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Ernährung

Die Welt wird dicker

Wir essen zu viel und bewegen uns zu wenig. Das kann unseren Energiehaushalt aus dem Lot bringen. Mögliche Konsequenzen sind Übergewicht und Fettleibigkeit. Der Physiologe Thomas Lutz und der Adipositas-Spezialist Philipp Gerber erforschen, wie Betroffene wieder ins Gleichgewicht kommen.
Roger Nickl
Frau wendet Abnehmspritze an.
«Abehmspritzen sind zur Bekämpfung von Adipositas ein probates Mittel, nicht aber als Lifestyle-Medikament», sagt Mediziner Philipp Gerber. (Bild: iStock/Suzi Media Production)

Menschen bringen weltweit immer mehr auf die Waage. Der Bericht der Unicef zur Ernährung von Kindern rund um den Globus von 2025 hält fest, dass sich die Zahl der Übergewichtigen in den letzten 25 Jahren verdoppelt hat. Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es gemäss dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen auf der Erde mehr Kinder, die fettleibig sind, als untergewichtige. Die dramatische Entwicklung zu zu vielen Pfunden zeigt sich vor allem in Ländern mit durchschnittlich tiefen bis mittleren Einkommen.  Und sie betrifft nicht allein Kinder, sondern auch Erwachsene.

Aber auch in Ländern mit einem hohen Wohlstand nimmt die Zahl der Menschen, die zu viel wiegen, stetig zu. In der Schweiz sind gemäss einer Statistik des Bundesamts für Gesundheit 43 Prozent der Bevölkerung übergewichtig, 13 Prozent davon gelten als fettleibig (adipös) – das sind doppelt so viele wie vor dreissig Jahren. Übergewicht und Adipositas belasten den Körper stark und haben gravierende Folgen für die Gesundheit: Sie erhöhen das Risiko für Folgekrankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes mellitus, aber auch für einige Krebsarten.

Unscheinbare Fruchtsäfte

Doch weshalb wird die Welt immer dicker? Die Gründe dafür sind vielfältig. «Das Hauptproblem ist, dass wir viel mehr Energie aufnehmen, als wir verbrauchen», sagt UZH-Veterinärphysiologe und Ernährungsforscher Thomas Lutz, «kurz gesagt: Wir essen einfach zu viel und bewegen uns zu wenig.» Und wir essen nicht immer das, was uns auch wirklich guttut. In vielen Lebensmitteln sind zu viele Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Zucker und Fett in hochkonzentrierter Form vorhanden. Das bedeutet, dass man wenig davon konsumieren muss, um bereits grosse Energiemengen zu sich zu nehmen.

Research Spotlight: Was tun, wenn der Energiehaushalt aus dem Lot ist? (Video: Katharina Weins, UZH Kommunikation und Angela Spörri, MELS UZH)

Solche Energiebomben sind manchmal ziemlich unscheinbar. Denn nicht nur industriell produzierter Junkfood weist eine hohe Konzentration an Nährstoffen auf, sondern auch manche Lebensmittel, die wir auf den ersten Blick als gesund einstufen – etwa Fruchtsäfte und Proteinshakes. «Hinter alles, was man nicht natürlicherweise flüssig zu sich nimmt, sollte man ein Fragezeichen setzen», sagt Adipositas-Spezialist und UZH-Titularprofessor Philipp Gerber. Fruchtsäfte jagen den Blutzucker im Körper kurzfristig hoch, dafür fehlen die Pflanzenfasern, die für eine langsame und gute Verdauung wichtig sind. «Mit dem Food-Processing sind wir zu Nahrungsmitteln gekommen, die nicht mehr dem entsprechen, wofür wir biologisch konstruiert sind», sagt Gerber, «generell sollten wir etwa weniger Kohlenhydrate, und wenn, dann mehr Vollkornprodukte zu uns nehmen.»

Lutz

Unser Körper ist darauf programmiert, nicht zu verhungern, für ein Leben im Nahrungsmittelüberfluss ist er nicht gemacht.

Thomas Lutz
Veterinärphysiologe

Denn physiologisch gesehen sind wir eigentlich noch Jägerinnen und Sammler. Unsere Vorfahren ernährten sich von Wurzeln, Pflanzen und ab und zu von einem Stück Fleisch – und immer wieder gab es einfach nichts. Diese Lebensweise spiegelt sich auch in unserer Biologie. «Unser Körper ist darauf programmiert, nicht zu verhungern», sagt Thomas Lutz, « für ein Leben im Nahrungsmittelüberfluss, wie wir ihn heute oft haben, ist er eigentlich nicht gemacht.» Teil dieses biologischen Programms, das unsere Ernährung reguliert, sind verschiedene Hormone, die unser Essverhalten beeinflussen und den Bedarf und den Verbrauch von Energie steuern. In seiner Forschung hat sich Thomas Lutz intensiv mit der Wirkung solcher Botenstoffe beschäftigt.

