Vom Reinraum auf den Markt
Es gibt kaum reinere Räume als diese hier. Fünf Boxen mit je einer Sicherheitswerkbank, Inkubatoren, Pumpen, einem Mikroskop. Zehn Quadratmeter, mehr nicht. Ununterbrochen strömt sterile Luft hinein. Rund 50-mal pro Stunde oder fast einmal pro Minute wird die gesamte Luft im Raum durch sterile Luft ausgetauscht. Wer in diesen Bereich will, muss durch mehrere Schleusen hindurch, gekleidet im Ganzkörperanzug, inklusive Handschuhe, Brille und Gesichtsschutz. Material wird desinfiziert und separat eingeschleust.
Das Prozedere ist nötig wegen Keimen und Mikroorganismen, von denen unser Körper und unsere Umwelt massenhaft besiedelt ist. Partikel und Keime können Proben verunreinigen, Studienergebnisse verfälschen und Patienten gefährden – der Worst Case in der Zell- und Gentherapieforschung, wie sie hier betrieben wird. Damit das nicht passiert, sind in der ganzen Anlage 100 Sensoren zur Überwachung installiert. Sie messen ununterbrochen Parameter wie Luftdruck, Feuchte, Partikel oder CO2-Gehalt in den Inkubatoren.
Insgesamt fünf solche sterilen Arbeitsboxen befinden sich im Gebäude der Technologieplattform Regenerative Medizin (RMTP) am Fuss des Zürichbergs. Nicht nur Forschende, sondern auch Reinigungskräfte oder Techniker, die den Raum betreten, müssen geschult und qualifiziert werden. «Die Anforderungen an die Hygiene sind hier grösser als im Operationssaal eines Spitals», sagt Martin Kayser. Er ist CTO bei Wyss Zurich und damit für die Anlage und das Qualitätsmanagement verantwortlich.
Vorschriften gibt es nicht nur bei der Hygiene. Auch muss jeder Schritt dokumentiert werden, und zwar bereits im Voraus. Abweichungen müssen aufgeschrieben und die Ursache möglichst erklärt werden können. Der Ablauf ist durch die Regulierungsbehörde Swissmedic geregelt. «Das in der Forschung verbreitete Trial-and Error-Prinzip geht hier nicht», sagt Kayser. «Nur wenige Branchen kennen ein solch strenges Qualitätsmanagement.» Dass das alles sehr aufwändig und teuer ist, versteht sich von selbst.
Einzigartig in der Schweiz
Die zertifizierten Reinräume sind im akademischen Umfeld eine Einzigartigkeit. In der Schweiz gibt es keine vergleichbaren Einrichtungen, international nur sehr wenige. In der Regel verfügen nur Pharma- oder Biotechnologiefirmen über diese Infrastruktur. Möglich ist das an Zürcher Hochschulen nur, weil Wyss Zurich für Betrieb und Unterhalt aufkommt. Die gemeinsame Institution von UZH und ETH hat sich die Translation von Grundlagenforschung in therapeutischen Nutzen auf die Fahne geschrieben (siehe Kasten). Die Hightech-Labors sind dabei ein wichtiger Puzzlestein.
Wyss Zurich – aus innovativer Forschung Produkte machen
Denn der Weg von der wissenschaftlichen Idee bis zum Produkt auf dem Markt ist in dieser Branche lang. Damit Investoren das Risiko eingehen und viel Geld in ein Biotechnologie- oder Medizintechnik-Startup einschiessen, wollen sie erste verlässliche Daten aus vorklinischen und frühen klinischen Studien sehen. Und dafür wiederum braucht es die zertifizierten Reinraum-Labors an der Moussonstrasse.
«Tal des Todes» überwinden
Es ist diese frühe Phase der Produktentwicklung, in der Wyss Zurich einspringt. «Valley of Death» (Todestal) wird sie auch genannt – eine Anspielung darauf, dass in dieser Phase zahlreiche vielversprechende Ideen aus der Wissenschaft sterben. Denn in den Jahren nach der Firmengründung muss die Therapie weiterentwickelt werden, während gleichzeitig massenhaft Anforderungen regulatorischer Art und solche aus der Finanzwelt auf die Startups zukommen. Dies ist für viele Forschende nicht zu stemmen. Erstens, weil sie sich mit Regulierungen und Businessplänen schlicht nicht auskennen. Und zweitens, weil ihnen das Kapital fehlt, um darin geschultes Personal anzustellen.
