Der Seelendoktor
Mit der Tochter an der Hand kommt Celestin Mutuyimana nach Hause, es ist Freitagnachmittag und die letzten Sonnenstrahlen des Tages scheinen auf die alte Mehrfamilienhaussiedlung. In Zürich-Schwamendingen hat die Familie aus Ruanda eine neue Heimat gefunden, eine einfache Dreizimmerwohnung mit kleinem Balkon, auf dem es dank der nahen Lärmschutzwand ruhig ist. Kaum ist er über die Türschwelle, fragt Mutuyimana auf Englisch: «Wollen wir zuerst etwas essen?» Seine Frau Claudette hat etwas vorbereitet. «Ah, okay, zuerst die Arbeit, ich verstehe. Wir sind ja in der Schweiz», sagt er und lacht. Die jüngere Tochter setzt sich derweil bereits einmal an den Esstisch.
Seit zwei Jahren lebt Mutuyimana gemeinsam mit seiner Familie hier am Stadtrand von Zürich. Der 38-Jährige aus Ruanda kam bereits 2020 mit einem Excellence Scholarship nach Zürich, damals noch allein. Sein Stipendiumsjahr begann ausgerechnet während der Corona-Pandemie. «Es war hart. Ich reiste erstmals ausserhalb von Afrika. Es fühlte sich an, als müsste ich noch einmal lernen zu leben – wie ein Kind», erinnert er sich an die Zeit, nachdem er in einem beinahe leeren Airbus am Flughafen Zürich gelandet war.
Stummes Leiden
Als Mutuyimana am Psychologischen Institut der UZH und am Collegium Helveticum schliesslich eine Stelle als Postdoktorand antreten konnte, kam die Familie nach. Heute gefalle es allen in Zürich sehr gut, sagt er. Die Kinder, heute sieben und fünf Jahre alt, gehen zur Schule und in den Kindergarten. Und seine Frau schätze, dass sie sich auf der Strasse sicher fühlt – etwas, das für Menschen aus Ruanda nicht selbstverständlich ist.
Denn der Genozid, der sich 1994 im ostafrikanischen Land ereignete und dem schätzungsweise 800'000 Angehörige der Tutsi zum Opfer fielen, hat bei vielen seelische Wunden hinterlassen – so auch bei ihm und seiner Frau, die damals beide noch Kinder waren. Sein Vater starb in dem Konflikt, seine Mutter, als er noch zur Schule ging. Mutuyimana sagt: «Ich würde sagen, ich habe mich selbst geheilt. Nun möchte ich anderen bei der Heilung helfen.» Er denkt etwas nach und ergänzt: «Ich will ein Katalysator des Wandels sein. Und nicht ein Sklave der Geschichte.»
Mutuyimana arbeitete in Ruanda während und nach seinem Studium zwölf Jahre als Psychotherapeut. Nun beschäftigt er sich in seinem Postdoktorat hauptsächlich mit historischen Traumata. Sein Heimatland ist einer seiner Forschungsschwerpunkte. «Ich traf so viele Menschen, die unter Traumata litten. Doch niemand sprach darüber, und niemand tat etwas», sagt er.
Keine Schwäche zeigen
Mutuyimanas Forschung baut auf einem Grundgedanken auf: Traumata unterscheiden sich je nach Kultur. Neben individuellen Symptomen sind auch sogenannte «kulturelle Skripte» von Trauma relevant, wie es die Wissenschaft nennt – also gesellschaftlich und kulturell geprägte Muster des Erlebens, Sprechens und Heilens von Traumata.
Dazu forscht Mutuyimana auch in anderen Ländern, so etwa in der Ukraine, in Afghanistan, China, Georgien und weiteren Ländern in Ostafrika: Kenia, Uganda, Tansania. Was viele von kollektiven Traumata betroffene Länder auszeichnet: Darüber zu sprechen, ist tabu. «In vielen Kulturen gilt es, stark zu sein und keine Schwäche zu zeigen», sagt der Psychologe. In der Ukraine gebe es dafür sogar einen eigenen Begriff: «Kozak». Und in Georgien besagt eine Redensart, dass der Feind das eigene Leiden nicht kennen sollte.
Historische Traumata zeichnen sich dadurch aus, dass sie über Generationen hinweg in der Gesellschaft verankert bleiben. Jeder fünfte junge Mensch in Ruanda, der nach dem Genozid geboren ist, leide unter posttraumatischen Belastungsstörungen, sagt Mutuyimana. «Das heisst, dass Eltern oder das Umfeld das Trauma den Kindern unbewusst weitergeben», sagt der Forscher. Traumata sind also vererbbar – und bleiben bestehen, weil sie tabuisiert werden – ein Teufelskreis.
Auch Resilienz ist vererbbar
Mutuyimana hat aber auch eine gute Nachricht, und es ist ihm wichtig, diese unter die Leute zu bringen. Zuletzt äusserte er sich in einem Video-Podcast dazu. Der Host, ein ruandischer Journalist, wählte als Titel für die Folge «The Mind Doctor», also «Der Seelendoktor». Über zwei Stunden lang spricht er mit seinem Gegenüber über die Gründe, warum viele Menschen in Ruanda auch dreissig Jahre nach dem Bürgerkrieg noch unter den Folgen leiden. «Manche Frauen weinen auf dem Motorrad auf dem Weg zur Arbeit», sagt er einmal. «Sie können nicht darüber reden. Aber immerhin können sie weinen. Das entlastet.»
