Tatkräftig, visionär, humorvoll
Rosmarie Michel kam 1931 in Zürich zur Welt. Nach dem Mittelschulabschluss besuchte sie die Hotelfachschule in Lausanne und bildete sich anschliessend in England und Frankreich weiter. 1956 übernahm sie die Geschäftsleitung der Confiserie Schurter, die seit 1869 im Besitz ihrer Familie war. Sie führte das traditionsreiche Unternehmen während eines halben Jahrhunderts.
Parallel dazu war Rosmarie Michel, oft als erste und einzige Frau, Mitglied in verschiedenen Verwaltungsräten, etwa bei Credit Suisse, Goldbach Media oder Valora. Sie war langjährige Verwaltungsratspräsidentin der Genossenschaft ZFV-Unternehmungen, die seit rund 100 Jahren Gastronomiepartnerin der Universität Zürich ist.
Rosmarie Michel war vielseitig engagiert: Sie widmete sich lokalen Anliegen – zum Beispiel als Mitglied der Zürcher Denkmalpflegekommission und des Verkehrsvereins Zürich – ebenso wie internationalen. So machte sie sich als Förderin von Frauen in der Wirtschaft einen Namen, etwa als Weltpräsidentin der International Federation of Business and Professional Women (IFBPW) oder als Vice Chair von Women’s World Banking.
Als Mitgründerin des Think Tanks Female Shift schuf sie unter dem Motto «Veränderung wahrnehmen, Verantwortung übernehmen» zudem eine Plattform, um über gesellschaftliche Herausforderungen nachzudenken, offen zu diskutieren und innovative Lösungsansätze zu entwickeln.
Ehrengast und Schirmherrin der Mensen
1989 ernannte die Universität Zürich Rosmarie Michel zum Ständigen Ehrengast, «in Anerkennung ihrer vielseitigen Tätigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft, ihres unermüdlichen Einsatzes für die Förderung der Frau in Beruf, Öffentlichkeit und Politik und in ihrer Eigenschaft als Schirmherrin der Mensen», wie es in der Laudatio hiess.
Die Unternehmerin war mit der UZH auf vielfältige Weise verbunden. Sie unterstützte die damalige Abteilung für Gleichstellung und war Mitglied im Begleitausschuss des Aktionsplans Chancengleichheit. Mit ihrem breiten Netzwerk setzte sie sich auch dafür ein, dass an der UZH der schweizweit erste Lehrstuhl für Gendermedizin geschaffen werden konnte.
Rosmarie Michel war immer wieder Gast bei Veranstaltungen an der UZH. So etwa 2016 an der 15. Europäischen Konferenz «Business & Professional Women» (BPW), die zur Freude der Unternehmerin in Zürich stattfand.
Auch zu Anlässen der UZH-Professorinnen, den sogenannten Professorinnen-Apéros, war sie eingeladen und brachte ihre Perspektive ein. Für Rosmarie Michel waren Frauen keine «schützenswerten Wesen», sondern in der Lage, für sich selbst und für mehr Gleichstellung einzustehen. Gehe es darum, in Leitungspositionen zu kommen, habe es die junge Generation an Frauen allerdings schwieriger als sie selbst, sagte sie 2012: «Wir waren Einzelkämpferinnen, die die Unternehmen unbedingt haben wollten.» Frauen in Führungsetagen bräuchten Netzwerke, Know-how, Durchhaltewillen und auch weiblichen Charme, brachte die damals 80-Jährige ihre Erfahrungen auf den Punkt.
Chancengleichheit voranbringen
Rosmarie Michel war in vielerlei Hinsicht eine Pionierin, auch wenn sie sich wohl nicht so bezeichnet hätte. Sie erkannte früh, wo Veränderungen notwendig waren, scheute sich nicht, bestehende Strukturen zu hinterfragen, und packte tatkräftig an, um ihre Anliegen Wirklichkeit werden zu lassen. Ihr Einsatz hat wesentlich dazu beigetragen, die Chancengleichheit voranzubringen. Nun ist sie am 23. Oktober 2026 im Alter von 95 Jahren in Zürich verstorben.
Mit Rosmarie Michel verliert die UZH eine aussergewöhnliche Persönlichkeit und eine engagierte Wegbereiterin. Ihr Wille, etwas zu bewegen, blieb bis ins hohe Alter ungebrochen. Neben ihrer Tatkraft und ihrem visionären Denken wird auch ihr ansteckender Humor in Erinnerung bleiben.