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Roman Horbyk im Porträt

Kiew, Uppsala, Zürich

Roman Horbyk untersucht, wie Handys und digitale 
Propaganda die moderne Kriegsführung verändern. Dabei verbindet der Medienwissenschaftler persönliche Erfahrung und wissenschaftliche Arbeit. Aufgewachsen in Kiew, lebt er heute zwischen Schweden, der Schweiz und der Ukraine. Erholung 
sucht er in der Tierbeobachtung.
Autor: Simona Ryser
Ständig unterwegs: Roman Horbyk am Basler Bahnhof. (Bild: Marc Latzel)

Er ist um drei Uhr in der Früh in Uppsala aufgestanden, um sechs hat er den Flieger in Stockholm genommen und pünktlich um neun ist er in Zürich, in seinem Büro am Institut für Slavistik und Osteuropastudien (ISOS) erschienen. Der Medienwissenschaftler und UZH Research Lecturer Roman Horbyk ist an vielen Orten zuhause. In Kiew ist er aufgewachsen, mit seiner Familie wohnt er in Schweden, in der Schweiz wohnt er in Basel und er sucht eine Wohnung in Zürich.

Das Herzenszuhause des Forschers aber ist ein Sommerhaus unweit von Kiew. Dort hatten seine Grosseltern Kartoffeln angebaut, Enten, Truthähne und Gänse gehalten und die Familie mit dem Notwendigsten versorgt. Als Kind hatte Horbyk in den Feldern gespielt und die Tiere versorgt. Wie gerne würde er die Datscha besuchen. Doch heute ist die Reise dorthin zu gefährlich, zu nah liegt das Land der Grosseltern an der Frontlinie.

Jetzt sitzt er hier am Besprechungstisch in seinem Büro am ISOS, lässt seinen Kaffee kalt werden und erzählt von seinem vielfältigen Leben, weit weg von seinem Sehnsuchtsort. Eigentlich ist Roman Horbyk Journalist. Er hat in Kiew studiert, wollte aber nach einigen Jahren Berufserfahrung vor Ort im Ausland seinen Horizont erweitern. Die Zeit unter dem prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch sei deprimierend gewesen, er habe keine Zukunft für die Ukraine gesehen. «Wir befürchteten, das Land werde ein zweites Belarus», sagt er. Er war bei der Maidan-Protestbewegung dabei. Gleichzeitig war er auf dem Absprung.

Sich in Sachen vertiefen

Horbyk war froh, dass er bereits eine Stelle in Schweden an der Universität Södertörn für den PhD in Aussicht hatte. Journalismus war zwar seine Leidenschaft gewesen, doch er wollte mehr. «Ich wollte mich längerfristig in eine Sache vertiefen können, recherchieren, forschen», sagt er. Mit seiner Frau – auch sie eine Medienwissenschaftlerin – und dem gemeinsamen Sohn zogen sie nach Schweden. Dort untersuchte Horbyk die Rolle des Journalismus und die Darstellung Europas in den Medien während des «Euromaidan» 2013/14 und des darauf folgenden russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Heute ist Roman Horbyk ein gefragter Experte und wird von internationalen Medien interviewt. Sein Forschungsschwerpunkte sind Desinformation und Propaganda, Medien und Kriegsführung.

Während der KGB im Kalten Krieg noch aufwendig hochwertige Fälschungen herstellte, setzt die heutige Propaganda eher auf Masse statt Qualität.

Roman Horbyk
Medienwissenschaftler

Horbyk hat ein wegweisendes Forschungsprojekt über die Nutzung von Handys an der Front realisiert. Dazu hat er als Erster Interviews mit Soldaten im aktiven Dienst und mit Veteranen gemacht. «Mit den Smartphones hat der Krieg eine neue Dimension erreicht», erklärt der Forscher. Es gehe um weit mehr als um das Posten von Inhalten. «Im Krieg ist das Handy die Verbindung zu den Angehörigen und gleichzeitig eine Waffe», sagt er. Smartphones werden für militärische Einsätze und für Kampfhandlungen genutzt. Das Handy kann Auskunft geben über den Standort des feindlichen Lagers, es kann eine Drohne steuern. Smartphones vermitteln das Kriegsgeschehen in Echtzeit. Im Gegensatz zu früheren Kriegen, in denen die Soldaten isoliert an der Front kämpften, bleiben sie heute ständig verbunden mit ihren Familien und Freunden.

