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UZH Alumni

«Ich vermisste den chinesischen Speed»

UZH-Alumnus Thomas Oetterli über kulturelle Unterschiede zwischen der Schweiz und China, seine Karriere in der Wirtschaft und was er von seiner Studienzeit mitgenommen hat.
Autor: Philippe Monnier, freier Journalist
Portraitbild Thomas Oetterli
Für Unternehmen wie Rieter ist die Nähe zu Hochschulen wie der UZH oder der ETH ein grosser Vorteil, sagt Thomas Oetterli. (Bild: Manuela Jans-Koch / Luzerner Zeitung)

Thomas Oetterli hat an der UZH Betriebswirtschaftslehre studiert und einen grossen Teil seiner Karriere beim Aufzugskonzern Schindler verbracht, unter anderem in China. Noch bis Ende Oktober steht er als Verwaltungsratspräsident und CEO an der Spitze des Winterthurer Textilmaschinenherstellers Rieter. Im Gespräch mit UZH Alumni erzählt er, weshalb praktische Erfahrungen und Auslandsaufenthalte für Studierende wertvoll sind, was ihn am rasanten Tempo Chinas beeindruckte und warum Innovation der Schlüssel zum Erfolg der Schweizer Industrie bleibt.

UZH Alumni: Hatten Sie während Ihres Studiums der Betriebswirtschaftslehre an der UZH bereits ein klares Berufsziel vor Augen?

Thomas Oetterli: Ich wollte schon immer in die Wirtschaft. Bereits im Gymnasium habe ich mich deshalb für das Wirtschaftsgymnasium entschieden. Themen wie Buchhaltung und Unternehmensführung interessierten mich schon mit 13 Jahren. Auch bei meinen ersten Ferienjobs war für mich klar, dass ich später einmal in der Wirtschaft tätig sein wollte.

Entscheidend war der Wunsch, etwas zu gestalten und zu verändern. In einem Unternehmen sah ich die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und Dinge weiterzuentwickeln. Damals wusste ich natürlich noch nicht, was ein CEO genau macht.

Ich finde es wichtig, während des Studiums neben der Theorie auch praktische Erfahrungen zu sammeln.

Thomas Oetterli

Bereits während des Studiums haben Sie bei Telekurs und Schindler gearbeitet. Würden Sie Studierenden empfehlen, früh Berufserfahrung zu sammeln und ein Auslandssemester einzuplanen?

Ich finde es wichtig, neben der Theorie praktische Erfahrungen zu sammeln. Diese müssen nicht unbedingt mit dem Studium übereinstimmen. Es geht vielmehr darum zu erfahren, was es heisst, zu arbeiten. Wer bis 25 nur Schule und Universität kennt, ist aus meiner Sicht noch nicht wirklich auf das Berufsleben vorbereitet.

Auch ein Auslandsaufenthalt erweitert den Horizont und führt aus der Komfortzone. Dabei ist das Land gar nicht so wichtig. Selbst ein Aufenthalt in der Romandie kann diese Wirkung haben, wenn man aus der Zentralschweiz kommt. Entscheidend ist, das vertraute Umfeld zu verlassen, auf sich selbst gestellt zu sein und andere kulturelle Perspektiven kennenzulernen.

Sie sind bei Schindler im Finanzbereich gestartet, bevor Sie zahlreiche General-Management-Funktionen übernommen haben. Ist Finance ein guter Ausgangspunkt für eine spätere Führungsrolle mit breiter Verantwortung?

Ein Finanzhintergrund hilft, das Gesamtunternehmen zu verstehen. In jeder Führungsposition muss man Ziele erreichen und deshalb die Zahlen verstehen und wissen, wie man sie beeinflussen kann.

Das allein reicht aber nicht für eine Gesamtverantwortung. Ein Finanzexperte braucht beispielsweise auch eine Affinität für Verkauf oder Technik. Umgekehrt sollte jemand aus dem Verkauf ein gutes Zahlenverständnis mitbringen. Entscheidend ist die Kombination.

Als ich nach China ging, hatte ich wie viele Schweizer das Vorurteil, China stehe für tiefe Kosten und schlechte Qualität.

