Kann man lieben müssen?
Die Liebe steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Zu lieben ist das höchste Gebot und in Gott liegt die Quelle der Liebe, so das christliche Verständnis. Spricht man im Alltag von Liebe, denkt man zuallererst an die romantische Liebe, die mit verstohlenen Blicken, Candlelight-Dinners, durchtanzten Nächten anfängt – man denkt an Liebesbeziehungen zwischen Paaren. Liebe muss aber nicht zwingend romantisch sein. Sie umfasst viel mehr. Beispielsweise lieben wir unsere Kinder, Geschwister, Freunde, vielleicht unsere Haustiere. Wir wollen wissen, wie es ihnen geht, rufen an, schreiben eine Nachricht. Wir sorgen uns um sie, bringen Essen vorbei, wenn sie krank sind, trösten sie, wenn sie traurig sind. Wir vermissen sie, wenn sie weg sind, freuen uns, wenn sie mit uns zusammen sind. «Von Liebe spricht man, wenn ein Wesen, wenn eine Person für einen besonders bedeutsam ist, sodass man sich um und für sie sorgt», sagt Michael Coors, Professor für Theologische Ethik an der UZH.
Tatsächlich ist der Liebesbegriff gewissermassen der Dreh- und Angelpunkt der theologischen Ethik. Doch erstaunlicherweise wurde dazu schon länger nicht mehr geforscht. Das will das internationale Forschungsnetzwerk «ExiL – Explorations in Love» nachholen. Unter der Co-Leitung von Michael Coors und Kinga Zeller, Professorin an der Theologischen Universität Utrecht, wurde über zwei Jahre hinweg der christliche Liebesbegriff erforscht und diskutiert. «Wir haben uns gefragt, wie die christliche Liebe zu einer theologischen Ethik beitragen kann», sagt Michael Coors.
Mitgefühl und Nächstenliebe
Lieben heisst, mit den anderen mitzufühlen. Und Mitgefühl ist gut, darüber besteht ein breiter kultureller Konsens. «Die positive moralische Bewertung von Mitgefühl ist eine Prägung, die auch dank der christlichen Kultur bis heute nachwirkt», sagt Coors. Entstanden ist das christliche Liebesethos des Mitgefühls oder der Nächstenliebe in der Antike. Damals begannen erste christliche Gemeinden sich um Arme und Alte zu kümmern. «Aus diesem frühchristlichen Engagement entwickelten sich allmählich Fürsorgesysteme», sagt der Ethiker. Die Fürsorge institutionalisierte sich immer mehr, zunächst im 3. und 4. Jahrhundert in Pflegespitälern, später in christlichen Orden, dann in diakonischen Häusern. «Der Verbindung von Nächstenliebe und Pflege haftet eine gewisse Ambivalenz an», erklärt Coors. Oft wurden nämlich Diakonissen unter dem Deckmantel der Nächstenliebe zu Pflegearbeit verpflichtet und so ausgebeutet. Als eigenständiger Beruf etablieren konnte sich die Krankenpflege erst im 20. Jahrhundert – dank dem Engagement von Agnes Karll. Die deutsche Krankenschwester und Präsidentin des International Council of Nurses setzte sich Anfang 20. Jahrhundert dafür ein, dass Pflegearbeit professionalisiert wurde. «Auch wenn sich heute die Care-Arbeit grösstenteils säkularisiert hat, ist sie in ihrem Ethos der Sorge für Hilfsbedürftige durchaus noch vom Christentum geprägt», sagt Coors. So haben viele Pflegeeinrichtungen eine kirchliche Trägerschaft.
Und wie steht es mit der Nächstenliebe im Privaten? Was heisst Mitfühlen, wenn es um die Angehörigen geht? «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst», fordert das Gebot. Doch kann man lieben müssen? Diese Frage hat sich vielleicht schon manche Kirchgängerin oder mancher Kirchgänger gestellt, wenn am Sonntagmorgen über die christliche Liebe gepredigt wird, während die Kirchenbank so langsam im Rücken drückt, der geschunden ist vom Pflegen des betagten Grossonkels. Dieser reisst vielleicht bösartige Sprüche, nachdem man ihn aus dem Bett in den Rollstuhl gehoben und auf den sonnigen Balkon geschoben hat.
![]()
Kierkegaards Ethik der Liebe kann als Sehschule bezeichnet werden, in der man die Liebe übt.
Die Nächstenliebe könnte Motivation sein, es trotzdem zu tun – den Onkel zu pflegen, obwohl er undankbar ist. Doch was, wenn sich keine Zuneigung, sondern Abneigung einstellt? Muss ich meinen Grossonkel trotzdem lieben? Geht das überhaupt: ein Gefühl verordnen? Denn Liebe ist auch ein Gefühl, und die Eigenart von Gefühlen ist, dass sie sich einstellen und eben gerade nicht willentlich herbeigeführt werden.