So kommt es vor, dass Soldaten während eines Gefechts von zuhause aus angerufen werden oder Verletzte ihre Angehörige kontaktieren. Gleichzeitig nutzten russische Einheiten die Mobiletelefone gefallener ukrainischer Soldaten, um deren Eltern anzurufen und diese mit dem Tod ihres Kindes zu konfrontieren. Horbyk arbeitete bereits vor der russischen Invasion 2022 am Forschungsprojekt. Die Arbeit legt offen, welch grausame Dimensionen die digitale Kommunikation im modernen Kriegsgeschehen angenommen hat.

Verunsichernde Propaganda

Bei einer Google-Anfrage kann man auch Eigenartiges über Horbyk erfahren. Er sei ein gänzlich unbekannter, dahergelaufener Experte, suggeriert etwa ein Beitrag auf der deutschsprachigen Website der «Pravda»-News. Dieser reagiert auf einen NZZ-Artikel über russische Propaganda, in dem Roman Horbyk mehrfach zitiert wird. Es sei ein schlecht recherchierter Artikel mit einem fragwürdigen Experten, der vermeintlich an der Universität Zürich arbeite, dort aber den Studierenden nicht bekannt sei, heisst es auf der Website der «Pravda». Im NZZ-Artikel «Die Schweiz im Fokus russischer Propaganda» wird thematisiert, dass der russische Fernsehsender «Russia Today» auffallend häufig über die Schweiz berichtet.

Die Bemerkung der «Pravda» über ihn kostet Horbyk höchstens ein mildes Lächeln. Er kennt den russischen Stil. Eines seiner Forschungsprojekte beschäftigt sich damit, wie sich die Propaganda seit der Sowjetzeit bis heute entwickelt hat. «Während der KGB im Kalten Krieg noch aufwendig hochwertige Fälschungen von Dokumenten herstellte, setzt die heutige Propaganda im Social-Media-Zeitalter eher auf Masse statt Qualität», erklärt Horbyk. Dafür sei der Text auf der «Pravda»-Website ein gutes Beispiel, der für ein mehrheitlich gut informiertes Schweizer Publikum leicht durchschaubar und wenig glaubwürdig ist. Die neuen Medien erlauben einen schnellen, direkten Zugang zu den Menschen und so werden oft billig produzierte Inhalte massenhaft verbreitet. «Es geht weniger darum, die Leute zu überzeugen», erklärt Horbyk. «Vielmehr ist das Ziel, die Menschen zu verunsichern und Misstrauen zu säen.»

Andererseits, so Horbyk, wendet Russland heute noch viele Propagandamethoden an, die noch aus dem Kalten Krieg stammen, etwa die sogenannte «reflexive Kontrolle». «Dabei werden bestimmte Zielgruppen beobachtet und analysiert, wie sie denken, welche Ängste und Werte sie haben, um das Propaganda-Narrativ exakt darauf auszurichten», sagt Horbyk. So wird beispielsweise bei einer rechtsstehenden Gruppe Putin als traditioneller, christlicher Führer dargestellt und die Ukraine als dekadent diffamiert. Für eine linke Gruppe hingegen wird behauptet, die Ukraine sei lediglich eine Marionette des US-Imperiums.

Geheimdienst machte Avancen

Hat Horbyk selber schon Erfahrungen mit dem Geheimdienst gemacht? Er nickt. Nach einem Webinar während der Pandemie habe ihn eine Frau angefragt, ob er ihre Promotion betreuen würde. Doch bald wollte sie mehr, schrieb öfter und vertraulicher, dann lud sie ihn in einen Golfclub ein. Horbyk durchschaute die taktischen Avancen schnell als klassische Rekrutierungstaktik. «Es geht darum, jemanden mit Annehmlichkeiten psychologisch zu verpflichten und so letztlich kompromittierbar zu machen», sagt er. Zudem wusste Horbyk, dass der besagte europäische Golfclub, in dem viele russische Oligarchen verkehren, eine Tarnorganisation ist, die für Spionage und Rekrutierung genutzt wird.

Mit den Smartphones hat der Krieg eine neue Dimension erreicht. Im Krieg ist das Handy die Verbindung zu den Angehörigen und gleichzeitig eine Waffe.

