Mut zum Urteil
Theologiestudentin Alina Ring hat einen besonderen Nebenjob. Die 26-Jährige ist Seelsorgerin bei der Schweizer Armee. Wünscht zum Beispiel ein Rekrut ein Gespräch, reist sie nach Chur zur Infanterieschule 12. Dabei kann es um Probleme im Militär, aber auch im Privatleben gehen.
Alina Ring untersteht als Seelsorgerin einer Schweigepflicht. Allerdings: Falls sich im Gespräch zeigt, dass eine Person selbst- oder fremdgefährdet ist, darf sie die Schweigepflicht brechen – sie muss allerdings nicht. «Zum Glück ist diese Situation noch nie eingetreten», sagt Ring: «Denn dann stünde ich vor einem ethischen Dilemma: Soll ich respektieren, dass jemand mir etwas im Vertrauen erzählt? Oder ist prioritär, ein möglicherweise gefährdetes Leben zu schützen?»
Mit solchen ethischen Fragen sieht sich Alina Ring immer wieder konfrontiert, sowohl privat als auch im Studium: Für welche Projekte soll ich Geld spenden? Was denke ich zum Thema assistierter Suizid? Im Rahmen ihres Theologiestudiums hat sie bereits eine Pflichtveranstaltung zu Ethik besucht: «Aber ich fühlte mich danach noch nicht sicher, wie ich ethische Entscheidungen treffen soll.» Dass solche Fragen auch in ihrem Wunschberuf Pfarrerin und Gefängnisseelsorgerin auf sie zukommen werden, davon ist sie überzeugt.
Sicherheit gewinnen
Um mehr Sicherheit im Umgang mit ethischen Entscheidungen zu gewinnen, hat sie sich für das Modul «Ethik und Verantwortung – ethische Urteilsbildung und moralische Kompetenz» angemeldet. Das Institut für Sozialethik der UZH bot das Modul im Frühjahrssemester 2025 erstmals an. Rund 30 Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen nahmen daran teil.
«Wir wollen die Teilnehmenden für ethische Aspekte bei Entscheidungen sensibilisieren und ihre Kompetenz stärken, solche Entscheide zu treffen», sagt Lea Chilian, Oberassistentin am Institut für Sozialethik und Programmverantwortliche des Moduls. Ethische Entscheidungen zu treffen, werde für uns Menschen immer wichtiger, ist Chilian überzeugt. Ein wichtiger Grund dafür: die Globalisierung. Sie macht einerseits die Zusammenhänge komplexer: Welche Nahrungsmittel und Kleidung ich kaufe, hat ökologische und soziale Auswirkungen rund um die Welt. Ausserdem werden wir heute mit einer Vielfalt von Wertvorstellungen konfrontiert, zu denen wir uns eine Meinung bilden sollen.
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Ethische Kompetenz zu erwerben ist wichtig, da Akademikerinnen und Akademiker häufig in beruflichen Positionen mit viel Verantwortung und Entscheidungsbefugnis tätig sind.
Neben der Globalisierung wirft auch der technologische Fortschritt neue Fragen auf: Wie teuer darf eine medizinische Behandlung sein? Welche Entscheidungen überlassen wir der Künstlichen Intelligenz? «Ethische Kompetenz zu erwerben ist gerade für Studierende wichtig, da Akademikerinnen und Akademiker häufig in beruflichen Positionen mit viel Verantwortung und Entscheidungsbefugnis tätig sind – und das betrifft alle Studienrichtungen», sagt Chilian.
Die Werte der Anderen
«Wenn wir der Komplexität einer ethischen Entscheidung gerecht werden wollen, ist eine gründliche Reflexion nötig», sagt Chilian. Eine gute Entscheidung zeichne sich dadurch aus, dass man versuche, alle Aspekte und Akteure rund um eine Fragestellung zu berücksichtigen. Und weil jede akademische Disziplin ihre eigenen Fragestellungen und oft auch Werte habe, sei es sinnvoll, darüber auch interdisziplinär in den Austausch zu treten und nach den grundlegenden Prinzipien der Entscheidungsfindung zu fragen.