Eines dieser Hormone ist Leptin. Hat der Körper zu wenig Fettgewebe und damit gespeicherte Energie, sinkt auch der Leptinspiegel. Ist das der Fall, machen wir uns auf die Suche nach Nahrung. «Das Hormon ist ein wunderbarer biologischer Sensor, der uns davor schützt, zu verhungern», sagt Thomas Lutz. In die umgekehrte Richtung funktioniert er aber kaum: Steigt der Leptinpegel an, weil wir zu viel Fettgewebe haben, führt das nicht dazu, dass die Nahrungsaufnahme reduziert wird. Das ist ein Mechanismus, der in der Evolution nicht vorgesehen ist – deshalb funktioniert er in Zeiten des Überflusses offensichtlich nur schlecht.   

Amylin, einem anderen Hormon, das in unserer Ernährungsphysiologie eine wichtige Rolle spielt, hat Thomas Lutz viele Jahre seiner Forscherkarriere an der UZH gewidmet. Wenn wir essen, wird das Hormon in unserem Körper zusammen mit Insulin freigesetzt. Es reguliert das Sättigungsgefühl, verlangsamt die Magenentleerung und hemmt die Freisetzung von Glukagon, das den Blutzuckerspiegel hochfährt. Das Hormon beeinflusst aber auch das Belohnungszentrum in unserem Hirn. Produziert der Körper mehr davon, sinkt unser Appetit auf energiereiche Nahrung wie Zucker und Kohlenhydrate. So ist Amylin Teil des biologischen Systems, das dafür zuständig ist, die Energieaufnahme und den Energieverbrauch, oder anders gesagt, das Verhältnis von Hunger und Sättigungsgefühl in unserem Körper so gut wie möglich in einem gesunden Gleichgewicht zu halten.

Zu viel Energie tanken

Bei Menschen mit Adipositas gerät dieses Gleichgewicht völlig aus dem Lot. Das Sättigungsgefühl stellt sich bei ihnen auch dann nicht ein, wenn der Körper bereits mehr als genug Energie getankt hat. Dass dies so ist, hat viel mit ihrer individuellen Biologie zu tun. «Eine Untersuchung mit Süssgetränken hat gezeigt, dass Menschen, die vorteilhafte Gene haben, viel von solchen Softdrinks konsumieren und ihre Energiebilanz trotzdem mehr oder weniger im Gleichgewicht halten können», sagt Philipp Gerber. Die Kohlenhydrate, die sie zu viel eingenommen haben, kompensieren sie unter anderem, indem sie sonst weniger davon essen.

Bei Adipositas funktioniert dieser Ausgleich genetisch bedingt schlecht bis gar nicht. «Das Sättigungsgefühl können wir willentlich nicht beeinflussen», sagt Gerber. Für ihn und für Thomas Lutz ist deshalb klar, dass Adipositas eine Krankheit ist und keine Charakterschwäche der Betroffenen. Dies deckt sich mit der Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Fettleibigkeit als chronische Krankheit definiert. «Menschen sind nicht allein schuld daran, adipös zu sein», sagt Philipp Gerber. Vorurteile fettleibigen Menschen gegenüber seien in der Gesellschaft aber immer noch weit verbreitet – völlig zu Unrecht.

Mit der Spritze abnehmen

In ihrer Forschung beschäftigen sich Thomas Lutz und Philipp Gerber auf unterschiedlichen Ebenen mit der Frage, wie Übergewicht und Adipositas erfolgreich bekämpft und die Energiebilanz im Körper wieder ins Lot gebracht werden kann. Mit seiner Grundlagenforschung zu Amylin hat Veterinärphysiologe Thomas Lutz die Basis für die Entwicklung von neuen Medikamenten gegen Fettleibigkeit geschaffen. Denn das Sättigungshormon kann auch dabei helfen, das Körpergewicht zu reduzieren. Eine Abnehmspritze mit einem Wirkstoff, der auf Amylinbasis entwickelt wurde, steht kurz vor der Zulassung. Andere Präparate, die die Sättigung fördern und den Appetit hemmen, sind bereits auf dem Markt erhältlich.

«Im Vergleich zu bestehenden Produkten haben Amylin-basierte Präparate nach aktuellem Kenntnisstand mildere Nebenwirkungen», sagt Thomas Lutz, «sie verursachen etwa weniger Übelkeit.» Im therapeutischen Alltag von Philipp Gerber am Adipositas-Zentrum des Universitätsspitals Zürich ist die Verordnung von Abnehmspritzen ein wichtiges Element der Behandlung, neben Ernährungsberatung, sozial-psychologischer Betreuung und in besonders schweren Fällen Magenbypass-Operationen. «Mit Hilfe solcher Spritzen können wir das Gewicht von Patientinnen und Patienten im Durchschnitt bis zu zwanzig Prozent reduzieren», sagt Gerber, «zur Bekämpfung von Adipositas sind sie ein probates Mittel, nicht aber als Lifestyle-Medikament.»

