Gesundheit für Mensch, Tier und den Planeten
Als der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac 2002 am Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg sprach, begann er mit einer eindringlichen Warnung: «Unser Haus brennt, und wir schauen weg.» Fast zwei Jahrzehnte später griff die Klimaaktivistin Greta Thunberg dieselbe Metapher auf, als sie politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger in Davos dazu aufforderte, «so zu handeln, als würde das Haus brennen – denn das tut es».
Die diesjährigen Trialogue Days nahmen die Metapher unseres Planeten als gemeinsames Zuhause ganz wörtlich. Unter dem Motto «Planetary health begins at home» untersuchten mehr als 120 Forschende, Ärzte, Stadtplaner und Politikexperten aus Indien, Uganda und der Schweiz, wie sich Klimawandel und Umweltzerstörung auf die Gesundheit in verschiedenen Bereichen unseres Zuhauses auswirken – vom Schlafzimmer und der Küche bis zum Büro und Garten – ebenso wie in Wäldern, Feuchtgebieten und anderen natürlichen Lebensräumen.
Das Konzept der planetaren Gesundheit knüpft an den One-Health-Ansatz an, wonach die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt eng miteinander verbunden ist. Es erweitert den Blick jedoch auf die planetaren Systeme, von denen sie alle abhängen. Angesichts der zunehmend spürbaren Folgen des Klimawandels ging es deshalb nicht nur darum, diese Zusammenhänge besser zu verstehen, sondern auch um die Frage, wie Gesellschaften konkret darauf reagieren können.
Trialogue Days 2026
Die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung brachte Anfang September an der Zürcher Hochschule der Künste Teilnehmende aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik aus Indien, Uganda und der Schweiz zusammen. Organisiert wurde sie von der Universität Zürich (UZH), der Makerere University in Uganda, dem Indian Institute of Science (IISc) in Bengaluru und Swissnex in India.
Während fünf Tagen verglichen die Teilnehmenden unter dem Motto «Planetary Health from Different Perspectives: It’s Our Move!» unterschiedliche Ansätze, identifizierten gemeinsame Fragestellungen und knüpften neue Kontakte. Workshops und offene Networking-Sessions boten Raum, um mögliche Forschungskooperationen auszuloten und erste gemeinsame Projektanträge zu entwickeln.
Planetare Gesundheit braucht viele Perspektiven
In ihren Keynotes näherten sich die Ökonomin Esther Duflo, die Expertin für globale Gesundheit Ilona Kickbusch und die Wildtierärztin Gladys Kalema-Zikusoka der Frage aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Duflo, Nobelpreisträgerin und neu ernannte UZH-Professorin, konzentrierte sich auf Klimagerechtigkeit und die Rolle von Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen für die künftige Entwicklung der globalen Emissionen. Diese Länder werden sich weiterentwickeln – und Entwicklung braucht zwangsläufig Energie und Infrastruktur. Duflo plädierte für einen «Climate Grand Bargain», der sowohl der ungleichen Verantwortung für den Klimawandel als auch den Belastungen Rechnung trägt, denen ärmere Länder bei der Bewältigung seiner Folgen ausgesetzt sind.
Kickbusch weitete die Perspektive noch einmal. Globale Gesundheit, so argumentierte sie, lasse sich nicht von politischer Macht, Aussenpolitik und internationalen politischen Strukturen trennen. Auch die alte Zweiteilung in Industrie- und Entwicklungsländer werde der heutigen Welt nicht mehr gerecht. Klimawandel, Pandemien und technologischer Wandel überschreiten nationale und wirtschaftliche Kategorien – und erfordern Formen der Zusammenarbeit, die dies ebenfalls tun.
Die Workshops übertrugen diese übergeordneten Fragen auf den Alltag. Eine Breakout-Session zum Schlafzimmer etwa spannte den Bogen von gesundem Schlaf und psychischer Gesundheit bis hin zu traditionellen Bauweisen für hitzeangepasstes Wohnen und Massnahmen zum Schutz vor Stechmücken, deren Verbreitungsgebiet sich zunehmend ausweitet. Diese Gegenüberstellung unterschiedlicher fachlicher Perspektiven war charakteristisch für die Trialogue Days: Vertreter aus Medizin, Architektur, Ökologie, Wirtschaft und Politik kamen in einer offenen Atmosphäre zusammen, um gemeinsam nach Lösungsansätzen zu suchen.
