Header

Suche
Verhaltensbiologie

Gescheite Vögel

Gelbhauben­kakadus schalten Trinkbrunnen ein und knacken städtische Mülltonnen, um an Futter zu gelangen. Sie sind intelligent, neugierig und lernen ständig voneinander. Wie das geht, untersucht Verhaltensbiologin Lucy Aplin. Etwa indem sie den Vögeln beibringt, knallbunte Nüsse zu fressen.
Autor: Santina Russo
Den schweren Deckel einer Mülltonne öffnen, um an Futter zu gelangen: Manche Gelbhaubenkakadus sind so lernfähig und innovativ, dass sie das schaffen. (Bild: iStock)

Gelbhaubenkakadus sind erstaunlich schlau. In australischen Städten wie Brisbane und Sydney haben sie gelernt, Trinkbrunnen einzuschalten, indem sie den Griff mit ihren Füssen drehen. In Sydney schaffen sie es sogar, die Deckel der städtischen Mülltonnen hochzuheben, um an die Essensreste darin zu gelangen. Dabei verstreuen die Vögel allerdings den Müll und hinterlassen regelmässig eine Unordnung. Darum haben die Anwohner:innen angefangen, ihre Müllkübel zu sichern: Sie beschweren die Deckel mit Gewichten oder blockieren die Scharniere mit Stöcken.  

Doch häufig nehmen die bis zu 50 Zentimeter gros­sen Kakadus auch diese neuen Hürden und öffnen die Abfallkübel. Und sie geben diese Fähigkeiten weiter – an Artgenossen im eigenen Schwarm und an benachbarte Kakadugemeinschaften. So ärgerlich dieses Wettrüsten um die Mülltonnen für die Anwohner:innen ist, so nützlich ist es für die Forschung. Beispielsweise für die UZH-Evolutionsbiologin Lucy Aplin: Für sie ist das die perfekte Ausgangslage, um das soziale Lernverhalten der Vögel zu studieren. 

Feldforschung in der Millionenstadt

Kakadus gehören zu den Papageien, einer der intelligentesten Tierfamilien überhaupt. Papageien können beispielsweise ihr Leben lang neue Laute lernen, eine Fähig­keit, die sonst nur Wale, Delfine, Krähen und Menschen haben. Diese Begabung ist mit ein Grund, warum manche Papageienarten menschliche Sprache täuschend echt imitieren können. Unter den Papageien gehören die Gelbhaubenkakadus zu den gescheitesten. Allerdings: «Intelligenz allein reicht nicht, damit sich eine neue Fähig­keit innerhalb einer Art verbreitet», sagt Aplin. Die Forschung weiss bereits, dass es dafür auch eine gewisse Verhaltensflexibilität braucht – und ein soziales Netz, damit Erworbenes von einem Individuum zum nächsten weitergegeben wird und langfristig weiterbesteht, wie Aplin erklärt. Kurz: «Es braucht eine Kultur.» 

Jetzt, im Frühsommer 2026, ist die Evolutionsbiologin mit ihrem Forschungsteam gerade in Sydney, um die Gelbhaubenkakadus vor Ort zu untersuchen. Unter anderem führt das Team spielerische Experimente mit den Tieren durch – zurzeit im Royal Botanic Garden in der Nähe des berühmten Opernhauses. Von dort schickt Aplin ein Video des neusten Versuchs: Ein Kakadu fliegt zu einem achteckigen Plexiglas-Container von etwa einem halben Meter Durchmesser. Dieser besteht aus Abteilen, die der Vogel auf unterschiedliche Weise öffnen muss, um an den Leckerbissen darin zu gelangen, eine Mandel. Das Tier, das sich genähert hat, ist ein Männchen und trägt eine Markierung am Flügel, Nummer 11. «Ihm haben wir den Namen Watermelon gegeben», schreibt Aplin im Kommentar zum Video. Watermelon ist einer der bekanntesten Kakadus in der Nachbarschaft, weil er zutraulich ist und häufig Balkone besucht. Ohne Zögern zieht er nun mit dem Schnabel eine kleine Schublade auf und schnappt sich die Mandel darin. 