Gerber

Diäten müssen nicht nur wirkungsvoll, sondern auch lebbar sein, sonst bringen sie nichts.

Philipp Gerber
Adipositas-Spezialist

Abnehmspritzen wirken nur, solange man sie anwendet. Werden die Medikamente abgesetzt, nimmt man in den meisten Fällen wieder zu. Das bedeutet, dass sie dauerhaft genommen werden müssen. Das ist aber nicht immer möglich. Zurzeit werden die Kosten für verordnete Spritzen von den Krankenkassen für drei Jahre übernommen. Danach müssen die Patientinnen und Patienten selbst dafür aufkommen. Das sei ungerecht, weil nicht alle Betroffenen die finanziellen Möglichkeiten dazu haben, findet Adipositas-Spezialist Philipp Gerber, und es sei kurzsichtig. Denn Abnehmspritzen helfen, das Entstehen von Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme oder Diabetes zu verhindern, was wiederum das Gesundheitssystem entlastet. Momentan wird in der Schweizer Politik darüber diskutiert, ob solche Spritzen ganz aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen-Grundversicherung gestrichen werden sollen. «Ein Entscheid in diese Richtung wäre aus medizinischer Sicht völlig falsch», sagt Gerber.

Wirkungsvoll fasten

In seiner Forschung beschäftigt sich Ernährungsspezialist Gerber nicht nur mit Adipositas, sondern generell mit der Frage, wie wir erfolgreich abnehmen können. Deshalb hat sich der Arzt in einer Studie mit einem anhaltenden und weit verbreiteten Ernährungstrend beschäftigt: dem intermittierenden Fasten. Wer auf diese Weise Diät hält, teilt seinen Tag in Ess- und Fastenperioden ein – zum Beispiel acht Stunden essen, sechzehn Stunden fasten. Eine andere Spielart des intermittierenden Fastens ist das so genannte Alternate-Day Fasting, bei dem sich Fastentage ohne oder mit stark reduzierter Kohlenhydrataufnahme mit normalen Esstagen abwechseln.

So beliebt das intermittierende Fasten ist, so unklar war bislang, welche Variante am effektivsten ist. Gerbers vor kurzem publizierte Studie zeigt nun, dass mit Alternate-Day Fasting Körpergewicht und Fettmasse am effektivsten reduziert werden können. Jeden zweiten Tag ganz oder fast ganz auf das Essen zu verzichten, grenzt allerdings für viele Menschen an Selbstkasteiung. Der Forscher will deshalb in weiteren Studien untersuchen, was und wie viel wir beim Alternate-Day Fasting essen können, um dennoch erfolgreich abzunehmen. «Diäten müssen nicht nur wirkungsvoll, sondern auch lebbar sein», sagt der Arzt, «sonst bringen sie nichts.» Und sie sollten individuell angepasst sein: Denn Diäten wirken nicht bei allen Menschen gleich, zu unterschiedlich ist unsere Ernährungsphysiologie.

«Deshalb sollten wir Übergewicht und Adipositas künftig personalisierter behandeln», ist Philipp Gerber überzeugt. Eine Möglichkeit dazu bietet ein tragbares Atemmessgerät, das das ETH-Spin-off Alivion entwickelt, mit dem Gerber zusammenarbeitet. An unserem Atem lässt sich feststellen, wann der Körper Fett verbrennt und wir beginnen, besonders effektiv abzunehmen. Genau dieser Moment lässt sich mit dem tragbaren Messgerät bestimmen. Dies erlaubt es, Diäten und Essempfehlungen optimal an die individuelle Physiologie anzupassen. «Mit solchen Wearables könnte künftig auch die Behandlung von Adipositas zielgerichteter und effektiver werden», sagt Gerber.

Politik ist gefragt

Mit ihrer Forschung tragen Thomas Lutz und Philipp Gerber dazu bei, die weit verbreiteten Übergewichtsprobleme zu lösen. Viele der im aktuellen Unicef-Bericht erwähnten Kinder werden allerdings nicht davon profitieren können. Um der epidemischen Zunahme von Übergewicht und Adipositas weltweit etwas entgegenzusetzen, empfiehlt das Kinderhilfswerk vor allem politische Massnahmen gegen hochverarbeitete ungesunde Lebensmittel und Fastfood – etwa klare Kennzeichnungen, das Verbot von Werbung oder das Untersagen von Junkfood an Schulen.