Wie ein vernetzter Ansatz in Uganda Früchte trägt
Kaum ein Beispiel zeigte das Potenzial eines solchen Ansatzes so eindrücklich wie die Arbeit von Gladys Kalema-Zikusoka, einer renommierten Wildtierärztin und Gründerin der NGO Conservation Through Public Health (CTPH) in Uganda. Bei ihrer Arbeit im Bwindi Impenetrable National Park im Südwesten Ugandas stellte Kalema-Zikusoka fest, dass sich Berggorillas bei Menschen aus den umliegenden Gemeinden mit Krankheiten wie Krätze ansteckten. Gleichzeitig drangen die Tiere auf der Suche nach Nahrung in die Gärten der Dörfer ein, wodurch Menschen und Wildtiere immer enger miteinander in Kontakt kamen. «Sehr bald wurde mir klar, dass man die Gorillas nicht schützen kann, ohne gleichzeitig die Menschen in ihrer Nachbarschaft zu schützen», erzählte sie in ihrer Keynote. Ihre ursprünglich veterinärmedizinische Aufgabe im Artenschutz erwies sich damit als untrennbar mit der Gesundheit der Menschen, ihren Lebensgrundlagen und dem umliegenden Ökosystem verbunden.
Als Reaktion darauf gründete Kalema-Zikusoka CTPH, um gemeinsam mit den Gemeinden rund um den Lebensraum der Gorillas Lösungen zu entwickeln. Die NGO verbindet Massnahmen für einen besseren Zugang zu Gesundheitsversorgung und -aufklärung mit Tiergesundheit und dem Management von Konflikten zwischen Menschen und Gorillas. Dorfbewohner werden darin geschult, vor Ort Gesundheits- und Naturschutzaufgaben zu übernehmen; Tourist tragen Masken, um das Risiko einer Übertragung von Infektionen auf die Gorillas zu verringern. Auch der Wald selbst ist Teil dieses vernetzten Systems. Neben seiner Funktion als Lebensraum der Gorillas ist Bwindi ein wichtiges Wassereinzugsgebiet. Der Schutz von Wildtieren, menschlicher Gesundheit und Ökosystem lässt sich deshalb nicht getrennt voneinander denken.
Kalema-Zikusokas Arbeit machte zugleich ein Prinzip deutlich, das während der Trialogue Days immer wieder zur Sprache kam: Lösungen funktionieren besser, wenn sie in den lokalen Gegebenheiten verankert und gemeinsam mit den betroffenen Menschen entwickelt werden. In Bwindi halfen die Bewohner der umliegenden Dörfer dabei, Probleme zu benennen und Lösungsansätze mitzugestalten. Auch andere Teilnehmende berichteten aus ihren Forschungsprojekten, wie wertvoll lokales und indigenes Wissen für die Entwicklung von Lösungen ist, die an die jeweiligen sozialen, kulturellen und ökologischen Bedingungen angepasst sind.
Interview mit Ugandas Gesundheitsminister: «Wir müssen diese gemeinschaftliche Denkweise annehmen»
Ugandas Staatsminister für Gesundheit, Charles Ayume, brachte eine politische Perspektive aus dem Globalen Süden in die Trialogue Days ein. Im Interview spricht er über die Herausforderungen der planetaren Gesundheit in Uganda, den Wert des Austauschs über Kontinente hinweg und das Potenzial für künftige Zusammenarbeit.
Interview: Martin Boyer
Welches sind die konkreten Herausforderungen der planetaren Gesundheit für eine afrikanische Nation wie Uganda?
Charles Ayume: Wir haben uns mit Herausforderungen in Europa und Nordamerika befasst. Auch wenn wir sie nicht alle direkt erleben, spüren wir die Auswirkungen. Nehmen wir CO2-Emissionen und die globale Erwärmung: Der CO2-Fussabdruck ist im Globalen Norden deutlich höher, doch die Länder mit dem geringsten Fussabdruck tragen die Hauptlast der Folgen.
Innerhalb unserer eigenen Grenzen stehen wir vor Herausforderungen im Zusammenhang mit Gesetzgebung und fragmentierten Märkten. Wir neigen dazu, innerhalb kleiner nationaler Grenzen zu planen statt auf regionaler Ebene. Wenn wir essenzielle Medikamente und Antibiotika herstellen wollen, wie kann das wirtschaftlich tragfähig sein? Um ausländische Direktinvestitionen anzuziehen, brauchen wir Regionalisierung und grössere, vereinheitlichte Märkte. Covid-19 hat das auf dem gesamten afrikanischen Kontinent überaus deutlich gemacht: Wir müssen zusammenarbeiten.
Vor Kurzem hat Uganda einen Ebola-Ausbruch überwunden und wurde von der WHO für Ebola-frei erklärt. Aber wir haben uns nicht zurückgelehnt und Champagner geöffnet. Im Geiste des Panafrikanismus und guter Nachbarschaft reisten ugandische medizinische Teams auf Einladung der kongolesischen Regierung in die DR Kongo, um die dortigen Ebola-Behandlungszentren zu unterstützen. Diese gemeinschaftliche Denkweise müssen wir übernehmen – nicht nur für die globale Gesundheitssicherheit, sondern für die planetare Gesundheit insgesamt.