An diesem Punkt springt die Wyss Zurich Foundation ein – die von Hansjörg Wyss vor zehn Jahren gegründete Stiftung fördert gezielt Projekte, unterstützt sie finanziell und coacht die Gründerinnen und Gründer – bis diese idealerweise an einen Punkt gelangen, ab dem ihr Business für private Investoren interessant ist.
«Klassische Risikokapitalgeber haben einen Zeithorizont von drei bis fünf Jahren. Sie investieren, wenn absehbar ist, dass in einem bis zwei Jahren klinische Studien durchgeführt werden können», sagt Andrin Oswald, CEO von Somagenetix. Das UZH-Spin-off wird seit 2019 durch Wyss Zurich unterstützt und hat in einem der Reinräume an der Moussonstrasse eine Gentherapie zur chronischen Granulomatose weiterentwickelt. Dabei handelt es sich um eine seltene angeborene Immunkrankheit.
Im Herbst 2024 hat das Startup das «Tal des Todes» überwunden: Es erhielt von privaten Geldgebern zehn Millionen Franken. Die geplante klinische Studie ist zurzeit bei Swissmedic in Prüfung. Ab Herbst soll die Therapie an ersten Patienten getestet werden.
Spezifisches Know-how und Kapital
Somagenetix sei es in der frühen Phase nicht anders gegangen als anderen universitären Spin-offs, sagt Oswald. «Um die Richtlinien einer Good Manufacturing Practice einzuhalten oder um einen Businessplan zu erstellen, braucht es spezifisches Know-how sowie Kapital in Millionenhöhe. Das übersteigt die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Welt.» Bei Somagenetix dauerte es knapp fünf Jahre von der Firmengründung bis zum Punkt, ab dem Studien an Tiermodellen durchgeführt wurden und ein Businessplan erstellt war – was das Startup für Investoren attraktiv machte.
Ohne die Förderung der Firma durch Wyss Zurich wäre auch Oswald selbst kaum je zu Somagenetix gestossen, wie er erzählt. Seit vielen Jahren arbeitete er in Führungspositionen in der Pharmabranche, unter anderem bei Novartis und GlaxoSmithKline, als ihn 2022 die Somagenetix-Gründer rund um die UZH-Professorin Janine Reichenbach anfragten. Oswald brachte jene Kompetenzen aus der Finanzwelt und der Industrie mit, die den Gründern aus der Akademie fehlten. «Das Wyss-Label war für mich neben Gesprächen mit dem Gründerteam ein entscheidender Faktor, dass ich zusagte», erinnert sich Oswald.
Künstliche Herzklappen, neue Haut
Nach zehn Jahren Förderung zeigen sich nun die Früchte der Investitionen durch die Stiftung. Neben Somagenetix gibt es weitere Erfolgsgeschichten: beispielsweise jene der Firma Cutiss, deren Produkt „denovoSkin“ – ein biotechnologisch hergestelltes Hautgewebe – zur Behandlung schwerer Verbrennungen bei Kindern und Erwachsenen sowie in der rekonstruktiven Hautchirurgie eingesetzt wird. Das Gewebe wird aus den eigenen Zellen der Patienten hergestellt. Bis 2022 wurde das Unternehmen von Wyss Zürich unterstützt, insbesondere durch den Zugang zu Reinraum-Labors. Inzwischen hat es mehrere erfolgreiche Finanzierungsrunden absolviert und einen eigenen Reinraum in Schlieren eingerichtet. Cutiss arbeitet derzeit mit Tecan zusammen, um seine Herstellungsprozesse zu automatisieren und zu industrialisieren.
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Unsere Biomimetikforschung zeigt, wie komplexe Innovationen funktionieren: Es geht zwei Schritte vor und oft auch einen zurück.
