Von der Unterhose zum «unwürdigen» Nobelpreis
Wissenschaft ist eine ernste Sache – oder doch nicht? Dass Forschende durchaus Humor haben und gelegentlich sogar zu Irrwitz neigen, bewiesen sie an der gestrigen Verleihung der Ig-Nobelpreise im Züricher Kongresshaus. Beim satirischen Gegenstück zu den offiziellen Nobelpreisen im Oktober liefen sie zu Höchstform auf: Da erschienen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Kakerlaken, der «Bundesrat für Verteidigung, Angriff und Neutralität» machte seine Aufwartung, lebensgrosse Bananen boten allzu langen Reden Einhalt und das Preisgeld betrug 10 Billionen Simbabwe-Dollar – umgerechnet 5 Rappen. Schon der Name ist Programm: ‹Ig› macht aus ‹Nobel› ‹ignoble› – also unwürdig oder schmachvoll.
Erstmals ausserhalb der USA
Zum ersten Mal seit 35 Jahren wurden die Ig-Nobelpreise ausserhalb der USA vergeben. Dies, weil aufgrund der aktuellen amerikanischen Einreisebeschränkungen nicht sichergestellt werden konnte, dass alle Eingeladenen hätten teilnehmen können. «Wir suchten einen Ort, der für die internationale Wissenschaftsgemeinschaft unkompliziert erreichbar ist», sagte Marc Abrahams, Initiant und offizieller Zeremonienmeister der Ig-Nobelpreise. Und da sprangen die Universität Zürich (UZH) und der ETH-Rat als Patronatsgeber kurzfristig ein.
So humorvoll und selbstironisch die Veranstaltung sich jeweils gestaltet, die prämierten Studien sind seriös gemacht und durchaus ernst gemeint. Den «unwürdigen» Nobelpreis erhalten ausschliesslich Forschungen, die so kurios klingen, dass man zuerst darüber lachen, dann aber darüber nachdenken muss.
Von milchgebenden Kakerlaken bis zum idealen Urinal
In Zürich ausgezeichnet wurde zum Beispiel eine Studie über das Küssen bei Tieren und Menschen, in der ein Kuss als «nicht aggressive Wechselwirkung bei einem Mund-zu-Mundkontakt ohne Nahrungsaufnahme» definiert wird. Ein Team von Wirtschaftswissenschaftlern fand heraus, dass Eltern aus der Oberschicht häufiger die Süssigkeitsvorräte ihrer Kinder plündern als solche aus anderen Schichten. Physiker erforschten die ideale Form eines spritzfreien Urinals und Chemieforschende entdeckten, dass das Milchprotein von Kakerlaken dreimal so energiereich ist wie Kuhmilch. Und in Südamerika wurde unter Lebensgefahr und trotz mehrerer Krankenhausaufenthalte in einer Langzeitstudie untersucht, wo man Giftschlangen treten muss bis sie zubeissen.
Überreicht wurden die Preise – ein menschlicher Plastikfuss mit zahlreichen Pilzen – jeweils von anwesenden «richtigen» Nobelpreisträgerinnen und -trägern: Esther Duflo und Abhijit Banerjee von der UZH-Entwicklungsökonomie, der Schweizer Astrophysiker Michel Mayor sowie der britische Biochemiker Sir Tim Hunt liessen es sich nicht nehmen, ihre Kolleginnen und Kollegen zu prämieren.
UZH und Agroscope ausgezeichnet
Um 19:20 Uhr betraten dann der UZH-Agrarökologieprofessor Marcel van der Heijden, Franz Bender, Teamleiter für agrarökologische Bewertungen bei Agroscope, der Wissenschaftsjournalist Atlant Bieri sowie Pia Viviani, Inhaberin einer Agentur für Citizen Science, die grosse Bühne. Sie erhielten den Ig-Nobelpreis für ihre Citizen-Science-Studie «Beweisstück Unterhose» zur Bodenqualität. Im Jahr 2021 konnten sie 1'000 Schweizerinnen und Schweizer überzeugen, über 2'000 Baumwollunterhosen in Vorgärten, auf Feldern und Wiesen zu vergraben. Nach zwei Monaten wurden diese wieder ausgegraben, fotografiert und mit einer Bodenprobe ins Labor zur Analyse geschickt (siehe auch die Medienmitteilung der UZH).
Der nun gewonnene Alternativ-Nobelpreis ist eine grosse Ehre für das gesamte Team. «Wir wollten mit diesem grossangelegten Versuch möglichst viele Menschen zum Mitmachen bewegen und haben deshalb bewusst nach einer etwas provokativen, lustigen Form gesucht», sagt van der Heijden. Sie seien auf Unterhosen gekommen, weil sich die Zellulose der Baumwolle im Boden zersetzt, das Gummiband aber überlebt und wieder auffindbar ist. Gleichzeitig war es auch Ziel, die Bedeutung und Verletzlichkeit der Böden aufzuzeigen. «Der Öffentlichkeit ist nicht bewusst, dass sich 50 Prozent aller Lebewesen im Boden befinden und 95 Prozent der Lebensmittel darin wachsen. Mit unserer Studie wollten wir auf schleichende Bodenerosion und den Rückgang der Biodiversität aufmerksam machen. Und das hat gut geklappt», lacht der Professor.
Auch UZH-Rektor mit dabei
Dass das ganze Team Humor hat, bewies es an der Preisverleihung: Hinter den Geehrten prangte eine Wand mit Unterhosen in unterschiedlichen Zersetzungsstadien und Franz Bender gab sogar ein eigens komponiertes Lied über Slips zum Besten.
Überhaupt wurde an diesem gelungenen Abend in Zürich sehr viel gelacht und gejohlt, die Wissenschaft zeigte sich von ihrer heitersten Seite. Und am Schluss sei noch verraten: In einem der drei gelben Bananenkostüme steckte kein Geringerer als Michael Schaepman, Rektor der UZH. Auch er hatte seinen Spass.