Wie wichtig ist der Austausch mit Partnern aus unterschiedlichen beruflichen, kulturellen und historischen Kontexten, die dieselben Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten?
Charles Ayume: Er ist von entscheidender Bedeutung. Wenn man verschiedenen Perspektiven zuhört, erkennt man sowohl unsere Gegensätze als auch unsere Gemeinsamkeiten.
In Uganda gilt es oft als Statussymbol, mit einem eigenen Fahrzeug zu einem Büro oder Meeting zu erscheinen. Hier in der Schweiz sind wir zu Fuss zum Veranstaltungsort gegangen, umgeben von einer lebendigen Velokultur. In vielerlei Hinsicht kehrt Europa zu Praktiken zurück, die Uganda vor Jahrzehnten bereits hatte: In den 1960er-Jahren gab es auf ugandischen Strassen nur sehr wenige Autos, und die Menschen fuhren überwiegend Velo, während sich der Westen rasant motorisierte. Nun kehrt sich diese Dynamik um.
Auf kultureller Ebene teilen wir dieselben grundlegenden Bestrebungen, auch wenn sich unsere Praktiken unterscheiden. Der Dialog erlaubt es uns, diese kulturellen Dynamiken gemeinsam anzugehen.
Schliesslich müssen globale Partnerschaften Fragen der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit berücksichtigen. Massnahmen in Afrika dürfen keine Fünfjahresprogramme sein, die Gemeinschaften anschliessend im Stich lassen und Menschen zurück in Armut und Umweltzerstörung drängen.
Mit Blick auf die kommenden Trialogue Days 2028 in Kampala: Wo sehen Sie das grösste Potenzial für gemeinsame Projekte zwischen Bangalore, Kampala und Zürich?
Charles Ayume: Forschung ist unsere grösste Chance. Uganda liegt direkt am Äquator und bietet damit ein reiches ökologisches Umfeld, in dem menschliches und pflanzliches Leben gedeiht – aber auch Krankheitserreger. In Uganda und unserer unmittelbaren Region wurden zahlreiche virale und infektiöse Erreger erstmals isoliert, darunter das Zika-Virus, das West-Nil-Virus, das Buruli-Ulkus und das O'nyong'nyong-Virus. Ebola ist nach wie vor vor unserer Haustür präsent, und Malaria ist endemisch.
Das bietet eine ausgezeichnete Grundlage für gemeinsame akademische und klinische Forschung mit Institutionen in Zürich und Bangalore. Über die Humanmedizin hinaus spielen auch unsere Tierwelt und Nationalparks eine zentrale Rolle. Man kann planetare Gesundheit nicht angehen, ohne die tierische und ökologische Gesundheit mitzudenken. Wenn Kampala 2028 die Trialogue Days ausrichtet, möchten wir Gesundheit in «3D» angehen: menschliche Gesundheit, tierische Gesundheit und pflanzliche Gesundheit.
Die Delegierten werden sich nicht nur an konzeptionellen Debatten beteiligen; wir werden sie auch ins Feld mitnehmen, damit sie sowohl die unmittelbaren Auswirkungen des Umweltdrucks als auch die Wiederherstellungsinitiativen, mit denen Uganda Klima- und Umweltrisiken entgegenwirkt, aus erster Hand erleben können.
Lesen Sie das Interview in voller Längeauf der Webseite der Medizinischen Fakultät
Vom Austausch zur Zusammenarbeit
Auch die Trialogue Days selbst waren von diesem Prinzip geprägt: unterschiedliche Wissensformen zusammenzubringen, um gemeinsam umsetzbare Lösungen zu entwickeln. Die Veranstaltung ging aus einer früheren Zusammenarbeit zwischen Uganda und der Schweiz im Bereich Infektionskrankheiten und Tuberkuloseforschung hervor. Diese Vorgeschichte erklärt, weshalb es bei den Trialogue Days nicht nur darum geht, abgeschlossene Forschungsarbeiten zu präsentieren, sondern auch darum, Raum für neue Projekte zu schaffen.
In der Diskussion im Anschluss an ihre Keynote betonte Ilona Kickbusch, dass sich die globalen Herausforderungen derzeit grundlegend verändern und es Vorstellungskraft brauche, um darauf reagieren zu können. Dafür wollten die Trialogue Days Raum schaffen – damit aus Begegnungen zwischen Menschen, die sonst vielleicht nie zusammenarbeiten würden, neue Ideen entstehen können. Wie Mitorganisator und UZH-Immunologe Jan Fehr es ausdrückte, sollen diese Ideen in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten «weiter fermentieren» und wachsen.