In die klinische Phase kommt demnächst auch LifeMatrix. Das Startup stellt Herzklappen, Blutgefässe und weitere Implantate für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen her, die im Körper von Patient:innen mitwachsen – was etwa bei Kindern mit angeborenem Herzfehler ein enormer Gewinn ist. Das Gewebe wird dabei auf der Basis von humanen Spenderzellen im Labor hergestellt.
Einer der Gründer von LifeMatrix ist Simon Hoerstrup, Professor am Institut für Regenerative Medizin der Universität Zürich sowie Gründer und Co-Direktor von Wyss Zurich. «Unsere Biomimetikforschung zeigt, wie komplexe Innovationen funktionieren: Es geht zwei Schritte vor und oft auch einen zurück», erklärt Hoerstrup.
Zu Beginn sei es ihnen zwar relativ schnell gelungen, mitwachsende Herzklappen und Blutgefässe im Labor herzustellen, die man einem Kind hätte implantieren können. «Wir standen aber vor grossen logistischen Problemen, da die Operationen auf den Tag genau geplant werden müssen. Denn die im Labor hergestellten, lebenden Implantate waren, ähnlich wie bei einer Organtransplantation, nicht über einen längeren Zeitraum haltbar.»
Was aber, wenn das Kind am geplanten Operationstag Fieber oder eine andere Komplikation hat? «Wir hätten jeweils eine Reihe von Implantaten quasi als Reserve für die entsprechenden Folgezeitpunkte herstellen müssen. Es war somit klar, dass unsere damalige Technologie für eine breite Anwendung wegen der komplexen Logistik und hoher Kosten nicht funktioniert hätte.»
Brücken zur Akademie bewahren
Nun, sechs Jahre später, hat das Team in Zusammenarbeit mit den Experten der Regenerativen-Medizin- Plattform die Technologie weiterentwickelt, mit der es Implantate herstellen kann, die problemlos ein halbes Jahr oder länger im Spital gelagert werden können. Ein solches Vor und Zurück sei bei komplexen Innovationen völlig normal. «Ein Risikokapitalgeber wäre aber kaum dazu bereit gewesen, diese zusätzlichen Jahre zu finanzieren», sagt Hoerstrup. Dafür brauchte es Wyss Zurich.
Startups, die früh von privaten Investoren gefördert werden, würden sich häufig zu sehr auf ein Produkt fokussieren und dabei die Brücken zur Akademie unnötig früh abbrechen, sagt Hoerstrup. Dies verunmögliche es oft, neue Erkenntnisse und Entwicklungsfortschritte frühzeitig zu implementieren und die Technologie zu verbessern. «Ökonomische Interessen und die Entwicklung werden gerade bei komplexen Biotechnologien in dieser Situation zu früh miteinander verbunden.» Dank der Unterstützung durch Wyss Zurich könnten Startups diese schwierige Phase durchstehen, ohne dabei die Weiterentwicklung des Konzepts aus den Augen zu verlieren.
Damit auch in Zukunft Startups von der Förderung profitieren, hofft Hoerstrup auf eine weitere Donation von Hansjörg Wyss. Parallel verfolge man aber auch andere Wege, um Wyss Zurich langfristig finanziell abzusichern.
Das Konzept von Wyss Zurich ist auch für andere Mäzene potenziell interessant. Zum Teil könnte sich die Stiftung auch durch namhafte Rückflüsse von Firmen finanzieren, die den Schritt in die Industrie geschafft haben. Schliesslich bleiben die Patente für die Technologien der Startups im Besitz der Hochschulen. Ausserdem besitzen die Universitäten Firmenanteile in Form von Aktien und werden mit Lizenzgebühren an den Gewinnen beteiligt. «Diese Rückflüsse gehen an die Universität und an Wyss Zurich und stehen damit für die Finanzierung von Innovationen aus unserer universitären Forschung zur Verfügung», sagt Hoerstrup.
Dass diese Einnahmen die Dimension der Spenden von Hansjörg Wyss annehmen, sei derzeit jedoch unrealistisch. «Das wäre nur möglich, wenn aus den Wyss-Projekten einmal eine Blockbuster-Company hervorgeht, die beispielsweise ein Alzheimer-Medikament entwickelt», so Hoerstrup. Ziel sei darum eher, dass Rückflüsse die Stiftung zum Teil finanzieren.