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Talk im Turm

Gerechte Gesellschaft, gerechte Steuern

Wie viel Ungleichheit verträgt eine Gesellschaft? Im «Talk im Turm» ging es um diese Frage. Und um die, die dahinter liegt: Haben Menschen noch das Gefühl, dass es fair zugeht?
Marita Fuchs
Die Moderatoren mit Silja Häusermann und Florian Scheuer im Gespräch.
Diskutierten am Talk im Turm über die Frage, was die Gesellschaft gerecht(er) macht: die Politikwissenschaftlerin Silja Häusermann (2.v.l.) und der Ökonom Florian Scheuer (3.v.l.) mit den beiden Moderatoren Roger Nickl (1.v.l.) und Thomas Gull (4.v.l.).

Der Talk im Turm als Podcast


Viele Menschen nehmen die Einkommensunterschiede als gross wahr und sehen nur geringe Chancen für den eigenen sozialen Aufstieg. Das zeigen Umfragen der OECD. Gleichzeitig wächst die Sorge, den Lebensstandard nicht halten zu können. Gerade in Europa erwarten viele, später einmal schlechter dazustehen als ihre Eltern. Das hat Folgen: Wer nicht mehr an den eigenen Aufstieg glaubt, verliert leicht das Vertrauen in das politische System. Die Skepsis gegenüber der Politik nimmt zu – und damit auch die Anfälligkeit für einfache Antworten.Hinzu kommen neue Unsicherheiten. Technologische Umbrüche, vor allem die Künstliche Intelligenz, verändern die Arbeitswelt spürbar.

Vor diesem Hintergrund diskutierten die Politikwissenschaftlerin Silja Häusermann und der Ökonom Florian Scheuer am vergangenen Montag im «Talk im Turm», der gemeinsam von UZH Alumni und der UZH Kommunikation organisiert wird, über gerechte Steuern und gerechte Politik und damit verbunden die ganz grundsätzlichen Fragen, was eine gerechte Gesellschaft ausmacht und was es braucht, um die Gesellschaft gerechter zu machen. Besonders im Fokus waren dabei die USA und die Schweiz. Moderiert wurde der Anlass von den UZH-Magazin-Redaktoren Thomas Gull und Roger Nickl.

Ungleichheit: ein transatlantischer Unterschied

Dass die Ungleichheit in den USA stark zugenommen hat, ist unbestritten. Seit den 1970er-Jahren hat das eine Prozent der Meistverdienenden seinen Anteil am Gesamteinkommen auf 25 Prozent verdoppelt, wie Ökonom Florian Scheuer erklärte. In Europa liegt dieser Anteil deutlich tiefer, in der Schweiz bewegt er sich seit Jahren relativ stabil zwischen 8 und 12 Prozent.

Für Scheuer liegt der Unterschied weniger in Globalisierung oder technologischem Wandel als in den Institutionen: das Bildungssystem, die Steuerpolitik und politische Einbindung der Bürger:innen funktionieren in der Schweiz anders als in den USA. Häusermann ergänzte, dass Ungleichheit nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische Frage sei.

Politik, die ausgleicht – oder nicht

In der Schweiz übernehmen politische Institutionen eine wichtige Ausgleichsfunktion. Das öffentliche Bildungssystem und gemeinsame Institutionen schaffen, so Häusermann, verbindende Erfahrungsräume und tragen damit zur sozialen Integration bei. Auch die direkte Demokratie wirke als Korrektiv: Sozialpolitische Reformen seien wiederholt an der Urne durchgesetzt worden und hätten konkrete Risiken – etwa Altersarmut – reduziert.

Gleichzeitig zeigt sich ein Spannungsfeld: Zwar wünschen sich viele Menschen mehr Gleichheit, wie verschiede Befragungen belegen. Doch konkrete Umverteilungsmassnahmen stossen oft auf Skepsis. Häusermann verwies darauf, dass komplexe Vorlagen an der Urne häufig nach einfachen Mustern beurteilt werden: Viele Stimmbürgerinnen und Stimmbürger orientieren sich an den Empfehlungen von Parteien oder Regierung – auch, weil gerade bei Steuer- und Umverteilungsvorlagen oft schwer abschätzbar ist, welche Konsequenzen sie haben.

Steuerpolitik und ihre Grenzen

Besonders deutlich zeigt sich dieses Spannungsfeld in der Steuerpolitik – etwa bei der Besteuerung hoher Vermögen. In der Schweiz ist sie politisch umstritten: Vorschläge für Kapitalgewinn- oder Erbschaftssteuern scheitern regelmässig an der Urne.

Der Ökonom Florian Scheuer plädiert deshalb für pragmatische Lösungen. Moderate Vermögenssteuern wie in in der Schweiz sichern stabile Einnahmen für den Staat und sind politisch eher mehrheitsfähig als weitreichende Reformen. Mit Blick auf die abgelehnte Juso- Initiative für eine 50-prozentige Erbschaftssteuer zeigte er sich skeptisch – solche Vorschläge seien selbst aus einer Umverteilungsperspektive kaum realistisch.

Ein Blick in die USA zeigt, wie anders die Lage sein kann: Dort trägt das Steuersystem nur begrenzt zur Umverteilung bei. Sehr vermögende Personen haben oft eine vergleichsweise geringe effektive Steuerlast, weil sie oft keines oder ein nur sehr tiefes Einkommen haben. Ihren Lebensunterhalt finanzieren sie nach dem Prinzip: «buy, borrow, die», was bedeutet, dass sie ihren Lebensunterhalt über Kredite finanzieren, die sie auf ihre Aktien und andere Vermögenswerte aufnehmen.

Wie Musk und Bezos Steuern vermeiden

Superreiche wie Jeff Bezos oder Elon Musk beziehen deshalb oft kaum klassische Arbeitseinkommen, für die sie Steuern bezahlen müssten. Stattdessen halten sie grosse Beteiligungen an ihren Unternehmen, deren Wert über die Zeit steigt. Besteuert werden diese Beteiligungen erst beim Verkauf. So umgehen sie einen grossen Teil der Steuerbelastung.

Am Ende der Diskussion wurde deutlich, dass sich die Frage der Ungleichheit nicht auf Einkommen und Vermögen reduzieren lässt. Häusermann und Scheuer unterstrichen noch einmal, dass soziale Institutionen eine zentrale Rolle spielen. Gemeinsame Räume – von der Schule bis zum Vereinsleben – stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirken ausgleichend, selbst dort, wo materielle Unterschiede bestehen.

Beiträge aus dem Publikum griffen diesen Gedanken auf. Besonders betont wurde die verbindende Wirkung von Freiwilligenarbeit und in der Schweiz traditionell auch der Armee. Soziale Unterschiede, so der Tenor, blieben zwar bestehen, doch solche gemeinsamen Erfahrungen stärkten den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Bewusstsein für eine gemeinsame Verantwortung.

Die Diskussion machte damit deutlich: Gerechtigkeit und (Chancen)gleichheit ergeben  sich nicht von selbst. Entscheidend sind die politischen und institutionellen Rahmenbedingungen – und die Frage, wie viel Ungleichheit eine Gesellschaft bereit ist zu akzeptieren.