Notabene: Watermelon hat noch nie eine solche Aufgabe gelöst. Solche Schubladen verstehen die meisten Kakadus rasch, weiss Aplin inzwischen. Bei der nächsten Aufgabe muss Watermelon einen Hebel betätigen, um sich die Mandel zu schnappen. Auch das schafft er rasch. Das dritte Rätsel scheint schwieriger zu sein. Der Kakadu muss den Boden des Abteils mit dem Schnabel drehen, um die Mandel zu befreien. Er pröbelt und braucht mehrere Versuche, bis auch das funktioniert. Dann flattert er davon. 

Pfeifen und blaue Overalls

Mit solchen spielerischen Tests untersuchen die Forschenden die motorischen und kognitiven Fähigkeiten der Vögel, und sie versuchen zu verstehen, was zusammenkommen muss, damit diese mit innovativem Verhalten Probleme lösen können. Die Kakadus machen dabei gern mit, nicht nur, weil sie Mandeln lieben. Sie sind von Natur aus neugierig und haben keine Scheu vor Menschen. Zudem sind die Forschenden für die Vögel erkennbar: Sie tragen immer die gleichen blauen Overalls und machen mit einem Pfeifsignal auf sich aufmerksam. «Inzwischen fliegen die Kakadus jeweils in unsere Nähe, sobald wir eintreffen», erzählt Aplin.

Gelbhaubenkakadus interagieren in ihrem Leben mit rund tausend Artgenossen. (Bild: zVg)

Die Evolutionsbiologin kennt viele der Vögel seit Jahren. Ihre Teammitglieder markieren die Tiere jeweils mit einem Muster aus drei Farbtupfern – mit einem Schwämmchen, ohne die Vögel dafür einfangen zu müssen. Auf diese Weise können sie nachverfolgen, welche Individuen miteinander interagieren: welche sich gegenseitig putzen, welche gemeinsam schlafen oder Futter suchen und welche Tiere benachbarte Kakadugruppen besuchen. In ihrem Leben interagieren Gelbhauben­kakadus schätzungsweise mit rund tausend Artgenossen. «Damit haben sie viel mehr Begegnungen als die meisten Primatenarten», sagt Aplin. 

Zusätzlich zu den Farbmustern, die mit der Zeit verblassen, identifizieren die Forschenden die Tiere genetisch über eine Federprobe. Rund 150 Exemplare haben sie zudem wie Watermelon mit einer Flügelmarkierung versehen und ihnen Namen gegeben. Das hat auch mit dem Citizen-Science-Programm der Forschenden zu tun: Über die Smartphone-App «Big City Birds» können Anwohner:innen melden, wenn sie die Tiere sichten. Und das macht mehr Spass, wenn diese Namen haben. Das Flugverhalten der Vögel erfassen die Forschenden über leichte GPS-Sender, die sie an deren Beine kleben. Nach etwa einer Woche fallen die Sender von allein ab. Gemeinsam liefern all diese Methoden Erkenntnisse über das Verhalten der Gelbhaubenkakadus, ihre kognitiven Fähigkeiten und ihre weitreichende soziale Vernetzung. 

Gut vernetztes Gehirn

Gerade australische Städte seien ideal, um Verhaltensanpassungen an städtische Regionen zu untersuchen, sagt Aplin. Denn diese sind jung: Sydney gibt es erst seit knapp 240 Jahren. Die Kakadupopulation im Royal Botanic Garden lebt noch heute im selben mehr als 300 Jahre alten Baumbestand wie im 18. Jahrhundert. Kakadus werden rund 50 bis 60 Jahre alt. Das heisst: Im Gegensatz zu den Vogelpopulationen Europas leben diese Kakadus erst seit wenigen Generationen in einer städtischen Umgebung. Die Stadt wuchs um sie herum, und die schlauen Vögel haben sich angepasst.

Intelligenz allein reicht nicht, damit sich eine neue Fähigkeit innerhalb einer Art verbreitet – es braucht eine Kultur.

