Kunst als Schlüssel zur chinesischen Gesellschaft
Der Hörsaal ist bis auf den letzten Platz belegt. Sogar auf den Fensterbänken sitzen Studierende und lassen sich mitnehmen auf eine Zeitreise durch vier Jahrzehnte zeitgenössischer chinesischer Kunst. Das Besondere daran: Die Vorlesung hält Uli Sigg, der bedeutendste Sammler und beste Kenner der chinesischen Kunstszene seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Alle gezeigten Werke stammen aus seiner Sammlung, die Künstler:innen kennt er alle persönlich.
![]()
Die zeitgenössische Kunst spiegelt die ungeheure Transformation, die China in den vergangenen vierzig Jahren durchgemacht hat.
Als erster westlicher Investor in China, als späterer Schweizer Botschafter und vor allem als Sammler und Förderer zeitgenössischer chinesischer Kunst hat er die Entwicklung, die er in seiner Vorlesung aufzeigt, nicht nur miterlebt, sondern auch geprägt. «Ich habe die chinesische Gesellschaft auch durch die Brille der Kunst studiert», sagt er.
Breit gefasster Blick auf Kunst
Diesen speziellen Blick will Sigg in seiner Vorlesung den Studierenden mitgeben. «Die zeitgenössische Kunst spiegelt die ungeheure Transformation, die China in den vergangenen vierzig Jahren durchgemacht hat», erklärt er im Gespräch. Um sie zu verstehen, brauche es auch Wissen über die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Hintergründe dieser Umwälzung. «Meine Kommentare gehen deshalb über das hinaus, was man vielleicht in einer kunsthistorischen Vorlesung erwarten würde», so Sigg.
![]()
Uli Sigg kann wie niemand sonst Einblick in gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Aspekte zur zeitgenössischen chinesischen Kunst geben.
Die Einbettung der Kunst in ihr soziales Umfeld ist für Ewa Machotka eine zentrale Fragestellung. Sie hat Uli Sigg als Gastprofessor an ihren Lehrstuhl für Ostasiatische Kunstgeschichte am Kunsthistorischen Institut eingeladen. «Mich interessiert, welchen Bezug die Kunst zur Gesellschaft, zur Politik und zur Wirtschaft hat. Uli Sigg kann wie niemand sonst Einblick in all diese Aspekte zur zeitgenössischen chinesischen Kunst geben.»
Umfassende Sammlung
«Im Westen ist das Wissen um die zeitgenössische Kunst in China noch immer wenig ausgebildet», erklärt Sigg. Das hänge unter anderem damit zusammen, dass westliche Kurator:innen einen grossen Teil der Werke gar nicht kennen. «In China selber kann vieles nicht ausgestellt werden und die Kurator:innen erhalten nur einen sehr selektiven Blick auf die Kunst.» Mit seiner Vorlesung will er den Studierenden ein breiteres Wissen über die Kunst und das Umfeld, in dem sie entstanden ist, ermöglichen. «Und ich würde mich freuen, wenn ich in ihnen eine Leidenschaft für die chinesische Kunst entfachen könnte.»
Siggs Sammlung, die er ab den 1990er-Jahren systematisch zusammenstellte, enthält Werke aus allen wichtigen Strömungen und von allen wichtigen Künstler:innen seit den 1970er-Jahren und ist die umfassendste Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst weltweit.
Mehr als 2500 Werke kamen im Laufe der Zeit zusammen. Über 1500 davon übergab er 2012 dem Museum M+ in Hong Kong, damit sie in China einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sind. Er hat zahlreiche Ausstellungen seiner Sammlung ko-kuratiert und an einer grossen Zahl von Publikationen über die Kunst mitgewirkt.
Dabei hat sich Sigg, wie er selbst sagt, die Position eines Beobachters bewahrt, der in seiner Sammlung Entwicklungen dokumentiert und keine Werturteile fällt. «Ich handle sehr faktenbasiert und nicht emotional», so Sigg. Seine Sammlung bildet eine starke Basis, um vielfältige gesellschaftlichen Fragestellungen zu beleuchten und die Auswahl der Werke auf das jeweilige Umfeld abzustimmen. «Es ist nicht dasselbe, ob ich eine Ausstellung in Hong Kong oder hier mache», erklärt er.
Breites Interesse
Wegen des breiteren gesellschaftlichen Bezugs ist die Vorlesung nicht nur für Studierende der Kunstgeschichte interessant, sondern auch für Studierende anderer Fächer. «Die Vorlesung betrachtet Kunst aus einer ganzheitlichen Perspektive», sagt Machotka. Sie trage dazu bei, die Entwicklung in China besser zu verstehen.
Die Kunst habe historisch gesehen schon immer eine zentrale Stellung im kulturellen und kommerziellen Austausch mit China eingenommen und die Rolle Chinas auf der Weltbühne widerspiegelt. Mit dem zunehmenden globalen Einfluss Chinas werde es wichtiger denn je, diese Rolle zu verstehen, sind sich Sigg und Machotka einig. «An der Universität Zürich müssen wir die Expertise dafür ausbauen und vertiefen – es gibt hier dringend eine Lücke zu schliessen», so Machotka.
![]()
Mit der Gastprofessur stärkt die UZH die Ostasiatische Kunstgeschichte.
Für Christian Schwarzenegger, Prorektor Professuren und wissenschaftliche Information, zeigt das grosse Interesse an der Vorlesung, dass sie einen Nerv trifft: «Die Vorlesung ist attraktiv, mit unterschiedlichen Formaten, Gästen und einer Podiumsdiskussion.»
Mit der Gastprofessur wolle die UZH die Ostasiatische Kunstgeschichte stärken – mit dem längerfristigen Ziel, das Angebot auszubauen, wie Schwarzenegger erklärt. Der Einbezug von Expertise aus der Praxis könne zudem dem Studienfach mehr Attraktivität verleihen, ist er überzeugt: «Ich bin sehr glücklich, dass die Gastprofessur von Uli Sigg die Studierenden motiviert, an dem Kurs teilzunehmen.»
Bezug zur Praxis
Einen noch stärkeren Bezug zur Praxis soll eine Lehrveranstaltung im kommenden Frühlingssemester haben. Studierende werden eine virtuelle Ausstellung mit Werken aus der Sammlung von Uli Sigg kuratieren.
Die Lehrveranstaltung gebe den Studierenden einerseits die Möglichkeit, praktische Erfahrung beim Kuratieren einer Ausstellung zu sammeln. Andererseits könnten sie sich mit neuen digitalen Werkzeugen vertraut machen, die Museen aktuell einsetzten. So erhielten sie aus erster Hand Einblick in die Möglichkeiten und Risiken der Digitalisierung, erklärt Machotka. «Am meisten interessiert mich aber, auf welche Fragestellungen sich die Studierenden in ihrer Ausstellung konzentrieren. Und was für ein Bild von China sie damit vermitteln.»