Am Modul «Ethik und Verantwortung» waren insbesondere Dozierende aus den Disziplinen Philosophie – mit ihrem Spezialgebiet der Ethik und beispielsweise der Medizinethik – und Theologie beteiligt. Zudem waren Gäste eingeladen, die darüber berichten, wie sie in ihrer beruflichen Praxis mit ethischen Fragen umgehen – etwa ein Jurist einer Softwarefirma.
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Der Blick über die Fachgrenzen war besonders wertvoll.
Für Alina Ring war der Blick über die Fachgrenzen besonders wertvoll. Denn ihr Studienfach Theologie beschäftigt sich zwar mit dem christlichen Wertekompass. Dabei sind Nächstenliebe und die Bereitschaft, zu vergeben, zentral. «Wie man diese Werte aber im konkreten Fall gewichtet und zu einem ethischen Urteil kommt, dazu stellt die Theologie kein Modell bereit», sagt Ring. Umso wertvoller war für sie, Modelle der ethischen Entscheidungsfindung kennenzulernen, wie sie insbesondere in der Philosophie entwickelt werden.
Den Werkzeugkoffer erweitern
Im Seminar ging es darum, seinen eigenen, persönlich passenden Weg zu finden, wie man zu stimmigen ethischen Urteilen kommen kann. «Wir wollen den Studierenden einen Werkzeugkoffer mit Methoden mitgeben», sagt Chilian.
Alina Ring ist fündig geworden im Koffer – bei einer bestimmten Methode der ethischen Entscheidungsfindung. Diese enthält vor allem folgende Schritte: Fakten sammeln, Problem benennen, Argumente analysieren und gewichten, Entscheiden. Gleichzeitig half die Veranstaltung Alina Ring, sich ihrer eigenen Werte noch klarer zu werden, ohne die eine Entscheidung nicht möglich ist. Sie weiss heute: Solidarität, Vergebung, Gleichberechtigung, Wohlwollen und Authentizität sind für sie zentral.
Die Studierenden für ethische Argumente zu sensibilisieren, dazu diente insbesondere auch die schriftliche Arbeit, welche die Teilnehmenden in interdisziplinären Kleingruppen schrieben. Der Auftrag: Eine frei wählbare Person dazu interviewen, wie sie in ihrem Berufsalltag ethische Entscheidungen trifft. Alina Ring war Teil eines Dreierteams, die ein für sie speziell interessantes Thema wählte. Gemeinsam mit einem Doktoranden der Psychologie und einem Studenten der Musikgeschichte interviewte sie einen Rekrutierungspsychologen der Schweizer Armee.
Es bleibt schwierig
Ihr Fazit nach dem Modul: «Es braucht Mut, ethische Entscheidungen zu treffen. Modelle und Theorien schaffen dabei Sicherheit.» Einfacher wurde es für sie nicht, solche Urteile zu fällen. Denn im Laufe der Veranstaltung wurde immer deutlicher, wie komplex ethisch relevante Situationen sind. Eine Erfahrung, die Lea Chilian als Dozentin vertraut ist: «Bei interdisziplinären Veranstaltungen haben die Studierenden nachher oft mehr Fragen als zuvor. Aber das ist ein gutes Zeichen – man erkennt die Vielfalt des Themas», sagt Chilian.
Alina Ring fühlt sich heute mit ihrem neuen Rüstzeug sicherer, wenn es um ethische Fragestellungen geht. Die Frage, ob sie die Schweigepflicht als Militärseelsorgerin im Ernstfall brechen würde, kann sie nicht allgemein beantworten. Was sie weiss: «Es gibt nicht die eine Antwort. Aber ich würde nach diesem Modul eher kühlen Kopf bewahren: Die Situation durchdenken und meinen Entschluss dann gut verantworten können.»