Ethnologie

Getrocknete Sterne

Sternanis ist ein beliebtes Gewürz und enthält medizinische Wirkstoffe. Die Ethnologin Annuska Derks beleuchtet den Anbau der Frucht in Vietnam und folgt ihrer Reise durch die globalisierte Welt.

Fabio Schönholzer

Sternanis
Sternanis
Wohlriechendes Gewürz: Sternanis wird in Vietnam vor allem in Lang Son, einer Bergregion im Nordosten des Landes, angebaut. (Bild: zVg)

 

Unendlich viele Güter werden weltweit produziert, transportiert und verkauft. Sie verbinden dadurch unterschiedliche Menschen, Länder und Kontinente. UZH-Ethnologin Annuska Derks ist fasziniert von den Geschichten, die hinter alltäglichen Gegenständen stecken: «Beobachtet man ihre Produktion und ihre Reise bis zum Konsumenten, blickt man hinter Zusammenhänge, die weit über das scheinbar so einfache Objekt hinausreichen», sagt sie.

Derks, die an der UZH einen Lehrstuhl für Soziale Transformationsprozesse innehat und ihren Schwerpunkt insbesondere auf Südostasien und Vietnam legt, widmet ihre aktuelle Forschung einer kleinen, sternförmigen Frucht: dem Sternanis. In Vietnam wird Sternanis primär in einer kleinen Provinz im Nordosten des Landes angebaut. Von dort wird die Frucht über verschiedene Zwischenhändler und Exporteure entweder im ganzen Land vertrieben oder über das benachbarte China global verteilt. «Der Weg von Stern-anis vom Produzenten bis zum Konsumenten verbindet verschiedene Regionen Vietnams mit der ganzen Welt», sagt Derks. «Der Sternanis trägt die Hoffnung einer kleinen vietnamesischen Provinz auf wirtschaftliches Wachstum und Stabilität.»

Der Sternanis verfeinert – als getrocknetes Gewürz – unter anderem die asiatisch-orientalische Küche, beispielsweise als Zutat der vietnamesischen Nudelsuppe Pho, und ist in verschiedenen Currys oder Tees zu finden. In Europa wird Stern-anis meist in Backwaren und alkoholhaltigen Getränken wie Sambuca und Pastis verwendet. Konzentriert als Öl ergänzt er Kosmetikartikel oder bekämpft als Raumerfrischer unangenehme Gerüche.

Auch die traditionelle vietnamesische und chinesische Medizin schwört auf Sternanis, beispielsweise als Heilmittel gegen Magenprobleme oder Rheuma. Sogar der Schweizer Pharmariese Roche nutzte die Frucht: Denn Sternanis enthält die so genannte Shikimisäure, aus der der Wirkstoff des Anti-Grippe-Medikaments Tamiflu hergestellt wurde. Trotz ihrer vielfältigen Verwendungszwecke konnte die Frucht aber nicht, wie erhofft, zum neuen «Stern» der vietnamesischen Wirtschaft werden.

Den Grund dafür erhellt die gemeinsame Forschung von Annuska Derks und Sarah Turner von der McGill University in Montreal im vom Schweizerischen Nationalfonds SNF unterstützten Projekt «Spice Chains»: Die beiden Wissenschaftlerinnen beleuchten anhand des Sternanis das Spannungsfeld zwischen traditioneller vietnamesischer Landwirtschaft und hartem globalem Handel und sie zeigen das fruchtlose Bemühen des südostasiatischen Landes, sich im internationalen Markt zu behaupten. Dazu recherchierten Derks und Turner in Vietnam und sprachen mit über hundert verschiedenen in Anbau, Vertrieb und Vermarktung von Sternanis involvierten Personen.

Frucht aus dem Wald

Das bedeutendste Anbaugebiet für Sternanis in Vietnam ist die Provinz Lang Son, eine Bergregion im Nordosten, die an China grenzt. Nach einer Schätzung befinden sich rund 70 Prozent aller vietnamesischen Sternanis-Bäume in diesem Gebiet. Neben Reis mit knapp 50000 Hektaren Pflanzfläche ist die Frucht dort mit rund 30000 Hektaren das zweitwichtigste Agrargut. Riesige Sternanis-Wälder zieren die hügelige Landschaft.

Auf Grund der hohen Luftfeuchtigkeit und der geeigneten Bodenstruktur gedeiht Sternanis in Lang Son besonders gut. Die genügsamen Bäume können bis zu 200 Jahre alt werden und müssen kaum gepflegt werden. Darum ist Sternanis neben dem Anbau von anderen Agrarprodukten oder der Viehhaltung häufig ein Nebenverdienst der Kleinbauern in der Region.

Bis die Bäume Früchte tragen, dauert es rund zehn Jahre. Dann werden sie zweimal jährlich von Hand abgeerntet. Eine gefährliche Arbeit, denn Sternanis-Bäume werden bis zu zwanzig Meter hoch und stehen oft in unebenem Gelände oder an Klippen – der begehrte flache Grund ist für den Anbau von Reis und anderen Getreideprodukten bestimmt. Für die Ernte befestigen sich manche Arbeiterinnen und Arbeiter mit einem Seil an den Bäumen, andere legen bloss ein Brett zwischen zwei Äste, um sich darauf zu setzen.