Gegen Ende des Gesprächs wird der Psychologe dann hoffnungsvoll: «Das Gute ist: Ich habe herausgefunden, dass nicht nur Traumata vererbbar sind. Sondern auch Resilienz.» In einer Untersuchung mit Müttern und ihren Töchtern konnte er zeigen, dass widerstandsfähigere Mütter auch widerstandsfähigere Töchter hatten. Aber nicht nur das: Die Resilienz der Töchter hatte auch einen positiven Effekt auf die Mütter. «Das heisst: Wenn möglichst viele von uns über Lösungen nachdenken, können wir an der traumatischen Erfahrung sogar wachsen», so Mutuyimana im Podcast.
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Wenn möglichst viele von uns über Lösungen nachdenken, können wir an der traumatischen Erfahrung sogar wachsen.
Mutuyimana ist kein Forscher, der Distanz hält und beobachtet. Er geht hin und redet mit den Menschen. Und er forscht auch, um zu helfen. Damit seine Erkenntnisse nicht im Elfenbeinturm bleiben, hat er sich eine professionelle Videokamera angeschafft. Vier wissenschaftliche Filme hat er bereits gedreht. In «Hear My Voice» spricht er mit der Mutter eines gefallenen Soldaten aus der Ukraine, mit Tätern und Opfern des Genozids in Ruanda und mit Psychologinnen und spirituellen Heilern aus ganz Afrika.
In einer Szene wird er von einem Mann mit Vollbart, Rastas und Holzschmuck durch einen Garten geführt und lässt sich erklären, mit welchen traditionellen Pflanzen oder Riten der Heiler seine Kunden behandelt. «Sie sagen, sie fühlen ein komisches Ding in sich, das sie umbringt. Natürlich gibt es keine Krankheit, die ‹Komisches Ding› heisst», sagt dieser im Film. Doch das komische Ding sei real in der ruandischen Kultur. «Die Menschen können genau erklären, wie es sich anfühlt. Es verursacht Rückenweh, Kopfweh und Schwindel.»
Seelische Wunden heilen
Szenewechsel. Mutuyimana sitzt in einem kahlen Büro im dritten Stock des Psychologischen Instituts an der Binzmühlestrasse, vor sich eine Tasse mit Früchtetee. Im Bücherregal ist noch viel Platz, lediglich fünf, sechs Bücher zu «Abnormal Psychology» stehen darin. «Der Rest ist da drin», sagt er und zeigt auf seinen Computer.
Mutuyimana zieht sein Handy aus der Hosentasche und rollt etwas näher heran, um den Bildschirm zu zeigen. Er hat eine WhatsApp-Gruppe geöffnet, einen Kanal des «Baho Smile Institute». Das Institut hat er im Jahr 2019 gegründet mit dem Ziel, seinen Landsleuten zu helfen, ihre seelischen Wunden zu heilen. Romantische Beziehungen, positive Elternschaft und Sinn im Leben seien die Schlüssel für ein positives Leben mit weniger Stress und Traumawunden, heisst es auf der Website. Das Motto: «Nichts im Leben macht Sinn ohne ein Lächeln.»
Über den WhatsApp-Kanal geben Psychotherapeuten in der Landessprache Kinyarwanda Tipps, wie die Abonnenten mit Niedergeschlagenheit, Enttäuschungen oder psychischen Problemen umgehen können. Die Gruppe ist mit 1024 Mitgliedern voll, darum gibt es mittlerweile eine zweite. Sie umfasst weitere 1000 Mitglieder.
Die Umuti-Methode
Der Psychologe rollt wieder zurück an seinen Arbeitsplatz. «Das hier wird den Kanal ablösen», sagt er und öffnet eine Website namens «Umuti Vitality Space». Auf der Site, die bald online gehen soll, können Nutzer:innen sich selbst helfen, Hilfe von einem Therapeuten bekommen oder sich in Online-Selbsthilfegruppen austauschen. «In Ruanda kostet eine Therapiestunde einen ganzen Monatslohn», so Mutuyimana. Das niederschwellige Online-Tool ermögliche ausserdem, sich anonym helfen zu lassen.
Die Methode, mit der Mutuyimana möglichst viele seiner Landsleute heilen will, basiert auf dem afrikanischen philosophischen Konzept Ubuntu. Dies bedeutet in etwa: «Ich bin, weil du bist.» Es kann auch interpretiert werden als: Erst gemeinsam werden wir zu Menschen. Mutuyimanas «Ubuntu Mulitsystemic Intervention» (Umuti) baut auf diesem in der ruandischen Kultur verankerten Gedanken auf. Heilung soll nicht individuell, sondern in Beziehung stattfinden – innerhalb von Familie und Gesellschaft. Durch gängige Metaphern, vertraute Sprache und den Einbezug traditioneller Praktiken sollen bewährte psychotherapeutische Techniken an die ruandische Kultur angepasst werden.
Die Umuti-Methode sei auf andere Nachkriegsgebiete übertragbar, sagt Mutuyimana, denn ähnliche Konzepte von Gemeinschaft gebe es etwa im chinesischen Konfuzianismus, in Japan, Indien sowie muslimischen und jüdischen Gemeinschaften. «Wir müssen als Gemeinschaft lernen, wie wir uns kollektiv heilen können», sagt Mutuyimana. «Es ist die einzige Lösung.»