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Philosophie Festival

Wenn der Erfolg über die Moral entscheidet

Wer Erfolg hat, muss nicht auch in jedem Fall Recht haben. Aber Erfolg beeinflusst oft, wie wir Entscheidungen im Nachhinein beurteilen. Anhand des Künstlers Paul Gauguin erklärt die Sozialethikerin Lea Hümbeli am Philosophie Festival, wie Recht, Ethik und Zufall zusammenhängen.
Barbara Simpson
Ausschnitt aus dem Gemälde "Tahitianische Frauen am Strand" von Paul Gauguin
Im April 1891 verliess Paul Gauguin Frankreich, in der Hoffnung, in den Tropen Inspiration zu finden und kostengünstig leben zu können – Ausschnitt aus dem Gemälde «Tahitianische Frauen am Strand», das im selben Jahr entstand. (Bild: Wikicommons)

Am Zürcher Philosophie Festival geht es in diesem Jahr um das Thema «Recht haben». Wie kommt hier der Maler Paul Gauguin ins Spiel?

Lea Hümbeli: Das Gauguin-Experiment ist ein Gedankenexperiment, das der Philosoph Bernard Williams erstmals formuliert hat. Wir kennen die Geschichte: Paul Gauguin verlässt Frau und Familie, um sich in Tahiti ganz der Kunst zu widmen – mit dem (späteren) Resultat, dass er berühmt wird. Williams’ provokante Frage lautet: Rechtfertigt der Erfolg eine moralisch fragwürdige Entscheidung – oder macht er sie wenigstens verzeihlicher? Und umgekehrt: Würden wir anders urteilen, wenn Gauguin erfolglos geblieben wäre? Damit sind wir sofort beim Thema «Recht haben»: Oft wirkt etwas erst im Rückblick richtig.

Heiligt der Erfolg also die Mittel?

Hümbeli: Intuitiv würden viele wohl «nein» sagen. Aber sobald man genauer hinschaut, merkt man: In der Praxis bewerten wir gleiches Verhalten oft unterschiedlich – je nachdem, welche Folgen es hat. Ein Beispiel: Zwei Betrunkene fahren bei Rot über die Ampel; der eine verletzt jemanden, der andere nicht. Obwohl beide gleich rücksichtslos handeln, fällt unser Urteil meist unterschiedlich aus. Das führt schnell zur Frage: Darf Zufall überhaupt Einfluss auf moralische Bewertung haben – und ist das gerecht?

Das zeigt: «Recht haben» ist vieldeutig – und genau das macht das diesjährige Philosophie Festival so spannend. Es kann bedeuten, dass mir etwas zusteht – und dass andere eine Pflicht haben, mir zu meinem Recht zu verhelfen. Es kann aber auch einen Wahrheitsanspruch meinen – also die Frage nach überzeugenden Argumenten. Und manchmal sagt man „du hast recht“ auch schlicht, um einen Konflikt zu beenden. Diese verschiedenen Lesarten öffnen unterschiedliche Zugänge zur Frage, was Handlungen rechtfertigt.

Zur Person

Lea Hümbeli hat in Zürich Theologie studiert und ist derzeit Assistentin am Institut für Sozialethik des Ethik-Zentrums der Universität Zürich. Sie promoviert zum Thema «Ethik der Liebe» und interessiert sich allgemein für die Bedeutung von Emotionen im Blick auf moralische Orientierung. Weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Fragen rund um Wissenschaftskommunikation und Didaktik der Ethik.

Welchen weiteren Fragen lassen sich anhand des Gedankenexperiments diskutieren – jenseits von Erfolg oder Misserfolg?

Hümbeli: Mich interessieren daran besonders zwei Perspektiven. Einerseits Selbstverwirklichung vs. Pflichten: Wie viel Raum darf Selbstverwirklichung einnehmen – und wer trägt die Kosten, wenn Pflichten vernachlässigt werden? Und andererseits die Kunst-Perspektive: Was machen wir damit, wenn uns Werke berühren, wir aber wissen, dass ihre Entstehung mit Leid oder Ungerechtigkeit verbunden ist? Dann landet man schnell auch bei aktuellen Debatten  – und bei der Frage, ob und wie man Werk und Person trennen kann.

Sie forschen zur ethischen Bedeutung von Emotionen. Worum geht es Ihnen dabei – und wie passt das zum Gauguin-Experiment?

Hümbeli: Mich beschäftigt, dass Emotionen lange als Störfaktoren der Vernunft galten. Heute ist aber klar, wie zentral sie sind und welch bedeutende Rolle sie etwa in der öffentlichen Kommunikation und in der Politik spielen. Ich frage: Wie können wir Emotionen ethisch reflektieren? Welche Emotionen kultivieren wir als Gesellschaft – und können Emotionen auch eine Ressource sein, nicht nur ein Problem? Beispielsweise wird viel Politik mit Angst gemacht; mich interessiert, ob und wie auch Hoffnung politisch wirksam werden kann – und ob Emotionen sich transformieren lassen.

Lea Hümbeli

Der Fall Gauguin löst starke Reaktionen aus – und diese Reaktionen verraten, was wir als bedeutsam, unfair oder verletzend erleben.

Lea Hümbeli
Sozialethikerin

Gleichzeitig zeigen Emotionen oft an, was für uns auf dem Spiel steht und haben insofern auch einen Erkenntniskern: Sie sind eine Art Seismograph – Ärger und Wut können zum Beispiel Hinweise auf Ungerechtigkeit sein. Eine völlig emotionslose Ethik kann in gewisser Weise „wertblind“ werden. Genau darum passt das Beispiel von Gauguin so gut: Der Fall löst starke Reaktionen aus – und diese Reaktionen verraten, was wir als bedeutsam, unfair oder verletzend erleben. 

Sie sind selbst nicht nur Mitwirkende, sondern auch begeisterte Festivalbesucherin. Freuen Sie sich auf ein bestimmtes Highlight?

Hümbeli: Mein Highlight ist weniger ein einzelner Programmpunkt, als das Festival an sich. Es gefällt mir sehr, dass sich Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern und mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen aus Neugier und Gesprächsbereitschaft treffen – jung und alt, jene, die sich Tickets für die grossen Veranstaltungen leisten können und andere, die freudig an den kleineren Gratis-Veranstaltungen teilnehmen. Für mich ist das immer eine besonders schöne Erfahrung, gerade wegen der Begegnungen.

Auch in meiner Forschung spielt die Wissenschaftskommunikation eine enorm wichtige Rolle – nicht zuletzt, weil ich nicht aus einem akademischen Haushalt komme. Als Wissenschaftlerin ist es mir sehr wichtig, Brücken zwischen Forschung und interessiertem Laienpublikum zu schlagen. Das Festival ist ein Begegnungsraum, in dem ein solcher Austausch stattfindet: Die Theorie informiert sich aus der Praxis und umgekehrt. So entsteht gegenseitiges Verständnis, auch zwischen Milieus, die sonst häufig voneinander getrennt gedacht werden. Dem entgegenzuwirken ist mir ein grosses Anliegen. Deshalb findet man mich ganz oft an genau solchen Veranstaltungen wie dem Philosophie Festival.