Lucy Aplin
Evolutionsbiologin

Diese Fähigkeit haben sie unter anderem wegen ihres vergleichsweise grossen und gut vernetzten Gehirns. Das Kakadugehirn ist ähnlich gross wie das der dreimal schwereren Kapuzineraffen und enthält gleich viele Neuronen wie das von Makaken, eine nochmals grös­sere Affengattung. «Dadurch können die Kakadus Informationen unglaublich schnell verarbeiten», sagt Aplin. Zusam­men mit ihrem sozialen Netzwerk verschafft ihnen das die Fähigkeit, als Gemeinschaft neue Verhaltensweisen zu entwickeln. 

Diese Anpassungsfähigkeit beweisen sie auch im Wettstreit um die städtischen Mülltonnen. Schon in früheren Arbeiten analysierte Aplins Team, wie genau die Kakadus die Kübel öffnen. Dafür waren die Forschenden wiederum auf die Mithilfe der Anwohner:innen angewiesen. Über die Citizen-Science-App können diese melden, wenn Kakadus in ihrer Nachbarschaft Müllcontainer öffnen. «So bekommen wir ein Bild davon, wie sich das Verhalten verbreitet», sagt Aplin. 

Ausserdem analysierte das Forschungsteam mittels Videoaufnahmen die Technik der Vögel beim Öffnen der Container. Dabei wurde rasch klar: Obschon die Kakadus häufiger erfolgreich sind, als den Anwohner:innen lieb ist, kostet sie das Öffnen der Kübel grosse Mühe. Die Vögel müssen den Mülldeckel erst mit Schnabel und Fuss anheben, dann halten und gleichzeitig auf dem Rand nach vorne trippeln, um diesen schliesslich nach hinten kippen zu lassen. «Wir haben beobachtet, dass deutlich mehr Vögel zwar versuchen, die Müllkübel zu öffnen, dabei aber scheitern, als solche, die Erfolg haben», sagt Aplin. Nur rund ein Viertel der Kakadus, die es probieren, schaffen es tatsächlich. Und manche der erfolgreichen Vögel brauchen Monate, bis sie das Müllkübel-Öffnen gut beherrschen.

Dieser Inhalt wird von YouTube geladen. Mit dem Klicken auf die folgende Schaltfläche können personenbezogene Daten an YouTube übermittelt werden.
Die Gelbhaubenkakadus in Australien sind clevere Problemlöser. Die Evolutionsbiologin Lucy Aplin von der UZH untersucht, wie diese Vögel neue Fähigkeiten über ihre sozialen Netzwerke weitergeben – und was ihr Verhalten über Kultur in der Tierwelt aussagt. (Video: Katharina Weins, UZH Kommunikation)

Gefärbte Mandeln fressen

Denn zum einen ist die Aufgabe körperlich anspruchsvoll, weil die Mülldeckel schwer sind. Zum anderen ist der Vorgang kognitiv herausfordernd, weil er aus mehreren Schritten besteht. Der grösste Knackpunkt für die Kakadus, das zeigen Aplins Analysen, liegt darin, zu verstehen, dass sie den Deckel nicht hochheben können, solange sie selbst noch darauf stehen. 

Durch eine andere Art Experiment konnten die Forschenden nachweisen, wie wichtig die sozialen Netzwerke für die Anpassungsfähigkeit der Kakadus sind. Sie brachten zwei einzelnen Vögeln bei, dass sie auch knallrot oder blau gefärbte Mandeln fressen können, und stellten in deren Gruppe Futterhäuschen mit den bunten Mandeln auf. Dann ging es rasant, wie die Forschenden beobachteten: Innert zehn Tagen akzeptierten sogar zehn Kilometer entfernt lebende Kakadus die bunten Leckerbissen. 

Das Team dokumentierte zudem, dass sich der Appetit auf die bunten Mandeln über die sozialen Netzwerke der Kakadus verbreitet hatte und dass diese überwiegend durch Nachahmen voneinander gelernt hatten. «Das zeigt, wie rasch sich Nischenverhalten durch so­ziales Lernen verbreiten kann», sagt Aplin. Kein Wunder also, sind die Kakadus auch im Wettstreit um Sydneys Müll noch gut im Rennen.