Als Lohn erhalten die Pflückerinnen und Pflücker meist einen Anteil der Ernte, er entspricht einem Tageseinkommen von sechs bis neun US-Dollar. «Tausende Menschen aus ethnischen Minderheiten finanzieren mit Sternanis einen Teil ihres Lebensunterhalts», sagt Derks.

Sternanis
Sternanis
Schwankende Preise, wenig Marktwissen: Sternanis ist fur die vietnamesischen Bauern ein unsicheres Geschäft. (Bild: zVg)

 

Sind die Früchte über vier oder mehr Tage getrocknet, sind sie bereit für den Weiterverkauf: Mit Motorrad oder Wagen bringen Farmer die getrockneten Sterne auf lokale Märkte oder zu Zwischenhändlern. «Diese Händler beziehen den Sternanis oft als Vorleistung der Bauern ohne Bezahlung», erklärt Derks. Bezahlt wird, wenn die Ware weiterverkauft wird – beispielsweise an Grosshändler und Exportunternehmen in der Umgebung von Hanoi. «Darum ist das gegenseitige Vertrauen enorm wichtig. Die Zwischenhändler sind auf die Produkte angewiesen und die Bauern auf angemessene Bezahlung», sagt die Ethnologin.

Die überwiegende Mehrheit des vietnamesischen Sternanis wird schliesslich durch Exporteure in Hanoi nach China verkauft, dem weltweit grössten Exporteur der vielseitigen Frucht. «Dort wird auch viel vietnamesischer Sternanis mit chinesischem vermengt und international abgesetzt», sagt Derks. Und dies zu bedeutend höheren Preisen: Während vietnamesische Bauern knapp drei US-Dollar pro Kilogramm erhalten, wird die gleiche Menge beispielsweise über den chinesischen Onlinehändler Alibaba für sieben US-Dollar vertrieben.

Preisexplosion dank Tamiflu

Zwar wurde Sternanis bereits seit der französischen Kolonialbesetzung Vietnams international vertrieben, doch sorgte erst 1986 die Öffnung der bisherigen zentralen Planwirtschaft zu einer marktorientierten Wirtschaft für einen Anstieg der Preise: Pro Kilogramm Sternanis bezahlte der Markt rund 30 US-Dollar. Reis als wichtigstes

Grundnahrungsmittel kostete zu diesem Zeitpunkt rund einen Dollar pro Kilogramm. Über die Jahre hinweg sind die Preise schliesslich gefallen: Verschiedene Anbieter, insbesondere aus China, drängten sich auf den internationalen Markt.

Mitte der 2000er-Jahre sorgte dann das Interesse des Pharmariesen Roche nochmals für eine Preisexplosion: Das Schweizer Unternehmen beanspruchte für die Produktion von Tamiflu zeitweise bis zu 90 Prozent der globalen Produktion an Sternanis. Doch die grosse Nachfrage war nur von kurzer Dauer: Seit dem Jahr 2012 gewinnt Roche die dazu notwendige Shikimisäure fast ausschliesslich aus gentechnisch veränderten Bakterienkulturen, wodurch die Preise erneut zusammenbrachen.

In Vietnam selbst wissen viele Sternanis-Produzenten und -Händler kaum etwas über die Gesetze des globalen Markts und stehen deshalb den Preisschwankungen meist ratlos gegenüber. Oft haben sie auch keine Ahnung, wofür der geerntete Sternanis verwendet wird, hat Annusk Derks in Gesprächen festgestellt. Das Wissen um die Bedeutung des Sternanis bleibt so auf wenige mächtigere Akteure, etwa Grosshändler, beschränkt. Dies verhindert auch die Gründung von Interessengemeinschaften, die die Situation der Bauern verbessern könnten.

«Made in Lang Son»

Trotz ungewisser Preisentwicklung setzt Vietnam auch heute noch auf das wirtschaftliche Potenzial von Sternanis. Mit einem neu geschaffenen Label, das unter anderem für den naturbelassenen Anbau der Früchte wirbt, wollen Regierungsmitglieder den Export beflügeln. Ihr Ziel ist es, die Region Lang Son künftig als grösste Produzentin von Sternanis weltweit zu positionieren. Bislang zeigen sich Bauern und Händler aber nur wenig beeindruckt von den offiziellen Bemühungen, den vietnamesischen Sternanis zu vermarkten. «Das Label ist zwar in der Provinz bekannt, wird aber ausserhalb kaum wahrgenommen», sagt Derks.

Da der Anbau von Sternanis mehrheitlich in Kleinbetrieben geschieht und nicht auf staatseigenen Plantagen, geht die Regierung mit ihrer Initiative auch kaum Risiken ein. «Sollten die Preise für Sternanis erneut fallen, leiden am Ende vor allem die Bauern», sagt Annuska Derks. Und so bleibt die wohlriechende Frucht, mit der wir auch hierzulande Kompotte, Konfitüren und andere Speisen würzen, für die vietnamesischen Händler und Bauern wohl auch künftig ein unsicheres Geschäft.

Fabio Schönholzer ist Redaktor von UZH News.

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