Das Lieben üben
Wie also steht es um Moral und Gefühl? Was genau ist hier moralisches Gebot: das Handeln oder das Fühlen? Tatsächlich kann einem das Liebesgebot ziemliches Kopfzerbrechen bereiten. Gleichzeitig zu lieben und einer Pflicht nachzugehen, kommt der Quadratur des Kreises gleich. «Hier wird es interessant», sagt Lea Hümbeli, Mitglied des Forschungsnetzwerks ExiL und Assistentin am Institut für Sozialethik. Sie fokussiert sich in ihrer Forschung auf die Bedeutung des Gefühls im christlichen Liebesbegriff. «Sicher lässt sich die christliche Liebe nicht auf eine Emotion reduzieren», sagt die Ethikerin, «doch sie ist auch eine Emotion.» Das Liebesgebot zwinge nicht zu bestimmten Empfindungen, aber es könne durchaus als Aufforderung, das Lieben zu üben, verstanden werden. «Diese Art zu lieben könnte heissen, sich jedem andern gegenüber offen zu halten», sagt Hümbeli.
Üben könne man dies beispielsweise in der Kirchgemeinde, so die Forscherin. «In diesem zusammengewürfelten Mix von Leuten, die unter anderem gemeinsam singen, versuchen die Menschen offen zu bleiben, auch wenn sie sich nicht unbedingt alle mögen.» Das Liebesgebot bedeute mehr als Toleranz, Respekt und Anerkennung, auch mehr als die Goldene Regel der Ethik. Dieser universalistische moralische Grundsatz fordert, dass man andere so behandelt, wie man von ihnen behandelt werden will. Doch dafür brauche es nicht zwingend ein Gefühl wie Empathie oder Mitgefühl.
Liebe als Sehschule
Lieben heisst auch, den andern, die andere sehen. Lea Hümbeli verweist auf Søren Kierkegaard, mit dessen Liebesethik-Konzept sie die christliche Liebe erforscht. «Seine Ethik der Liebe kann als Sehschule bezeichnet werden», sagt die Theologin, «in der man die Liebe übt.» Gemäss dem dänischen Philosophen und Theologen mache Liebe zunächst blind, weil sie auf alle abziele, wie es bei der Nächstenliebe der Fall ist. Sie orientiere sich nicht wie die Vorliebe an besonderen Eigenschaften oder dem Status eines Menschen. Wenn aber eine einzelne Person vor uns steht, wird sie sichtbar in ihrer Einzigartigkeit und Wichtigkeit, dann wird die Liebe sehend. «In diesem Moment realisiert sich die Liebe in diesem bestimmten Menschen», erklärt Lea Hümbeli.
Liebe kann allerdings auch missbräuchlich und gefährlich sein. Der Liebesbegriff ist in jüngster Zeit zunehmend in Ungnade gefallen: toxische Liebesbeziehungen, Missbrauch in kirchlichen Institutionen, sexuelle Übergriffe in privaten und in öffentlichen Bereichen, gefährliche Abhängigkeiten. Was ist toxische Liebe und wie unterscheidet sie sich von guter, konstruktiver Liebe? Gibt es Kriterien, die eine konstruktive von einer destruktiven Liebe unterscheiden? Für das Forschungsteam sei es wichtig gewesen, sich auch mit verzerrter oder gefährlicher Liebe auseinanderzusetzen, erklärt Michael Coors. Für ihn liegt die Problematik in der Verbindung von moralischer Handlungsanweisung und Emotion, die das Liebesgebot verschränkt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, heisst es in der Bibel. Doch Emotionen lassen sich manchmal schlecht steuern. Gefühle können überschwänglich, egoistisch, mächtig und dann auch unkontrollierbar werden und so toxisches Beziehungsverhalten begünstigen.
Ungleiche Machtverhältnisse reflektieren
Aus diesem Grund ist es wichtig, sich zu überlegen, wie eine Beziehung in ethischer Hinsicht geregelt ist. Es gehe nicht nur darum, dass man lieben soll, sondern auch darum, wie man lieben soll. «Das christliche Liebesethos braucht selbst eine Ethik der Liebe, ein ethisches Korrektiv, das paternalistische Übergriffe und toxische Beziehungen verhindern soll», sagt der Sozialethiker. Eine Ethik der Liebe richtet sich deshalb gegen manipulatives Verhalten, reflektiert ungleiche Machtverhältnisse, Abhängigkeiten, Ungerechtigkeit.
![]()
Eine konstruktive Liebe liebt die Freiheit, sie schätzt die geliebte Person in ihrer Einzigartigkeit als freie Person.
Und was ist gute Liebe? «Eine konstruktive Liebe liebt die Freiheit, sie schätzt die geliebte Person in ihrer Einzigartigkeit als freie Person», sagt Michael Coors. Oder wie es Søren Kierkegaard 1847 in seinem Buch «Der Liebe Tun» formulierte: «Wenn es Pflicht ist, in der Liebe die Menschen zu lieben, welche man sieht, so gilt es in der Liebe zu dem einzelnen wirklichen Menschen, keine eingebildete Vorstellung davon unterzuschieben, wie man meinen oder wünschen könnte, dass dieser Mensch sein solle.»