Roman Horbyk
Medienwissenschaftler

Horbyk steht auf und zieht seufzend ein Buch aus dem Regal: Giorgio Vasari, «The lives of the most excellent painters, sculptors and architects». Manchmal denkt er, er hätte vielleicht doch ein etwas weniger deprimierendes Forschungsgebiet wählen sollen, zum Beispiel die Kunst- oder Architekturgeschichte. So wie seine Schwester, die in Kiew einen Lehrstuhl für Bau und Architektur an der Universität hat. Sie ist in die Fussstapfen des Vaters getreten, der in der Sowjetzeit in den 1960er- bis 1990er-Jahren als Architekt und Kunstmaler in Kiew tätig war und danach eine Professur für Design innehatte. Die Mutter – sie lebt heute auch in Schweden und unterstützt die Familie bei der Kinderbetreuung – war Literaturlehrerin. Von ihr hat Horbyk vielleicht die Affinität für die Sprache, sagt er.

Erfolgreiches Theaterstück geschrieben

Auch wenn momentan wenig Zeit dafür bleibt, hat Roman Horbyk eine kreative Seite. In Kiew am New Ukrainian Theatre wird sein Theaterstück «The Center», das von drei Generationen von Frauen in einem ukrainischen Dorf handelt, regelmässig aufgeführt. Es ist eine Neufassung des Drehbuchs des Films «Pryputni», das Horbyk geschrieben hat. Der Film war in der Ukraine sehr erfolgreich und schaffte es in die «Top 100 der besten ukrainischen Filme aller Zeiten».

Roman Horbyk ist in Kiew aufgewachsen, mit seiner Familie wohnt er in Schweden, in der Schweiz wohnt er in Basel und er sucht eine Wohnung in Zürich. (Bild: Marc Latzel)

Heute schreibt Horbyk – mit grossen Pausen – an einem Roman, einer Familiensaga. Er zuckt mit den Schultern. «Es ist wohl ein längerfristiges Projekt.» Und manchmal sucht er sich in der Wohnung in Schweden eine Ecke, wo er sein Malzeug ausbreiten kann. Er male Landschaften, ähnlich wie sein Vater, sagt er mit einem Lächeln. Die Kreativität und auch die Musik braucht er – Horbyk ist ein Opernliebhaber und versucht, wenn immer er für einen Arbeitstermin irgendwo hinmuss, die Reise mit einem Opernbesuch zu verbinden – als Ausgleich zu seiner akademischen Arbeit und zur psychischen Regeneration.

Meditieren im Zoo

Horbyk nippt an seinem kalten Kaffee und denkt nach. Ein Projekt liegt ihm ganz besonders am Herzen. Mit dem Digital Ukrainian Media Archive DUMA, das er initiiert hat – und das dank der Unterstützung von Global Affairs der UZH realisiert werden konnte –, will er sich für die Vernetzung der Ukraine mit Europa einsetzen. «Ziel ist, mit dem umfassenden Archiv ukrainische Medieninhalte sofort und in qualitativ hochwertiger englischer Übersetzung kostenlos zugänglich zu machen», erklärt er. Forschende, Journalist:innen und andere Interessierte sollen so einen leichteren Zugang zu Informationen zur ukrainischen Gesellschaft bekommen. Neben der Leitung des DUMA koordiniert er den ukrainischen Schwerpunkt am ISOS, mit dem die Lehre und Forschung zur Ukraine an der UZH in Zusammenarbeit mit ukrainischen Universitäten gefördert werden.

Horbyk zieht die Stirne kraus. Ja, sein Engagement zehrt an den Kräften, das sei ihm bewusst. Er atmet tief durch und entspannt sich ein wenig. Dann lächelt er. Er habe eine Jahreskarte für den Basler Zolli. Jede Woche geht er in den Zoo. Dort spaziert er und bleibt bei den Tieren stehen. Er mag die Wildschweine, auch die Fluss-pferde. Die Vögel, insbesondere die Keas, diese unglaublich intelligenten Papageien aus Neuseeland. Tiere zu beobachten, sei für ihn wie Meditieren. So kann er zur Ruhe kommen, den Rhythmus dieser Geschöpfe übernehmen, die einfach im Moment leben. Das versucht er dann auch. Einen Moment lang Pause zu machen, die schwierigen Gedanken im Kopf unterbrechen. Manchmal hört er dann das Schnattern der Enten und Gänse im Sommerhaus seiner Kindheit unweit von Kiew.