen überflüssige Arbeitswege eliminiert werden. Verkauf und Terminplanung von Werbezeiten werden zusammen betrachtet. Somit werden effizientere Werbekampagnen möglich, die ihre Wirkung sowohl im Internet, Radio als auch im Fernsehen entfalten können.

Sandholm ist sehr erfolgreich darin, akademische Forschung in den Alltag zu bringen. Die Zahlen sprechen auch hier für sich: 1997 gründete er die Firma «CombineNet»; sie hatte 130 Angestellte, die in kombinatorischen Auktionen, vor allem für Transportunternehmen arbeiteten. Die Firma hatte einen Umsatz von 60 Milliarden Dollar und erzielte einen Effizienzgewinn von über 6 Milliarden Dollar. Sandholm verkaufte sie im Jahr 2010.

Ehrendoktor der UZH

Die Universität Zürich hat ein grosses Interesse an Forschungsthemen an der Schnittstelle von Informatik und Wirtschaft. Schweizweit ist sie die einzige Universität, in der die Informatik in der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät beheimatet ist. Das begünstigt interdisziplinäre Forschungsansätze, wie sie auch Sandholm pflegt.

Am vergangen Samstag erhielt Sandholm die Ehrendoktorwürde der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der UZH für seine Leistungen an der Schnittstelle von Informatik und Spieltheorie, insbesondere bezüglich des Designs elektronischer Märkte.

Sandholm selbst blickt bereits mit Vorfreude dem nächsten Ereignis entgegen: Im Juni reist er nach Moai, auf die Osterinseln, um dort am Meer seinen Forward Flip im Windsurfen zu perfektionieren.