Thomas Oetterli

Sie haben drei Jahre lang das China-Geschäft von Schindler geleitet. Was hat Sie in China am meisten geprägt?

Als ich nach China ging, hatte ich wie viele Schweizer das Vorurteil, China stehe für tiefe Kosten und schlechte Qualität. Vor Ort wurde ich eines Besseren belehrt. Das Land ist nicht nur unglaublich gross, sondern verfügt auch über enormes Wissen. Wir im Westen haben China über Jahrzehnte unterschätzt.

Am meisten beeindruckt hat mich die Geschwindigkeit. Ein Jahr in China ist gefühlt wie fünf Jahre in Europa. Nach meiner Rückkehr vermisste ich diesen «chinesischen Speed» – es war fast schwieriger, mich wieder an Europa zu gewöhnen als zuvor an China. Diese Erfahrung, was in kurzer Zeit alles möglich ist, hat mich nachhaltig geprägt.

Unsere Innovationskraft ist unser entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Thomas Oetterli

Rieter ist global aufgestellt. Welche Funktionen eignen sich heute und künftig besonders für den Standort Schweiz?

Aus meiner Sicht gibt es zwei Arten von Funktionen, die in der Schweiz angesiedelt sein sollten. Zum einen sind dies die Governance-Funktionen. Ein grösseres, börsenkotiertes Unternehmen hat zahlreiche regulatorische Verpflichtungen. Funktionen wie Legal, Corporate Marketing and Communications oder die Konsolidierung sollten deshalb zentral am Hauptsitz angesiedelt sein.

Zum anderen gehört die Schweiz zu den innovativsten Ländern der Welt. Wir verfügen über hervorragende Hochschulen – für uns in Winterthur etwa die ZHAW, aber auch die Universität Zürich und die ETH Zürich –, die jedes Jahr sehr gut ausgebildete junge Menschen hervorbringen. Innovation ist ein entscheidender Differenzierungsfaktor für ein Schweizer Unternehmen wie Rieter. Deshalb sollten Innovation, Kern-Know-how und die Entwicklung zentraler Komponenten weiterhin in der Schweiz beziehungsweise in Europa angesiedelt sein.

Wie schützen Sie Ihre wichtigsten Innovationen, wenn Patente häufig nur begrenzten Schutz bieten?

Unsere Schutzrechte und Patente setzen wir konsequent durch. Wenn wir feststellen, dass jemand versucht, uns zu kopieren, gehen wir rechtlich dagegen vor. In China und Indien ist es heute wesentlich einfacher, Schutzrechte auch gegenüber lokalen Wettbewerbern durchzusetzen als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.

Gleichzeitig ist Innovation ein kontinuierlicher Prozess. Man erfindet nicht einmal etwas und kann sich dann zwanzig Jahre darauf ausruhen. Der Wettbewerb wird immer versuchen, Patente zu umgehen und ähnliche Lösungen zu entwickeln. In China hört man dazu manchmal den Spruch: «Seid doch froh, wir kopieren nur gute Sachen.» In diesem Sinne ist kopiert zu werden auch eine Bestätigung, dass man etwas Gutes entwickelt hat.

Darüber hinaus gibt es Bereiche der Produktentwicklung, die wir als Kern-Know-how betrachten und bewusst in der Schweiz beziehungsweise in Europa behalten. Dieses Wissen schützen wir nicht nur durch Patente, sondern beispielsweise auch dadurch, dass bestimmte Produkte oder Komponenten ausschliesslich hier hergestellt werden.

Welche Bedeutung hat die UZH heute für Sie und Rieter?

Die UZH ist für mich natürlich extrem wichtig, weil ich dort studiert habe. Ich habe dort sehr viel gelernt und sehr gute Erinnerungen an meine Studienzeit.

Für Rieter ist die Nähe zu Hochschulen wie der UZH oder der ETH ebenfalls ein grosser Vorteil. Wir können gemeinsame Forschungsprojekte durchführen und sehr gute Praktikantinnen und Praktikanten gewinnen. Auch viele unserer Mitarbeitenden im betriebswirtschaftlichen Bereich haben an der UZH studiert.