Mit Satellitendaten die Konfliktforschung stärken
Kriege fordern nicht nur Todesopfer, sondern führen zu weitreichender Zerstörung und Vertreibung, mit langfristigen Folgen für ganze Länder. Diese Dynamiken rücken immer stärker in den Fokus der Forschung. Bislang stützte sich die Konfliktforschung dabei hauptsächlich auf textbasierte Daten, die einzelne Gewaltereignisse erfassen und vor allem auf Medienberichten beruhen. Solche Daten setzen voraus, dass Menschen über Gewalttaten berichten. Das führt zu systematischen Lücken.
Dieser Problematik ist sich Valerie Sticher, Oberassistentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich, bewusst. Seit mehreren Jahren beschäftigt sie sich deshalb mit der Frage, wie Satellitendaten die Konfliktforschung unterstützen und bestehende textbasierte Daten ergänzen können. Ihre jüngsten Erkenntnisse hat sie nun gemeinsam mit ihren Kollegen Jan Dirk Wegner und Karsten Donnay an der Universität Zürich (UZH) und Forschenden der ETH Zürich, der EPFL und internationalen Partnern in einer Studie in «Nature» veröffentlicht. Die Forschungsarbeiten dazu begann Sticher bereits während ihrer Zeit am Center for Security Studies der ETH Zürich.
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Satellitendaten ergänzen textbasierte Daten und erlauben so ein vollständigeres Bild von bewaffneten Konflikten.
Ein vollständigeres Bild von Konflikten
«Satellitendaten ergänzen textbasierte Daten und erlauben so ein vollständigeres Bild von bewaffneten Konflikten», sagt Valerie Sticher. Denn sie zeigten auf, was in der Berichterstattung oft nur am Rande vorkommt. Beispielsweise zerstörte Ernten, beschädigte Gebäude. Ein zentraler Vorteil von Satellitendaten ist laut Sticher, dass diese auch dort Informationen liefern, wo das mediale Scheinwerferlicht nicht hinreicht und kaum textbasierte Daten verfügbar sind. Doch auch satellitenbasierte Daten haben ihre Einschränkungen. Zu den Herausforderungen zählen beispielsweise fehlende Referenzdaten aus Konfliktgebieten. Auch lassen sich bestimmte Vorkommnisse auf Satellitenbildern nicht oder nur schlecht erkennen. In ihrer Nature-Studie zeigen die Forschenden auf, wie diesen Einschränkungen begegnet werden kann, damit sie in Kombination mit den textbasierten Daten ein möglichst vollständiges Bild eines Konflikts liefern können.
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Längerfristig könnten beide Datenquellen gemeinsam modelliert werden, um Muster der Gewalt zu erkennen, die uns Menschen verborgen bleiben.
Satellitenbasierte Daten mit textbasierten Daten verknüpfen
Anhand von empirischen Beispielen aus der Ukraine und aus Myanmar zeigen die Studienautor:innen auf, wie satelliten- und textbasierte Konfliktdaten kombiniert werden können. Eine Datenquelle kann Informationen liefern, die der anderen fehlen: In der Ukraine verknüpfen die Forschenden satellitenbasierte Daten zu beschädigten Gebäuden mit textbasierten Daten dazu, welche Konfliktpartei ein Gebiet wann kontrollierte. Erst die Kombination beider Datenquellen zeigt, dass in Gebieten, die von russischen Truppen eingenommen wurden, deutlich mehr Gebäude beschädigt wurden als in Gebieten, die von ukrainischen Truppen zurückerobert wurden. Auch in Myanmar liefern Satellitendaten zusätzliche Erkenntnisse: Sie zeigen, dass die gezielte Zerstörung von Häusern der Rohingya noch lange nach dem Ende der Massaker weiterging – eine Phase der Gewalt, die in textbasierten Daten kaum erfasst ist. «Längerfristig könnten beide Datenquellen gemeinsam modelliert werden, um Muster der Gewalt zu erkennen, die uns Menschen verborgen bleiben», erklärt Co-Autor Jan Dirk Wegner vom Institut für Mathematische Modellierung und Machine Learning der Universität Zürich.
Von der Forschung in die Praxis
Dieser neue Forschungsansatz könnte für internationale Organisationen von grossem Nutzen sein, so die Hoffnung des Forschungsteams: Die Kombination von satelliten- und textbasierten Daten erlaube es internationalen Organisationen wie der UNO oder dem IKRK, die Folgen von bewaffneten Konflikten besser einzuschätzen, besonders betroffene Regionen schneller zu identifizieren und humanitäre Hilfe gezielter zu planen.